Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Theaterreden.

Doch hat cr, so geübt, so vollgehaltig,

Dieß bretterne Gerüste nicht verschmäht;

Hier schildert' cr das Schicksal, das gewaltigVon Tag zu Nacht die Erdcnachse dreht,

Und manches tiefe Werk hat, reichgcstaltig,

Den Werth der Kunst, des Künstlers Werth erhöht;Er wendete die Blüthe höchsten Streben«,

Das Leben selbst, an dieses Bild des Lebens.

Ihr kanntet ihn, wie er mit RiesenschritteDen Kreis des Wollen«, des Vollbringens maß,Durch Zeit und Land, der Völker Sinn und Sitte,Das dunkle Buch mit heiterm Blicke las;

Doch wie er athemlos in unsrer Mitte,

In Leiden bangte, kümmerlich genas,.

Das haben wir in traurig schönen Jahren,

Denn er war unser, leidend mitersahren.

Ihn, wenn er vom zerrüttenden GewühleDes bittern Schmerzes wieder aufgeblickt,

Ihn haben wir dem lästigen GefühleDer Gegenwart, der stockenden, entrückt,

Mit guter Kunst und ausgesuchtem SpieleDen neubclebten edlen Sinn erquickt,

Und noch am Abend vor den letzten SonnenEin holdes Lächeln glücklich abgewonnen.

Er hatte früh das strenge Wort gelesen,

Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut.

So schied er nun, wie er so oft genesen;

Nun schreckt uns das, wofür uns längst gegraut.Doch schon erblicket sein verklärtes WesenSich hier verklärt, wenn es hernieder schaut:

Was Mitwelt sonst an ihm beklagt, getadelt,

Es hat's der Tod, es hat'« die Zeit geadelt.

Auch manche Geister, die mit ihm gerungen,

Sein groß Verdienst unwillig anerkannt,

Sie fühlen sich von seiner Kraft durchdrungen,

In seinem Kreise willig festgebannt:

Zum Höchsten hat er sich emporgeschwungen,

Mit allem, was wir schätzen, eng verwandt.

So feiert ihn! denn was der» Mann ras LebenNur halb ertheilt, soll ganz die Nachwelt geben.

So bleibt er uns, der vor so manchen JahrenSchon zehne sind's! von uns sich weggekehrt!Wir haben alle segenreich erfahren,

Die Welt verdank' ihm, was er sie gelehrt;

Schon längst verbreitet sich'« in ganze Schaaren,Das Eigenste, was ihni allein gehört.

Er glänzt uns vor, wie ein Koinet entschwindend,Unendlich Licht mit seineni Licht verbindend.

Prolog

zu Eröffnung des Berliner Theatersim Mai >821.

Prächtiger Saal im antiken Stvl. Aussicht auf's weite Meer.

I.

Die Muse -es Dramas,

herrlich gekleidet, tritt auf im Hintergründe.

So war es recht! So wollt' es meine Macht!

(Sie scheint einen Augenblick zn stutzen, Theater und Saal betrachtend.)Und doch erschreck' ich vor der eignen Pracht;

Was ich gewollt, gefordert und befahl,

Es steht, und übertrifft mein Wollen hundertmal.

Ich dachte mir's, doch mit bescheidnem Hoffen;

Verwandte Kunst, sie hat mich übertreffen.

Mit Unbehagen fühl' ich mich allein,

Der ganze Hofstaat muß versammelt sehn.

Wo bleibt ihr denn? die, wenn ich nicht beschränkte,Zudringlich eins das andre gern verdrängte:

Der frühste Heldensinn, des Mittelalters Kraft,

Die heitre Tagswelt, sittsam Possenhaft?

Ihr Wechfelbilder, ihr des Dichters Träume,

Herein mit euch und füllt mir diese Räume!

j Nun fasse dich! dem Ort gemäß, der Zeit:

! Beschleunigen ist Ungerechtigkeit.

In buntem Schmuck durchzieht schon manches Chor,

Sich vorbereitend, Säujengang und Thor,

Zn Gleichem Gleiches reihenhaft gesellt,

Weil jedes, rein gesondert, mehr gefällt.

Nichts übereilt! Ich lob' euch, die ich schalt,

Mit Sparsamkeit gebrauchet Kunstgewalt,

Und tretet nächtlich in der Jahre Lauf,

Den Sternenhimmel überbietend, auf;

So daß ein Herz, auch an Natur gewöhnt,

Nach eurem Kreis, dem leuchtenden, sich sehnt.

Sie rüsten sich, den hehren Raum zu schmücken,

Ihr sollt sie alle wohlgereiht erblicken;

Doch gebt mir zu, daß ich, was ich entwarf,

Was alle wollen, gleich verkünden darf.

Vom tragisch Reinen stellen wir euch darDes düstern Wollens traurige Gefahr;

Der kräftige Mann, voll Trieb und willevoll,

Er kennt sich nicht, er weiß nicht, was er soll,

Er scheint sich unbezwinglich wie sein Muth,

Und wüthet hin, erreget fremde Wuth,

Und wird zuletzt verderblich überrenntVon einem Schicksal, das er auch nicht kennt.

Unmaaß in der Beschränkung hat zuletztDie Herrlichsten dem Uebel ausgesetzt,

Und ohne Zeus und Fatum, spricht mein Mund,

Ging Agamemnon, ging Achill zu Grund.

Ein solches Drama, wer es je gethan,