Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Theatrrreden.

557

Prolog.

Halle, den 6. August l8ll.

Daß ich, mit bunten Kränzen reichlich ausgeschmückt,

Mit Blumen-Stab und Krone, wie zum schönsten Fest,Vor euch erscheine, drob verwundre niemand sich!

Denn für den Guten bleibt es wohl das höchste Fest,Wenn alte Schulden zu entrichten ihm gelingt,

Und wenn ihm dankbar sich zu zeigen endlich glückt.

Wie sind wir fröhlich, gegenwärtig hier am OrtVor euch zu treten, euch, die ihr so manchesmalAn ferner Stätte günstig uns zu suchen kanit,

Und nicht des Wegs Unbilden, nicht der Sonne Gluth,Nicht drohender Gewitter Schreckniß achtetet.

Da haben wir, was immer wir vermocht, gethan,

Um euer Zutraun zu erwiedern, eures GeistsGereiften Beifall, eurer Herzen ZartgefühlUns zu gewinnen, wie dem Dichter und der Kunst.

So kommen wir denn heute nicht als Bittende,

Mit bänglicher Erwartung, in ein fremdes Land;

Als Dankende begegnen wir Bekannten schon

Und Gönnern, Freunden, längst erprobter Neigung froh.

Auch, was wir bringen, ist euch allen wohlbekannt:

Das Mannichfalt'ge vorzutragen ist uns Pflicht,

Damit ein jeder finden möge, was behagt;

Was einfach, rein natürlich und gefällig wirkt,

Was allgemein zu jedem frohen Herzen spricht;

Doch auch das Possenhafte werde nicht verschmäht;

Der Haufe fordert, was der ernste Mann verzeiht.

Und diesen zu vergnügen sind wir auch bedacht:

Denn manches, was zu stiller Ueberlegung euch,

Zu tieferm Antheil rührend anlockt, bringen wir,Entsprossen vaterländ'schem Boden, fremdem auch:Unmuthig Großes; dann das große Schreckliche.

So schaffet Mannichfaltigkeit die höchste Lust,

Beschäftigt leicht den Geist und Sinn Gebildeter,

Und bildet jeden, den zum Urtheil sie erregt.

Jedoch was sprech' ich schon Bekanntes wieder aus!Verzeiht! so ist es: wenn wir mit WohlwollendenVon Angesicht zu Angesicht uns finden, gehtDas Herz uns auf, die Rede fließt vom Munde leicht,Und immer ist's, als bliebe mehr zu sagen noch.

So möcht' ich auch der guten, längst verehrten StadtUnd ihren wohlgesinnten Bürgern Glück und HeilVon Herzen wünschen, froh Gelingen jeder ThatUnd jedes Unternehmens, daß zu neuer LustDes neuen Herrschers wohl gedeihe dieses Volk!

Zwar vom Verdienst so manches weisen, thätigenUnd frommen Mannes, welcher standhaft hier gewirkt,Von Tausenden, die hier gebildet, VaterlandUnd Ausland so durch Lehre wie durch That beglückt,

Und vom Gewerbsinn vieler rüstig SchaffendenWill ich nicht reden; aber was zum nächsten unsUnd eigentlich berühret, ja hieher beruft,

Das darf ich preisen; denn ihr seyd ja gleichen Sinns.

Entwallet nicht der Erde dort ein Wunderquell,

Und füllt geraume Becken mit erprobtem Naß,

Das bald verdampfend werthe Gaben hinterläßt!

Die größte Gabe sag' ich wohl mit kühnem Wort,

Die allergrößte, welche Mutter Tellus beut!

Sie giebt uns Gold und Silber aus dem reichen Schooß,Das aller Menschen Aug' und Herzen an sich zieht;

Sie reicht das Eisen allgemeinem Kunstgebranch,

Das so zerstört als bauet, so verderbt als schützt;

Sie reicht uns tausend, abertausend andres Gut:

Doch über alles preis' ich den gekörnten Schnee,

Die erst' und letzte Würze jedes Wohlgeschmacks,

Daö reine Salz, dem jede Tafel huldiget!

Denn wohl vergebens hätte Ceres ausgestreutZahllose Samen, endlos Frucht auf Frucht gehäuft;Vergebens nährte tief im finstern WaldgcbllschDer Heerden Zucht Diana, wie im Blachgefild;Vergebens hegten Amphitritens Nymphen weitIm Ocean, in Flüssen, Bächen, bis zum FelsHinauf, Gewimmel leicht bewegter Wunderbrut;Vergebens senkte Phöbus lebensreichen BlickAuf die Geschwader, die in Lüften hin und herUnd doch zuletzt dem Menschen in die Netze ziehn,

Dem klugen, allverzehrenden; denn wenig ist,

Was er dem Gaumen anzueignen nicht gelernt:

Doch wäre ganz vergeblich aller Götter Gunst,

Umsonst des Menschen vielgewandtes Thun, umsonstDes Feuers Kraft, das alle Speisen zeitiget

Wenn jener Gabe Wohlthat uns Natur versagt,

Die erst mit Anmuth würzet, was die Nothdurft heischt.Und wie den Göttern wenig Weihrauch gnügen magZum frommen Opfer, also bleibt beim TafelfestZuletzt des Salzes Krume, die man prüfend streut,

Ein trefflich Sinnbild dessen, was begeistcnd wirkt,Geselligkeit belebet, Freund und Freund bewährt.

Doch so viel Gutes reichlich auch Natur verlieht!,

Des Menschen Geist verbessert's immer und erhöht's;Was alles nur genossen ward und was genutzt,

Zu größer:» Nutzen steigert er's, zu höherm Zweck.

> Ist nicht Gesundheit allen uns das höchste Gut?

Und werden wir von tausend Uebeln nicht bedrängt,

So daß nach allen Seiten wir um Rettung flehn?Drum Heil den Männern, deren tiefer, edler SinnZum Wohl des Kranken jenen Quell bereitete,

Und klug erwägend neue Kräfte künstlich schafft;

Dabei auch Sorge väterlich und wirthlich hegt,Rolhwend'gem gleich das Angenehme zugesellt:

Wie ihr an diesem Saale mit Erheitrung seht,

Der schön verziert und allen uns gemächlich ist.

O werde das, was ernstlich sie gethan und thun,

Von jedermann mit offnem, warmem Dank erkannt!

Nun wend' ich mich an alle, die als Gäste hierMit Hoffnung sich der neuen Segensqnelle nahn,

Und spreche nichts von allen frommen Wünschen aus,