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Was wir bringen.
Reifender. Gewiß und ungezweifelt, meine Damen!denn wie würde ich mich nur irgend mit Recht einen Physicnsnennen kennen, wenn ich nicht die wunderbaren Mittel, durchdie man das Unmögliche möglich macht, so bequem wie ein an-deres Hocuspocus, in Händen hätte. Beliebt nun, zum Bei-spiel, Ihnen sämmtlich, wie wir hier beisammen sind, den Ortzu verändern, in die Luft zu steigen, an einem andern Orte, aneinem ehrwürdigern Platze sich niederzulassen?
Pathos. Das sollte mir ganz angenehm seyn.
Pho nc. Ich gehe gleich auch mit.
klump hc. Ich entschließe mich, obgleich ungern. Hier von >diesem Bezirk der Unschuld reiße ich mich nur mit Schmerzen los.
Reisender. Nun Alter, wie sieht's mit euch aus? Seydihr auch dabei?
Vater. Es ist ein wunderlicher Vorschlag! Fast habe ichLust! doch sagt mir nur erst, wie es werden soll?
Reisender. Und sie, gute Frau?
Mutter. Nein, ich will nichts damit zu schassen haben.Das ist baare Hexerei! und bin ich doch schon ost bloß darum,weil ich eine tüchtige, gute Hausmutter bin, in den Verdacht ge-kommen , als flöge der Drache bei mir ein und aus. Fort, jun-ger Herr, bleibt mir vom Leibe!
kkcisrnLer. Niemand ist gezwungen. Die meisten Stim-men, hoffe ich, sind für die Fahrt, wenn wir ein künstlichesFuhrwerk herbeischaffen. Wer mitgehen will, hebe die Hand auf!
(Sllle heben die Hand anf außer der Mutter.)
Vorher aber muß ich Sie auch durchaus beruhigen. Von Luft- iballonen haben Sie neuerer Zeit viel gehört. Herren und ^Frauen sind damit aufgestiegen. Ferner aus ältern Zeiten ist !die wahrhafte Geschichte von Faust's Mantel jedem bekannt. Ausdiesen beiden Versuchen werden wir einen dritten bilden, dervortrefflich gelingen muß. Hier oben sehe ich einen Teppich hän-gen ; was ist das für ein Teppich?
Vatrr. Sonst hielten wir ihn sehr in Ehren. Es ist einalter, geerbter Teppich; doch jetzt haben wir ihn dahinauf ge-bunden, weil der letzte Schnee uns eben aus die unverschämtesteWeise im Bette besuchen wollte.
kk ei seil-er. Könnten wir den Teppich nicht geschwindherunter nehmen?
Vater. Geschwind nicht wohl! Ich müßte die große Leiterholen. Wir haben ein paar Stunden gebraucht, um ihn hinaufzu knüpfen.
Reisender. Das thäte so viel nicht. Wenn Sie mitwirkenwollen, meine Schönen, so getraue ich mir ihn in kurzer Zeitherab zu bringen. Nehmen Sie hier diese Blättchen, und singenSie die wenigen Noten. Sie haben sonst von Liedern gehört,mit denen man den Mond herunter zieht; hier gilt es nur einenTeppich; aber es gilt für alles Hohe, das wir zu uns herunterziehen, um uns desto lebhafter von ihm hinausheben zu lassen.(Die Damen singen. Reisender entfernt sich indessen, und benutzt die !Zeit, die zu seiner Umklcidung nöthig ist. Der Teppich steigt lang.sam nieder, und breitet sich auf dem Boden aus.)
Warum doch erschallenHimmelwärts die Lieder? —
Zögen gerne niederSterne, die drobenBlinken und wallen,
Zögen sich Luna's
Lieblich Umarmen,
Zögen die warmen,
Wonnigen TageSeliger GötterGern uns herab!
Reifender (der in einem weite» Talar zurückkomme). Sieverzeihen, wenn ich in einer fremden Tracht erscheine! doch manbewirkt das Wunderbare nicht auf alltägliche Weise. Sie sehen,der Teppich hat sich herabgelassen, und ist eben so bereit, ummit uns allen wieder aufzusteigen. Das Leichte hebt er leichtund mit Grazie, aber auch selbst das Schwerste schleppt er we-nigstens in die Höhe. Wer hat Muth, ihn zu betreten?
Pathos (auf den Teppich tretend). Ich werde ihn in dieHöhe heben, er nicht mich.
phonc. Ich merke schon, wohin das geht; ich bin dabei.
(Sie tritt auf den Teppich.)
klymphc. Ich fühle eine gewisse Furcht. Ganz wohl istmir's nicht zu Muthe; indeß ihr Schwestern zieht mich, und ichbleibe nicht zurück. (Tritt gleichfalls auf den Teppich.)
Reisender. Nun Alter! wie sieht's denn mit euch aus?Getraut ihr euch nicht auch heran?
Vater. Ich möchte wohl! ja, ich kann mich kaum enthal-ten. So etwas Neues und Sonderbares hätte ich gerne längstversucht.
M iittcr. Bist du denn ganz von allem guten Rath ver-lassen? Wo willst du hin? Gelingt es, so bist du anf ewig ver-loren ; mißlingt es, so brichst du wenigstens ein Bein.
Vater. Abhalten lass' ich mich nicht. Wo findet sich so eineGelegenheit zum zweitcnmale? Soll ich nicht so viel Muth habenwie diese schönen Kinder?
phonc. So recht, Vater! Kommt, haltet euch an mir,wcnn's euch schwindelt.
V ater. Charmant! Das will ich mir nicht zum zweiten-male sagen lassen. (Tritt auf den Teppick.)
Reifender (der sie ordnet und revidtrt). Bald ist's gut!noch aber fehlt das Gleichgewicht; denn, sehen Sie, ich werdemich als Ballast quer in die Mitte legen. Die gute Frau mußnothwendig noch heran. Ich bitte gar sehr, komm' sie doch zuuns!
Mutter. Nein! da behüte mich Gott vor! Ich will meinGewissen nicht beflecken! ich bleibe hier stehen und halten, undich will mich gewiß nicht verführen lassen. Lieber Mann, gehemir von dem verwünschten Teppiche herunter! ich bitte dich in-ständig , aus's inständigste!
Vater. Ich habe einmal Posto gefaßt, und ich denke mir,daß daraus was werden soll. Sage dem Gevatter Maurer, sagedem Vetter Zimmermann: sie sollen nur alles besorgen undthun, wie wir es abgeredet haben. Ich fahre indessen hin; ichkomme, will's Gott, wieder. Ein neues Haus, ein neuerMensch. So dächte ich, du kämst auch mit, da wäre doch allesgemeinschaftlich.
(Die vordere Seite des Teppichs fängt an, sich in die Höhe zu hebenund die darauf Stehenden zu bedecken.)
Mutter. O weh! o weh! ich habe es für Spaß gehalten,ich habe es für unmöglich gehalten, und nun macht der Hexen-meister Ernst. Der Teppich geht in die Höhe. Sie fliegen ausund davon. Ich fürchte, auch die Frauen sind durchaus Hexenund Zaubervolk.