Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Theaterreden.

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Es stand dem Gricchenvolk am besten an;

Sie haben, großen Sinns und geistiger Macht,

Mit wenigen Figuren das vollbracht.

Nach Jahren stiirmt's auf wogen! Wellenmcere;Wir führen euch znm Schauplatz ganze Heere.

Die Mittelzeit gebierct Mann für Mann,

Der Tüchtige hilft sich, wie er helfen kann,

Und wenn zuletzt ihm Fehl zu Fehle schlägt,

Ergiebt er sich dem Kreuze, das er trägt.

Was Dulden seh, erscheint ihm nur gering,

Weil er im Handeln an zu dulden fing;

Entsagung heiligt Kriegs - und Pilgerschritt;

Sie treibt's zu leiden, weil der Höchste litt.

Nun aber zwischen beiden liegt, so zart,

Ein Mittelglied von eigner holder Art.

Schicksal und Glaube finde» keinen Theil,

In reiner Brust allein ruht alles Heil:

Denn immerfort bei allem, was geschah,

Blieb uns ein Gott im Innersten so nah;

Wo Erd' und Himmel sich im Gruße segnen,

Dem Staunenden als Herrlichstes begegnen.

Wenn obere Regionen so sich halten,

Wo Fürst und Fürstin überschwenglich walten,

So mag darauf Gewöhnliches geschehn!

Ein Bürger kommt, auch der ist gern gesehn,

Mit Frau und Kindern häuslich eingezwängt,

Von Grillenqual, von Gläubigern gedrängt,

Sonst wackrer Mann, wohlthätig und gerecht,

Nach Freiheit lechzend, der Gewohnheit Knecht;

Die Tochter liebt, sie liebt nicht, den sie soll,

Ein muntrer Sohn, gar mancher Schwänke voll,Und was an Ohcini, Tanten, dienstbar'» Alten,Sich Charaktere seltsamlich entfalte»:

Das alles macht uns heiter, macht uns froh,

Denn ungefähr geht es zu Hause so.

Und was die Bühne künstlich vorgestellt,

Erträgt man leichter in der Werkelwclt;

Die Thoren läßt man durcheinander rennen,

Weil wir sie schon genau im Bilde kennen.

Jetzt liegt uns nah, was wir auch nicht verschmähn,Das Possenhafte, gleichfalls gern gesehn;

Doch niemand wünscht sich's in das eigne Hans,Die Sittlichkeit wies es zur Thür hinaus;

Bon Markt und Straßen selbst hinwcggebanntHat sich's getrost der Bühne zugewandt,

Weil dort die Kunst, zu ihrem höchsten Preis,Gemeine Roheit klug zu mildern weiß,

Daß der Gebildete zuletzt erschrickt,

Wenn ihn Absurdes fesselt und entzückt.

Dieß darf ich heute nur mit Worten schildern,

Doch seht ihr alles in belebten BildernVor eurem Blick zunächst vorübergeht!.

Mir zaubern euch zu heiligem Tempelfeste,

Goethe, Werke. I.

Zur Krönungsseier schmücken wir Paläste;

Was alt' und neue Zeit gebäulich wies,

Nach düstrer Burgen stolzem Rittersaals,

Erblickt ihr Thürme, kirchliche Portale,

Krenzgang, Capelle, Keller und Verlies.

Und innerhalb der Räume seht ihr waltenDer Zeit, dem Ort gewidmete Gestalten,

Tagtäglich führt man euch zu andrer Welt.

Und wie bequem ist's doch mit uns zu reisen!

Die besten Pfade wird man jedem weisen,

Der sich der Muse treulich zugesellt.

<Sie tritt begeistert zurück, als wenn sie etwas in den Lüste» hörte.)Was ruft! Ein Dämon! Helfet mir bedenken!

Ich soll den Schritt nach andrer Seite lenken.

Ja! was ich sagte, sagt' ich offenbar

Dem Menschensinn gemäß, wahrhaft und klar;

Nach Wunderbarem aber treibt mich's, will es fassen.

Nun folgt mir gern! sonst müßt' ich euch verlassen.

(Sie eilt hinweg.)

II.

Das Theater verwandelt sich in eine Wald- »nd Felshartie.

Blasende Instrumente hinter der Coulisse unterhalte» die Aufmerk-samkeit und leiten das Folgende ein.

Dir Muse

tritt auf, den Thhrsus in der Hand, ein Pantherfell um die Schul-tern , das Haupt mit Eschen bekränzt.

Tausend, abertausend StinimenHör' ich durch die Lüfte schwimmen.

Wie sie wogen, wie sie schwellen!

Mich umgeben ihre Wellen,

Die sich sondern, die sich einen,

Sie, die ewig schönen, reinen.

Wie sie mir in's Ohr gedrungen,

Wie sie sich in's Herz geschlungen,

Stürmen sie nach allen Seiten,

Von der Nähe zu den Weiten,

Berghinan und thalhernieder,

Und das Echo schickt sie wieder.

(Das Theater verfinstert sich.)

Und von den niedern zu den höchsten StufenSind Kräfte der Natur hervorgerufen.

Die Atmosphäre trübt sich, ist erregt,

Der Donner rollt, ein Blitz der prasselnd schlägt,Zersplittert Wald und Fels, die moosigen Alten,

Die Rinde gar des Bodens wird gespalten.

(Ein rother Schein überzieht das Theater.)

Eedschlünde thun sich auf, ein FeuerqualmZuckt stammend übcr's Feld, versengt den Halm,

Versengt der Bäume lieblich Blüthenreich.

Nun herrscht die Nacht, das Leben stockt sogleich,

Und aus den Grüften hebt sich leis heranDas Gnomenvolk und wittert alles an,

Und wittert alles aus, und spürt den Platz,

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