AuS einer Reise um Rhein, Main und Neckar.
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selbst zu sehen, dasjenige, wa? wir bisher gesagt, würde prüfenund beurtheilen können.
Indem wir nun diesen Wunsch äußern < so haben wir umdesto mehr zu bedauern, daß ein junger talentvoller Mann,der sich an dieser Sammlung gebildet, zu früh mit Tode ab-gegangen. Sein Name, Epp, ist noch allen denjenigen werth,die ihn gekannt, besonders aber den Liebhabern, welche Copienalter Werke von ihm besitzen, die er mit Treue und Fleiß auf'sredlichste verfertigt hat. Doch dürfen wir auch deßhalb nichtverzweifeln, indem ein sehr geschickter Künstler, Herr Kost er,sich an die Besitzer angeschlossen und der Erhaltung einer sobedeutenden Sammlung sich gewidmet hat. Dieser würde seinschönes und gewissenhaftes Talent am sichersten bethätigen,wenn er sich zu Ausführung jener gewünschten Umrisse undderen Herausgabe bemühte. Wir würden alsdann, voraus-setzend, daß sie in den Händen aller Liebhaber wären, noch garmanches hinzufügen, welches jetzt, wie es bei Wortbeschreibungvon Gemälden gewöhnlich geschieht, die Einbildungskraft nurverwirren müßte.
Ungern bequeme ich mich hier zu einer Pause; denn geradedas, was in der Reihe nun zu melden wäre, hat gar manchesUnmuthige und Erfreuliche. Bon Johann van Eyck selbst dürfenwir kaum mehr sagen; denn auf ihn kehren wir immer wiederzurück, wenn von den folgenden Künstlern gesprochen wird.Die nächsten aber sind solche, bei denen wir eben so wenig alsbei ihm genöthigt sind, fremdländischen Einfluß vorauszusetzen.Ueberhaupt ist es nur ein schwacher Behelf, wenn man beiWürdigung außerordentlicher Talente voreilig auszumittelndenkt, woher sie allenfalls ihre Vorzüge genommen. Der ausder Kindheit aufblickende Mensch findet die Natur nicht etwarein und nackt um sich her; denn die göttliche Kraft seiner Vor-fahren hat eine zweite Welt in die Welt erschaffen. Aufgenö-thigte Angewöhnungen, herkömmliche Gebräuche, beliebteSitten, ehrwürdige Ueberlieferungen, schätzbare Denkmale,ersprießliche Gesetze und so mannichfache herrliche Kunsterzeug-niffe umzingeln den Menschen dergestalt, daß er nie zu unter-scheiden weiß, was ursprünglich und was abgeleitet ist. Erbedient sich der Welt, wie er sie findet, und hat dazu ein voll-kommenes Recht.
Den originalen Künstler kann man also denjenigen nennen,welcher die Gegenstände um sich her nach individueller, natio-naler und zunächst überlieferter Weise behandelt und zu einemgefugten Ganzen zusammenbildet. Wenn wir also von einemsolchen sprechen, so ist es unsere Pflicht, zu allererst seine Kraftund die Ausbildung derselben zu betrachten, sodann seinenächste Umgebung, in sofern sie ihm Gegenstände, Fertigkeitenund Gesinnungen überliefert, und zuletzt dürfen wir erst unsernBlick nach außen richten und untersuchen, nicht sowohl was erFremdes gekannt, als wie er es benutzt habe. Denn der Hauchvon vielem Guten, Vergnüglichen, Nützlichen weht über dieWelt oft Jahrhunderte hindurch, ehe man seinen Einfluß spürt.Man wundert sich oft in der Geschichte über den langsamenFortschritt nur mechanischer Fertigkeiten. Den Byzantinernstanden die unschätzbaren Werke Hellenischer Kunst vor Augen,ohne daß sie an« dem Kummer ihrer ausgetrockneten Pinseleisich hervorheben konnten. Und sieht man es denn AlbrechtDürern sonderlich an, daß er in Venedig gewesen? DieserTreffliche läßt sich durchgängig aus sich selbst erklären.
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Und so wünsche ich den Patriotismus zu finden, zu demjedes Reich, Land, Provinz, ja Stadt berechtigt ist; denn wiewir den Charakter des Einzelnen erheben, welcher darin besteht,daß er sich nicht von den Umgebungen meistern läßt, sonderndieselben meistert und bezwingt, so erzeigen wir jedem Volk,jeder Volksabtheilung die Gebühr und Ehre, daß wir ihnenauch einen Charakter zuschreiben, der sich in einem Künstleroder sonst vorzüglichen Manne veroffcnbart. Und so werdenwir zunächst handeln, wenn von schätzenswerthen Künstlern,von Hemmelinck, Israel van Mecheln, Lucas vanLeyden, Quintin Messis u. a. die Rede seyn wird.Diese halten sich sämmtlich in ihrem heimischen Kreise, undunsere Pflicht ist, so viel als möglich fremden Einfluß auf ihreVorzüge abzulehnen. Nun aber tritt Schöreel auf, späterHemskerck und mehrere, die ihre Talente in Italien ausge-bildet haben, demungeachtet aber den Niederländer nicht ver-läugnen können. Hier mag nun das Beispiel von Leonardoda Vinci, Correggio, Tizian, Michel Angelo Her-vorscheinen , der Niederländer bleibt Niederländer, ja die Na-tionaleigenthümlichkeit beherrscht sie dergestalt, daß sie sich zuletztwieder in ihren Zauberkreis einschließen und jede fremde Bil-dung abweisen. So hat Rembrandt das höchste Künstler-talent bethätigt, wozu ihm Stoff und Anlaß in der unmittel-barsten Umgebung genügte, ohne daß er je die mindesteKenntniß genommen hätte, ob jemals Griechen und Römer inder Welt gewesen.
Wäre uns nun eine solche beabsichtigte Darstellung gelungen,so müssen wir uns an den Oberrhein begeben, und uns an Ortund Stelle, so wie in Schwaben, Franken und Bayern, vonden Vorzügen und Eigenthümlichkeiten der Oberdeutschen Schulezu dnrchdringen suchen. Auch hier würde es unsere vornehmstePflicht seyn, den Unterschied, ja den Gegensatz zwischen beidenherauszuheben, um zu bewirken, daß eine Schule die andereschätze, die außerordentlichen Männer beiderseitig anerkenne, dieFortschritte einander nicht ableugne, und was alles für Gutesund Edles aus gemeinsamen Gesinnungen hervortritt. Aufdiesem Wege werden wir die deutsche Kunst des fünfzehnten undsechzehnten Jahrhunderts freudig verehren, und der Schaumder Ueberschätzung, der jetzt schon dem Kenner und Liebhaberwiderlich ist, wird sich nach und nach verlieren. Mit Sicherheitkönnen wir alsdann immer weiter ost- und südwärts blickenund uns mit Wohlwollen an Genossen und Nachbarn anreihen.
Bei Herausgabe dieser der Zeit gewidmeten Blätter darfman wohl wünschen, daß sie theils auf die Zeit einen freund-lichen Einfluß ausüben, theils von derselben wieder gehobenund begünstigt werden; welches nur durch Erfüllung der bil-ligen Wünsche, durch Vergleichung und Auslösung der proble-matischen Vorschläge, deren wir erwähnen, besonders aberdurch fortschreitende Thätigkeit aller Unternehmenden bewirktwerden kann. So sind die Boiffereeschen Tafeln in der Zwi-schenzeit immer weiter vorgerückt; Möller hat die erste Plattedes früher entdeckten Domrisses in dem genauesten Facsimilevollendet, zugleich auch zwei Hefte seiner schätzenswerthen Dar-stellung älterer deutschen Gebäude und Baudenkmale im ge-nauesten und reinlichsten Stich herausgegeben. So haben sichdenn auch, nach dem glücklichen Beispiel des uns zu Köln be-grüßenden ersten Vorläufers der aus bisheriger Sklavereierlösten Kunstschätze, unterdessen auch die übrigen nach allen