Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Was wir bringe».

539

Siebenter Auftritt.

Mercnr. Mutter. Marthe.

Muttcr keilig von der rechten Seite her eintretend). Ist dennniemand, gar niemand hier? Ich laufe mich, in den weitläufi-gen Kreuzgängen, fast außer Athem. Es wird mir bange indieser Einsamkeit.

Mcrcur.

So schneidet mir die gute Frau den Vertrag ab.

Mutter (ihn erblickend). Gott sey Dank, wieder eine leben-dige Seele! Wer ihr auch seyd, habt Barmherzigkeit mit mir,sagt mir, wo ich bin, wo mein Mann ist, und weil ihr gewißmit diesen Hexenmeistern zusammenhängt, so schafft mir dochmeine Sonntagskleider. Zu Hause im Kasten liegen sie ganzordentlich auf einander. Für einen von euren Geistern ist esein kleines Packet, und mir ist alles daran gelegen, mich alseine wohl anständige Person zu recoinmandiren.

Mtrcur (gegen das Publirum gewendet).

Doch daß ich ihre Gegenwart sogleich benutze,

So sprech' ich's aus: Hier diese gute Frau,

So wenig es ihr Ansehn geben mag,

Ist selbst ein allegorisch Wesen.

Mutter. Wie? was? ich ein Wesen? ich allegorisch?Das sagt mir ein anderer nach! Ich bin nicht allegorisch, binnicht ü la modisch. Doch wenn ich saubere Kleider haben will,um mich anständig in vornehmer Gesellschaft sehen zu lassen, soist es eine Schuldigkeit. Man geht nicht mit Alltagskleidern indie Kirche.

Mcrcur (immer gegen das PubNcnm gekehrt).

Man könnte sie auch wohl symbolisch nennen.

Muttrr. Das ist zu arg, mein Herr, ich bin nicht simpel.Ein gutes, einfaches Weib bin ich, das will ich bleiben und dafürgelten. (Sie weint.)

Mcrcur (wie oben).

Sie weine nur, bis ich mich deutlicher erklärt.

Sie zeigt, symbolisch, jenes aufgeweckte Spiel,

Das euch, grotesk, die Menschen darzustellen wagt.

Beschränkten Eigenwillen, heftige Begier

Und Abscheu, Zornes Raserei und faulen Schlaf,

Leichtfertige Verwegenheit, gemeinen Stolz.

In solchem Spiele tritt sie auf als Meisterin,

Und außerdem, in manchem Sinn, erfreut sie euch.

Doch heute hat sie sich das Eine BauerweibSo fest in Kopf gesetzt.

(Auf sie los gehend.)

Madame!

Mutter. Ei was Madame! Frau Marthe bin ich.Mcrcur.

Wer diese Säle nur betritt, der ist Madame;

Drum fügen Sie sich nur!

Mutter (ihm scharf in's Gesicht sehend). Irr' ich mich nicht,so seyd ihr gar der Schelm, der mir den Mann entführt. Woist mein Mann?

Achtzehnter Auftritt.

Die Vorigen. Vater Märten (im EtaatSkleide).

Mcrcur.

Dieß zu erfahren, fragen Sie die Excellenz,

Die dort sich, gravitätisch langsam, her bewegt.

Der Herr muß alles wissen; denn er ist schon längstDer Königin Factotum, die uns all vereint.

Mutter (geht, mit -»nehmenden Reverenzen, auf den Her-eintretenden los).

Mcrcur.

Ich rede wahr; denn manuichfaltig sind des MannsBemühungen, ihr wißt es wohl, in manchem Fach:

Doch heute stellt er euch das biedre Schauspiel dar,

Das euch des bürgerlichen Lebens innern Gang,

Mit wahrer Form und Farbe, vor die Augen bringt.

Ihr wißt, wem dieß die deutsche Bühne gern verdankt.

Nicht ungerüstet kommen wir zu diesem Fach.

(Wie die beiden andern vortreten, zieht er sich ein wenig zurück.)

llatcr tdcr gravitätisch, ohne auf die Frau zu merken, gegendas Proscenium hervor gekommen). Was will sie, gute Frau?

Mutter. Ach! gnädiger Herr! wo ist mein Mann? Siehaben mir meinen Mann entführt. Ich bitte, um aller Weltwillen, schaffen Sie mir ihn wieder!

Unter. Haben ihn die Werber weggenommen? So einejunge, hübsche Frau mag wohl einen hübschen, rüstigen Mannhaben. Ich bedaure ihren Verlust! Es geht jetzt etwas heftigmit der Rekrutirung.

Mutter. Ach mein Gott! was sprechen Euer Excellenz!was sprechen Sie von rüstig! von Rekruten! Einen armen, al-ten, schwachen Ehekrüppel muß ich schon mehrere Jahre nur sohegen und Pflegen.

Vatrr (halb vor sich). Ei du vermaledeites Weib!

Mnttcr. Was meinen Euer Excellenz?

vatcr (mit verhaltenem Zorn). Ich meine, daß eine Fraubesser von ihrem Mann sprechen sollte.

Mutter. Verzeihen Euer Excellenz, ich habe viel zu vielRespect, um Ihnen eine Unwahrheit zu sagen. Die Haushal-tung liegt ganz allein auf mir, mit dem Feldbau geht es nur soso. Nun hat er sich aus lauter Müßiggang, beim Pfeifchen Tabak,einen neuen Hausbau ausgebucht. Ueberhaupt weiß ich gar nicht,was ich denken soll. Ehemals tappte er, nun man sollte es nichtsagen, aber wahr ist's, auf allen Vieren, nur so durch die Welthin, und sah weder rechts noch links, und gehorchte mir blindlings;nun aber hat er sich auf einmal auf die Hinterbeine gesetzt.

Vater. Ordentlich wie ein Mensch? Da thut er wohl dran.

Mutter. Keineswegs! denn gleich hauen die Männer überdie Schnur, wenn man ihnen ein bißchen Luft läßt. Er hat sichmit Hexenmeistern eingelassen, die haben ihn auf und davon ge-führt und mich selbst behext, daß ich nicht weiß, wo ich zu Hausebin. Der thörichte Graukopf ist an allem Schuld.

Vatcr. Sie sollte vom Alter nicht verächtlich reden! weißsie das? Ich bin auch alt und bin kein Krüppel, kein Tagedieb.

Mutter. Ach, ich bitte tausendmal um Vergebung! mitEuer Excellenz ist es ganz was anders. Euer Excellenz stehenso derb auf den Füßen, anstatt daß mein Alter immer mit ge-knickten Knieen herumschlurft. Wie schön gerad halten Sie sichnicht! indeß mein Alter krumm und gebückt einher geht. In