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Au« einer Reise am Rhein, Main und Neckar,
Tafel weit über alle Erscheinung der Wirklichkeit erbob. Ein !solches muß denn freilich die ächte Kunst leisten; denn das wirk-liche Sehen ist, sowohl in dem Auge als an den Gegenständen,durch unendliche Zufälligkeiten bedingt, da hingegen der Maler inach Gesetzen malt, wie die Gegenstände, durch Licht, Schattenund Farbe von einander abgesondert, in ihrer vollkommenstenSehbarkeit von einem gesunden, frischen Auge geschaut werden jsollen. Ferner hat sich Eyck in Besitz der perspectivischen Kunst !gesetzt und sich die Mannichfaltigkeit der Landschaft, besonders iunendlicher Baulichkeiten eigen gemacht, die nun an der Stelle ^des kümmerlichen Goldgrundes oder Teppichs hervortreten. I
Jetzt aber möchte es sonderbar scheinen, wenn wir aus-sprechen, daß er, materielle und mechanische Unvollkommen-heiten der bisherigen Kunst wegwerfend, sich zugleich einerbisher im Stillen bewahrten technischen Vollkommenheit ent-äußerte, des Begriffs nämlich der symmetrischen Composition.Allein auch dieses liegt in der Natur eines außerordentlichen !Geistes, der, wenn er eine materielle Schale durchbricht, nie ^bedenkt, daß über derselben noch eine ideelle geistige Gränzegezogen sey, gegen die er umsonst ankämpft, in die er sichergeben, oder sie nach seinem Sinne erschaffen muß. Die jCompositionen Eycks sind daher von der größten Wahrheit undLieblichkeit, ob sie gleich die strengen Kunstforderungen nichtbefriedigen, ja es scheint, als ob er von alle dem, was seineVorgänger hierin besessen und geübt, vorsätzlich keinen Gebrauchmachen wollen. In seinen uns bekannt gewordenen Bildernist keine Gruppe, die sich jenen Engelchen neben der heiligenVeronica vergleichen könnte. Weil aber ohne Symmetrie irgendein Gesehenes keinen Reiz ausübt, so hat er sie, als ein Mannvon Geschmack und Zartgefühl, auf seine eigene Weise hervor- !gebracht, woraus etwas entstanden ist, welches anmuthiger !und eindringlicher wirkt als das Kunstgerechte, sobald diesesdie Naivetät entbehrt, indem es alsdann nur den Verstandanspricht und den Calcül hervorruft.
Hat man uns bisher geduldig zugehört, und stimmenKenner mit uns überein, daß jeder Vorschritt aus einem er-starrten, veralteten, künstlichen Zustand in die freie, lebendigeNaturwahrheit sogleich einen Verlust nach sich ziehe, der erstnach und nach, und oft in spätern Zeiten, sich wiederherstellt,so können wir unsern Eyck nunmehr in seiner Eigenthümlichkeitbetrachten, da wir denn in den Fall kommen, sein individuellesWesen unbedingt zu verehren. Schon die frühern Niederlän-dischen Künstler stellten alles Zarte, was sich in dem neuenTestament darbot, gern in einer gewissen Folge dar, und sofinden wir in dem großen Eyckschen Werke, welches dieseSammlung schmückt, das aus einem Mittelbilde und zweiFlügelbildern besteht, den denkenden Künstler, der mit Gefühlund Sinn eine fortschreitende Trilogie darzustellen unternimmt.Zu unserer Linken wird der mädchenhaftesten Jungfrau durcheinen himmlischen Jüngling ein seltsames Ereigniß angekün-digt. In der Mitte sehen wir sie als glückliche, verwunderte,in ihrem Sohn verehrte Mutter, und zur Rechten erscheint sie,das Kind im Tempel zur Weihe bringend, schon beinah alsMatrone, die im hohen Ernste vorfühlt, was dem vom Hohen-priester mit Entzücken aufgenommenen Knaben bevorstehe.Der Ausdruck aller drei Gesichter so wie die jedesmalige Gestaltund Stellung, das erstemal knieend, dann sitzend, zuletzt jstehend, ist einnehmend und würdig. Der Bezug der Personen !
unter einander aus allen drei Bildern zeugt von dem zartestenGefühl. In der Darstellung im Tempel findet sich auch eineArt von Parallelism, der ohne Mitte durch eine Gegenüber-stellung der Charaktere bewirkt wird, eine geistige Symmetrie,so gefühlt und sinnig, daß man angezogen und eingenommenwird, ob man ihr gleich den Maaßstab der vollendeten Kunstnicht anlegen kann.
So wie nun Johann van Eyck als ein trefflich denkenderund empfindender Künstler gesteigerte Mannichfaltigkeit seinerHauptfigur zu bewirken gewußt, hat er auch mit gleichem Glückdie Localitäten behandelt. Die Verkündigung geschieht in einemverschlossenen schmalen, aber hohen, durch einen obern Fenster-flügel erleuchteten Zimmer. Alles ist darin so reinlich undnett, wie es sich geziemt für die Unschuld, die nur sich selbstund ihre nächste Umgebung besorgt. Wandbänke, ein Betstuhl,Bettstätte, alles zierlich und glatt. Das Bett roth bedeckt undumhängt, alles so wie die brocatene Hintere Bettwand auf dasbewundernswürdigste dargestellt. Das mittlere Bild dagegenzeigt uns die freiste Aussicht; denn die edle, aber zerrütteteCapelle der Mitte dient mehr zum Rahmen mannichfaltigerGegenstände, als daß sie solche verdeckte. Links des Zuschauerseine mäßig entfernte, straßen- und häuserrciche Stadt, vollGewerbes und Bewegung, welche gegen den Grund hin sich indas Bild hereinzieht und einem weiten Felde Raum läßt.Dieses, mit mancherlei ländlichen Gegenständen geziert, ver-läuft sich zuletzt in eine wasserreiche Weite. Rechts des Zu-schauers tritt ein Theil eines runden Tempelgebäudes vonmehrern Stockwerken in das Bild; das Innere dieser Rotondeaber zeigt sich auf dem daran stoßenden Thürflügel und con«trastirt durch seine Höhe, Weite und Klarheit auf das herr-lichste mit jenem ersten Zimmerchen der Jungfrau. Sagenund wiederholen wir nun, daß alle Gegenstände der drei Bilderauf das vollkommenste, mit meisterhafter Genauigkeit aus-geführt sind, so kann man sich im allgemeinen einen Begriffvon der Bortrefflichkeit dieser wohl erhaltenen Bilder machen.Von den Flechtbreiten auf dem verwitterten, zerbröckeltenRuingestein, von den Grashalmen, die auf dem vermodertenStrohdache wachsen, bis zu den goldenen, juwelenreichen Becher-geschenken, vom Gewand zum Antlitz, von der Nähe bis zurFerne, alles ist mit gleicher Sorgfalt behandelt, und keineStelle dieser Tafeln, die nicht durch'« Vergrößerungsglas ge-wönne. Ein gleiches gilt von einer einzelnen Tafel, woraufLucas das Bild der heiligen säugenden Mutter entwirft.
Und hier kommt der wichtige Umstand zur Sprache, daßder Künstler die von uns so dringend verlangte Symmetrie indie Umgebung gelegt und dadurch an die Stelle des gleichgül-tigen Goldgrundes ein künstlerisches und augengefälliges Mittelgestellt hat. Mögen nun auch seine Figuren nicht ganz kunst-gerecht sich darin bewegen und gegen einander verhalten, so istes doch eine gesetzliche Localität, die ihnen eine bestimmte Gränzevorschreibt, wodurch ihre natürlichen und gleichsam zufälligenBewegungen auf das angenehmste geregelt erscheinen.
Doch alles dieses, so genau und bestimmt wir auch zusprechen gesucht, bleiben doch nur leere Worte ohne die An-schauung der Bilder selbst. Höchst wünschenswerth wäre esdeßhalb, daß uns die Herren Besitzer vorerst von den erwähntenBildern, in mäßiger Größe, genaue Umrisse mittheilten, wo-durch auch ein jeder, der das Glück nicht hat, die Gemälde