528
Die guten Weiber.
Wahrscheinlich, sagte Amalie, wird nun auch eine Aus-legung dieser liebenswürdigen Bilder den Almanach zieren!Wahrscheinlich wird es dem einen oder dem andern Schrift-steller nicht an Witz gebrechen, um das in Worten noch rechtaufzudröseln, was der bildende Künstler hier in Darstellungenzusammengewoben hat.
Sinklair, als Freund des Herausgebers, konnte weder dieBilder ganz fallen lassen, noch konnte er läugnen, daß hierund da eine Erklärung nöthig sey, daß ein Zerrbild ohne Er-klärung gar nicht bestehen könne und erst dadurch gleichsambelebt werden müsse. Wie sehr sich auch der bildende Künstlerbemüht, Witz zu zeigen, so ist er doch niemals dabei auf seinemFeld. Ein Zerrbild ohne Inschriften, ohne Erklärung istgewissermaaßen stumm, es wird erst etwas durch die Sprache.
Amalic. So lassen Sie denn auch dieses kleine Bild hierdurch die Sprache etwas werden! Ein Frauenzimmer ist ineinem Lehnsessel eingeschlafen, wie es scheint, über dem Schrei-ben; ein anderes, das dabei steht, reicht ihr eine Dose oder.sonst ein Gefäß hin, und weint. Was soll das vorstellen?
Sinklair. So soll ich also den Erklärer machen, obgleichdie Damen weder gegen die Zerrbilder noch gegen ihre Erklä-rer gut gesinnt zu seyn scheinen? Hier soll, wie man mirsagte, eine Schriftstellerin vorgestellt seyn, welche Nachts zuschreiben Pflegte, sich von ihrem Kammermädchen das Dinten-faß halten ließ und das gute Kind zwang, in dieser Stellungzu verharren, wenn auch selbst der Schlaf ihre Gebieterinüberwältigt und diesen Dienst unnütz gemacht hatte. Sie wolltedann beim Erwachen den Faden ihrer Gedanken und Vorstel-lungen, so wie Feder und Dinte sogleich wiederfinden.
Arbon, ein denkender Künstler, der mit Eulalien gekommenwar, machte der Darstellung, wie sie das Blatt zeigte, denKrieg. Wenn man, so sagte er, ja diese Begebenheit, oderwie man es nennen will, darstellen wollte, so mußte man sichanders dabei benehmen.
Henriette. Nun lassen Sie uns das Bild geschwind aus'sneue componiren!
Arbon. Lassen Sie uns vorher den Gegenstand genaubetrachten! Daß jemand sich beim Schreiben das Tintenfaßhalten läßt, ist ganz natürlich, wenn die Umstände von der Artsind, daß er es nirgends hinsetzen kann. So hielt Brantome'sGroßmutter der Königin von Navarra das Dinteufaß, wenndiese, in ihrer Sänfte sitzend, die Geschichten aufschrieb, diewir noch mit so vielem Vergnügen lesen. Daß jemand, der in:Bette schreibt, sich das Tintenfaß halten läßt, ist abermals derSache gemäß. Genug, schöne Henriette, die Sie so gern fragenund rathen, was mußte der Künstler vor allen Dingen thun,wenn er diesen Gegenstand behandeln wollte?
Henriette. Er mußte den Tisch verbannen, er mußtedie Schlafende so setzen, daß in ihrer Nähe sich nichts befand,wo das Tintenfaß stehen konnte.
Arbon. Gut! ich hätte sie in einem der gepolsterten Lehn-sessel vorgestellt, die man, wenn ich nicht irre, sonst Bergerennannte, und zwar neben einem Kamin, so daß man sie vonvorn gesehen hätte. Es wird supponirt, daß sie auf dem Kniegeschrieben habe; denn gewöhnlich, wer anderen das Unbe-queme zumuthet, macht sich's selbst unbequem. Das Papierentsinkt dem Schooße, die Feder der Hand, und ein hübschesMädchen steht daneben und hält verdrießlich das Dintensaß. l
Henriette. Ganz recht! denn hier haben wir schon einDintensaß auf dem Tische. Daher weiß man auch nicht, wasman aus dem Gefäß in der Hand des Mädchens machen soll.Warum sie nun gar Thränen abzuwischen scheint, läßt sich beieiner so gleichgültigen Handlung nicht denken.
Sinklair. Ich entschuldige den Künstler. Hier hat erdem Erklärer Raum gelassen.
Arbon. Der denn auch wahrscheinlich an den beidenMännern ohne Kopf, die an der Wand hängen, seinen Witzüben soll. Mich dünkt, man sieht gerade in diesem Falle, aufwelche Abwege man geräth, wenn man Künste vermischt, dienicht zusammengehören. Wüßte man nichts von erklärtenKupferstichen, so machte man keine, die einer Erklärung bedür-fen. Ich habe sogar nichts dagegen, daß der bildende Künstlerwitzige Darstellungen versuche, ob ich sie gleich für äußerstschwer halte; aber auch alsdann bemühe er sich, sein Bildselbstständig zu machen. Ich will ihin Inschriften und Zettelaus dem Munde seiner Personen erlauben; nur sehe er zu, seineigener Commentator zu werden.
Sinklair. Wenn Sie ein witziges Bild zugeben, so wer-den Sie doch eingestehen, daß es nur für den Unterrichteten,nur für den, der Umstände und Verhältnisse kennt, unter-haltend und reizend seyn kann; warum sollen wir also demCommentator nicht danken, der uns in den Stand setzt,das geistreiche Spiel zu verstehen, das vor uns aufgeführtwird?
Arbon. Ich habe nichts gegen die Erklärung des Bildes,das sich nicht selbst erklärt; nur müßte sie so kurz und schlichtseyn als möglich. Jeder Witz ist nur für den Unterrichteten;jedes witzige Werk wird deßhalb nicht von allen verstanden:was von dieser Art aus fernen Zeiten und Ländern zu unsgelangt, können wir kaum entziffern. Gut! man mache Notendazu, wie zu Rabelais oder Hudibras; über was würde manzu einem Schriftsteller sagen, der über ein witziges Werk einwitziges Werk schreiben wollte! Der Witz läuft schon bei seinemUrsprünge in Gefahr zu witzeln; im zweiten und dritten Gliedwird er noch schlimmer ausarten.
Sinklair. Wie sehr wünschte ich, daß wir, anstatt unshier zu streiten, unserm Freunde, dem Herausgeber, zu Hülfekämen, der zu diesen Bildern nun einmal eine Erklärungwünscht, wie sie hergebracht, wie sie beliebt ist.
Arinidoro (indem er aus dem Catinet kommt). Ich höre,noch immer beschäftigen diese getadelten Bilder die Gesellschaft;wären sie angenehm, ich wette, sie wären schon längst beiSeite gelegt.
Amalie. Ich stimme darauf, daß es sogleich geschehe,und zwar für immer. Den: Herausgeber muß aufgelegt wer-den, keinen Gebrauch davon zu machen. Ein Dutzend undmehr häßliche, hassenswerthe Weiber in einem Damenkalender!Begreift der Mann nicht, daß er seine ganze Unternehmung zuruiniren auf dem Wege ist? Welcher Liebhaber wird es wagen,seiner Schönen, welcher Gatte, seiner Frau, ja welcher Vater,seiner Tochter einen solchen Almanach zu verehren, in welchemsie beim ersten Aufschlagen schon mit Widerwillen erblickt, wassie nicht ist und was sie nicht seyn soll?
Ärmidoro. Ich will einen Vorschlag zur Güte thun.Diese Darstellungen des Verabscheuuugswerthcn sind nicht dieersten, die wir in zierlichen Almanachen finden; unser.wackerer