Aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar.
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fallen. Doch zum höchsten Glück mögen es sich die Maler desNiederrheines zählen, daß die Gebeine der drei Morgenländischenfrommen Könige von Mailand nach Köln gebracht wurden.Vergebens durchsucht man Geschichte, Fabel, Ueberlieferungund Legende, um einen gleich günstigen reichen, gemüthlichenund anmuthigen Gegenstand auszufinden als den, der sich hierdarbietet. Zwischen verfallenem Gemäuer, unter kümmerlichemObdach, ein neugeborener und doch schon sich selbstbewußterKnabe, auf der Mutter Schooß gepflegt, von einem Greisebesorgt. Bor ihm nun beugen sich die Würdigen und Großender Welt, unterwerfen der Unmündigkeit Verehrung, der Ar-muth Schätze, der Niedrigkeit Kronen. Ein zahlreiches Gefolgesteht verwundert über das seltsame Ziel einer langen und be-schwerlichen Reise. Diesem allerliebsten Gegenstände sind dieNiederländischen Maler ihr Glück schuldig, und es ist nicht zuverwundern, daß sie denselben kunstreich zu wiederholen, Jahr-hunderte durch nicht ermüdeten. Nun aber kommen wir an denwichtigen Schritt, welchen die Rheinische Kunst auf der Gränzedes vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts thut. Schonlängst waren die Künstler, wegen der vielen darzustellendenCharaktere, an die Mannichfalligkeit der Natur gewiesen; abersie begnügten sich an einem allgemeinen Ausdruck derselben, obman gleich hie und da etwas Porträtartiges wahrnimmt. Nunaber wird der Meister Wilhelm von Köln ausdrücklich ge-nannt, welchem in Nachbildung menschlicher Gesichter niemandgleichgekommen seh. Diese Eigenschaft tritt nun in dem Dom-bild zu Köln auf das bewundernswürdigste hervor, wie es dennüberhaupt als die Achse der Niederrheinischen Kunstgeschichteangesehen werden kann. .Nur ist zu wünschen, daß sein wahresVerdienst historisch-kritisch anerkannt bleibe. Denn freilich wirdes jetzt dergestalt mit Hymnen umräuchert, daß zu befürchtenist, es werde bald wieder so verdüstert vor den Augen des Geistesda stehen, wie es ehemals, von Lampen- und Kerzenruß ver-dunkelt, den leiblichen Augen entzogen gewesen. Es besteht auseinem Mittelbilde und zwei Seitentaseln. Auf allen dreien istder Goldgrund, nach Maaßgabe der bisher beschriebenen Bilder,beibehalten. Ferner ist der Teppich hinter Maria mit Stempelngepreßt und bunt aufgefärbt. Im übrigen ist dieses sonst sohäufig gebrauchte Mittel durchaus verschmäht; der Maler wirdgewahr, daß er Brocat und Damast, und was sonst farben-wechselnd, glänzend und scheinend ist, durch seinen Pinsel her-vorbringen könne, und mechanischer Hülfsmittel nicht weiterbedürfe.
Die Figuren des Hauptbildes, so wie der Seitenbilder be-ziehen sich auf die Mitte, symmetrisch, aber mit viel Mannich-saltigkeit bedeutender Contraste an Gestalt und Bewegung. Dieherkömmlich Byzantinische Maxime herrscht noch vollkommen,doch mit Lieblichkeit und Freiheit beobachtet.
Einen verwandten Nationalcharakter hat die sämmtlicheMenge, welche weiblich die heilige Ursula, ritterlich den Gereon,in's Orientalische maskirt, die Hauptgruppe umgiebt. Voll-kommen Porträt aber sind die beiden knieenden Könige, undein gleiches möchten wir von der Mutter behaupten. Weit-läufiger über diese reiche Zusammensetzung und die Verdienstederselben wollen wir uns hier nicht aussprechen, indem dasTaschenbuch für Freunde altdeutscher Zeit undKunst uns eine sehr willkommene Abbildung dieses vorzüg-lichen Werkes vor Augen legt, nicht weniger eine ausreichende
Beschreibung hinzufügt, welche wir mit reinerm Dank erkennenwürden, wenn nicht darin eine enthusiastische Mystik waltete,unter deren Einfluß weder Kunst noch Wissen gedeihen kann.
Da dieses Bild eine große Uebung des Meisters voraussetzt,so mag sich bei genauerer Untersuchung noch ein und das andereder Art künftig vorfinden, wenn auch die Zeit manches zerstört,und eine nachfolgende Kunst manches verdrängt hat. Für unsist es ein wichtiges Document eines entschiedenen Schrittes, dersich von der gestempelten Wirklichkeit losmacht, und von einerallgemeinen NationalgesichtsLildung auf die vollkommene Wirk-! lichkeit des Porträts losarbeitet. Nach dieser Ableitung alsohalten wir uns überzeugt, daß dieser Künstler, er heiße auch,wie er wolle, ächt deutschen Sinnes und Ursprungs gewesen,so daß wir nicht nöthig haben, Italiänische Einflüsse zu Er-! klärung seiner Verdienste herbeizurufen.
Da dieses Bild 1410 gemalt ist, so stellt es sich in dieEpoche, wo Johann vanEyck schon als entschiedener Künstlerblühte, und so dient es uns, das Unbegreifliche der Eyck'schenVortrefslichkeit einigermaaßen zu erklären, indem es bezeugt,was für Zeitgenossen der genannte vorzügliche Mann gehabthabe. Wir nannten das Dombild die Achse, worauf sich dieältere Niederländische Kunst in die neue dreht, und nun Le-trachten wir die Eyckschen Werke als zur Epoche der völligenUmwälzung jener Kunst gehörig. Schon in den ältern Byzan-tinisch-Niederrheinischen Bildern finden wir die eingedrucktenTeppiche manchmal perspectivisch, obgleich ungeschickt behandelt.Im Dombild erscheint keine Perspective, weil der reine Gold-^ gründ alles abschließt. Nun wirft Eyck alles Gestempelte, sowie den Goldgrund völlig weg; ein freies Local thut sich auf,worin nicht allein die Hauptpersonen, sondern auch alle Neben-figuren vollkommen Porträt sind, von Angesicht, Statur undKleidung, so auch völlig Porträt jede Nebensache.
So schwer es immer bleibt, Rechenschaft von einem solchenManne zu geben, so wagen wir doch einen Versuch, in Hoff-nung, daß die Anschauung seiner Werke dem Leser nicht ent-gehen werde, und hier zweifeln wir keinen Augenblick, unsernEyck in die erste Classe derjenigen zu setzen, welche die Naturmit malerischen Fähigkeiten begabt hat. Zugleich ward ihmdas Glück, in der Zeit einer technisch hochgebildeten, allgemeinverbreiteten und bis an eine gewisse Gränze gelangten Kunst zuleben. Hierzu kam noch, daß er eines höhern, ja des höchstentechnischen Vortheils in der Malerei gewahrte; denn es magmit der Erfindung der Oelmalerei beschaffen seyn, wie es will,so möchten wir nicht in Zweifel ziehen, daß Eyck der erste ge-wesen, der ölige Substanzen, die man sonst über die fertigenBilder zog, unter die Farben selbst gemischt, aus den Oelendie am leichtesten trocknenden, aus den Farben die klärsten, dieam wenigsten deckenden ausgesucht habe, um beim Auftragenderselben das Licht des weißen Grundes, und Farbe durch Farbenach Belieben durchscheinen zu lassen. Weil nun die ganze Kraftder Farbe, welche an sich ein Dunkles ist, nicht dadurch erregtwird, daß Licht davon zurückscheint, sondern daß es durch siedurchscheint, so ward durch diese Entdeckung und Behandlungzugleich die höchste Physische und artistische Forderung befriedigt.Das Gefühl aber für Farbe hatte ihm, als einem Niederländer,die Natur verliehen. Die Macht der Farbe war ihm wie seinenZeitgenossen bekannt, und so brachte er es dahin, daß er, umnur von Gewändern und Teppichen zu reden, den Schein der