Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Die guten Weiber

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Meiner Freundin schien ihre Wohnung leer, der Spazierganguninteressant; der Hund, der sonst neben ihr lag, wennsie an mich schrieb, war ihr, wie das Thier in dem Bildeines Evangelisten, nothwendig geworden, die Briefe wolltennicht mehr fließen. Zufällig fand sich ein junger Mann, derden Platz des vierfüßigcn Gesellschafters zu Hause und auf denPromenaden übernehmen wollte. Genug, man mag so billigdenken, als man will, die Sache stand gefährlich.

Madame Sey ton. Ich muß dich nur gewähren lassen.Eine wahre Geschichte ist ohne Exaggeration selten erzählens-werth.

Lryton. Ein beiderseitiger Freund, den wir als stillenMenschenkenner und Herzenskenner zu schätzen mußten, warzurückgeblieben, besuchte sie manchmal, und hatte die Verände-rung gemerkt. Er beobachtete das gute Kind im Stillen undkam eines Tages mit einem Windspiel in's Zimmer, das demersten völlig glich. Die artige und herzliche Anrede, womitder Freund sein Geschenk begleitete, die unerwartete Erschei-nung eines aus dem Grabe gleichsam auferstandenen Günst-lings, der stille Vorwurf, den sich ihr empfängliches Herz beidiesem Anblick machte, führten mein Bild auf einmal lebhaftwieder heran; der junge menschliche Stellvertreter wurde aufeine gute Weise entfernt und der neue Günstling blieb ein steterBegleiter. Als ich nach meiner Wiederkunft meine Geliebtewieder in meine Arme schloß, hielt ich das Geschöpf noch fürdas alte, und verwunderte mich nicht wenig, als es mich wieeinen Fremden heftig anbellte. Die modernen Hunde müssenkein so gutes Gedächtniß haben als die antiken! rief ich aus:Ulyß wurde nach so langen Jahren von deni seinigen wiedererkannt, und dieser hier konnte mich in so kurzer Zeit vergessenlernen. Und doch hat er deine Penelope auf eine sonderbareWeise bewacht! versetzte sie, indem sie mir versprach, dasRäthsel aufzulösen. Das geschah auch bald; denn ein heiteresVertrauen hat von jeher das Glück unserer Verbindung gemacht.

Madame Zeyton. Mit dieser Geschichte mag's so bewen-den. Wenn dir's recht ist, so gehe ich noch eine Stunde spa-zieren ; denn du wirst dich nun doch an den l'Hombretisch setzen.

Er nickte ihr sein Ja zu; sie nahm den Arm ihres Haus-freundes an und ging nach der Thüre. Liebes Kind, nimmdoch den Hund mit! rief er ihr nach. Die ganze Gesellschaftlächelte, und er mußte mit lächeln, als er es gewahr ward,wie dieses absichtslose Wort so artig paßte, und jedermanndarüber eine kleine stille Schadenfreude empfand.

Sinklair. Sie haben von einem Hunde erzählt, derglücklicherweise eine Verbindung befestigte; ich kann von einemandern sagen, dessen Einfluß zerstörend war. Auch ich liebte,auch ich verreiste, auch ich ließ eine Freundin zurück. Nur mitdem Unterschied, daß ihr mein Wunsch, sie zu besitzen, nochunbekannt war. Endlich kehrte ich zurück. Die vielen Gegen-stände, die ich gesehen hatte, lebten immer fort vor meinerEinbildungskraft; ich mochte gern, wie Nückkehrende pflegen,erzählen, ich hoffte auf die besondere Theilnahme meinerFreundin. Vor allen anderen Menschen wollte ich ihr meineErfahrungen und meine Vergnügungen mittheilen. Aber ichsand sie sehr lebhaft mit einem Hunde beschäftigt. That sie'saus Geist des Widerspruchs, der manchmal das schöne Ge-schlecht beseelt, oder war es ein unglücklicher Zufall, genug, dieliebenswürdigen Eigenschaften des Thiers, die artige Unter-

haltung mir demselben, die Anhänglichkeit, der Zeitvertreib,kurz was alles dazu gehören mag, waren das einzige Gespräch,womit sie einen Menschen unterhielt, der seit Jahr und Tageine weit- und breite Welt in sich aufgenommen hatte, ich stockte,ich verstummte, ich erzählte so manches andere, was ich abwesendihr immer gewidmet hatte, ich fühlte ein Mißbehagen, ich ent-fernte mich, ich hatte Unrecht und ward noch unbehaglicher.Genug, von der Zeit an ward unser Verhältniß immer kälter,und wenn es sich zuletzt gar zerschlug, so muß ich, wenigstensin meinem Herzen, die erste Schuld jenem Hunde beimessen.

Armidoro, der aus dem Cabinet wieder zur Gesellschaftgetreten war, sagte, nachdem er diese Geschichte vernommen:Es würde gewiß eine merkwürdige Sammlung geben, wennman den Einfluß, den die geselligen Thiere auf den Menschenausüben, in Geschichten darstellen wollte. In Erwartung, daßeinst eine solche Sammlung gebildet werde, will ich erzählen,wie ein Hündchen zu einem tragischen Abentheuer Anlaß gab:

Ferrand und Cardano, zwei Edelleute, hatten von Jugendaus in einem freundschaftlichen Verhältniß gelebt. Pagen anEinem Hose, Officiere bei Einem Regimente, hatten sie garmanches Abentheuer zusammen bestanden, und sich aus demGrunde kennen gelernt. Cardano hatte Glück bei den Weibern,Ferrand im Spiel. Jener nutzte das seine mit Leichtsinn undUebermuth, dieser mit Bedacht und Anhaltsamkeit.

Zufällig hinterließ Cardano einer Dame, in dem Momentals ein genaues Verhältniß abbrach, einen kleinen schönenLLwenhund; er schaffte sich einen neuen und schenkte diesen einerandern, eben da er sie zu meiden gedachte, und von der Zeitan ward es Vorsatz, einer jeden Geliebten zum Abschied einsolches Hündchen zu hinterlassen. Ferrand wußte um diese Posse,ohne daß er jemals besonders aufmerksam darauf gewesen wäre.

Beide Freunde wurden eine lange Zeit getrennt und fandensich erst wieder zusammen, als Ferrand verheirathet war undauf seinen Gütern lebte. Cardano brachte einige Zeit theilsbei ihm, theils in der Nachbarschaft zu, und war auf dieseWeise über ein Jahr in einer Gegend geblieben, in der er vielFreunde und Verwandte halte.

Einst sieht Ferrand bei seiner Frau ein allerliebstes Löwen-hündchen; er nimmt es auf, es gefällt ihm besonders, er lobtes, streichelt es, und natürlich kommt er auf die Frage, wohersie das schöne Thier erhalten habe? Von Cardano, war dieAntwort. Auf einmal bemächtigt sich die Erinnerung vorigerZeiten und Begebenheiten, das Andenken des frechen Kenn-zeichens, womit Cardano seinen Wankelmuth zu begleitenpflegte, des Sinnes des beleidigten Ehemanns; er fällt inWuth, er wirft das artige Thier unmittelbar aus seinen Lieb-kosungen mit Gewalt gegen die Erde, verläßt das schreiendeThier und die erschrockene Frau. Ein Zweikampf und mancher-lei unangenehme Folgen, zwar keine Scheidung, aber einestille Uebereinkunft, sich abzusondern, und ein zerrüttetesHauswesen machen den Beschluß dieser Geschichte.

Nicht ganz war diese Erzählung geendigt, als Eulalie indie Gesellschaft trat, ein Frauenzimmer, überall erwünscht,wo sie hinkam, eine der schönsten Zierden dieses Clubbs, eingebildeter Geist und eine glückliche Schriftstellerin.

Man legte ihr die bösen Weiber vor, womit sich ein geschick-ter Künstler an dem schönen Geschlecht versündigt, und sieward aufgefordert, sich ihrer bessern Schwestern anzunehmen.