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Aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar.
Weltgegenden in ihre Heimath zurückbegeben, und es mußdadurch die über Länder und Reiche wieder verbreitete Kunst soder Kenntniß als dem Ausüben eine neue Wendung verleihen.
Nachträgliches zu Heidelberg.
Ueber die Boifferäesche Gemäldesammlung fügen wir nochhinzu, daß sie seit einem Jahre ansehnlich vermehrt worden^besonders mit trefflichen Bildern aus derOberdeutschen Schule.Von Meistern, welche fehlten, find eingerückt Wohlgemuth,Altdorfer, Beuckelaer, und ein bisher ganz unbekanntervorzüglicher Kölner, Johann von Melem, in der AridesSchoreel; bedeutende, ja zum Theil Hauptwerke. Sodannwurden angeschafft von Meistern, deren Werke sich schon in derSammlung befanden, vonMartin Schön, vonI. I. Walch,ein mit Dürer gleichzeitiger Porträtmaler, von Dürer selbstund von I o h a n n v o u M a b u s e. Letzterer, als einer der vor-züglichsten alten niederländischen Maler, ist auch durch dieMannichfaltigkeit seiner Behandlungsweise merkwürdig; um sohoher ist also das Glück zu schätzen, daß mehrere Hauptwerke,wahre Kleinode der Ausführung und Erhaltung, aus seinenverschiedenen Lebenszeiten der Sammlung hinzugefügt werdenkonnten. Vielleicht ist aber unter allem Neuangeschafften dieKreuzabnahme von Dürer am höchsten zu schätzen.
Ferner darf nicht unbemerkt bleiben, daß die Besitzer durchweit verbreitete, höchst günstige Verbindungen die nächste Aus-sicht haben, ihre Sammlung zweckmäßig zu bereichern undimmer vollständiger zu machen, da sie denn gegründete Hoff-nung Heger., daß sie bald das Glück haben dürften, mehrereseil Jahrhunderten in fernem Auslande zerstreute, für die Auf-klärung der deutschen Kunstgeschichte höchst schätzbare Denkmalewieder zu gewinnen, und in den schon vorhandenen verwandtenKunstkreis einzuschließen.
Am Niederrhein bereitet man ausreichende Anstalten fürWissenschaft und Kunst, und so viel mir bekannt, ist überalldas Erwünschte fortgesetzt und emsig bethätigt worden. Glückteuns nochmals am Oberrhein zu verweilen, so bieten uns Mann-heim, Schwetzingeu und die gräfliche Sammlung deutscherAlterthümer zu Erbach den schönsten Stoff, so wie auch Carls-ruhe, wegen Garlenanlagen und botanischer Anstalten, schönernaturhistorischen und Kunstsammlungen und bedeutender neuerGebäude, Gelegenheit giebt zu den wichtigsten Betrachtungen.Wünschen wir sodann dem Oberrhein Glück, daß er des seltenenVorzugs genießt, in Herrn Hebel einen Proviucialdichter zubesitzen, der, von dem eigentlichen Sinne seiner Landesartdurchdrungen, von der höchsten Stufe der Cultur seine Umge-bungen überschauend, das Gewebe seiner Talente gleichsam wieein Netz auswirft, um die Eigenheiten feiner Lands - und Zeit-genossen aufzufischen und die Menge ihr selbst zur Belustigungund Belehrung vorzuweisen: so werden wir durch die nachHeidelberg zurückkehrenden Manuscripte auf die Schätze ältererdeutscher Zeit hingeleitet, und wie bisher an frühere Bildkunst,so auch an frühere Dichtkunst erinnert, wo denn der gleiche Falleintritt; denn auch hier ist Ueberschätznng, Mißdeutung undunglückliche Anwendung zu Hause. Aber auch hier scheinen dieschönsten Hoffnungen zu ruhen, daß nämlich, wenn die über-mäßige Freude über Neuaufgefundenes oder Ncubeachtctes wird
beschwichtigt seyn, wahre Einsicht und wohlgerichtete Thätigkeitsehr schnell sich allgemein verbreiten werden.
Nach der ersten Absicht dieser freilich sehr zufällig entstan-denen Blätter sollte nur von Knnst und Alterthum darin dieRede seyn; doch wie lassen sich die beiden ohne Wissenschaft unddie drei ohne Natur denken? Und so fügte sich nach und nachalles an einander, was vor Augen und Hand kam. Möge einefreundliche Aufnahme des Gegebenen, welches eigentlich nur alsein fortwährender Dank des Reisenden für so vieles empfangeneGute angesehen werden dürfte, die Fortsetzung befördern!
Und so kann ich denn schließlich nicht verschweigen, daß dieWünsche und Vorsätze der Kunstfreunde auch durch das Glückbefördert werden. Es hat sich nämlich ein zweiter Originalrißdes Kölner Doms in Paris gefunden, von welchem ich nun auseigener Anschauung Rechenschaft geben und die frühern mir zu-gekommenen Nachrichten bestätigen kann.
Von demselben wie von ein paar andern ihn begleitendenRiffen wäre vorläufig folgendes zu sagen. Der größte ist inRücksicht des Maaßstabs und der Zeichnung durchaus einGegenstück zu dem Darmstädter Risse; dieser stellt jedoch dennördlichen, der unsrige aber den südlichen Thurm dar, nur mitdem Unterschied, daß er den ganzen sich daran schließenden mitt-lern Kirchengiebel mit der Hauptthüre und den Fenstern besaßt,wodurch also die Lücke ausgeglichen werden kann, welche durcheinen abgerissenen Streifen an dem Darmstädter entstanden ist.Der neuaufgefundene ist im ganzen 3 Fuß 2 Zoll Rheinländischbreit und 13 Fuß 2 Zoll lang.
Auf dem zweiten Blatt sieht man den Grundriß des süd-lichen, zur Rechten des Haupteingangs gelegenen Thurms indemselben Maaßstab und von derselben Hand auf das sauberstegezeichnet; sodann auf dem dritten den Aufriß von der Ostseitcdes zweiten Geschosses dieses Thurms, mit dem Durchschnittdes an das Schiff der Kirche anschließenden Endes, in einemandern Maaßstab, von einer andern Hand, weniger schön undsorgfältig gezeichnet, doch auch Original, weil er nicht nur, wieder Hauptriß, an einer wesentlichen Stelle von dem ausgeführtenGebäude, sondern auch noch einigermaaßen von dem Hauptrisseselbst abweicht. Schon dem Gegenstand nach ist diese letzteZeichnung bloß zum Behuf der Construction gefertigt, und be-sonders in dieser Hinsicht merkwürdig und lehrreich. Man darfsie für eine Arbeit des Aufsehers und Polirers der Bauhütteannehmen. Beide Blätter sind von gleicher Größe, über 3 Fußlang und 2V- Fuß breit, ebenfalls Pergament und sehr gutund reinlich erhalten.
Was die Erhaltung des großen Risses betrifft, so findetman, außer ein Paar kleinen Stellen, keine gewaltsame Ver-letzung. Dagegen ist er durch d<ü Gebrauch abgenutzt und hieund da, wiewohl unnöthig, von späterer Hand überarbeitet.Aus diesem Grund und weil der Riß sammt den ihn begleitendenBlättern sich auf den Thurm bezieht, welcher am meisten aus-gebaut ist, ferner weil man in Köln nie etwas von diesemzweiten, sondern immer nur von jenem ehemals im Domarchivverwahrten Darmstädter Aufriß gewußt hat, steht zu vermuthen,daß er in der Bauhütte gewesen und schon vor Alters von Kölnweggekommen, welches um so eher geschehen konnte, als dieBaumeister dieser Stadt sehr oft an fremde Orte berufenworden.
Sehen wir nun gegenwärtig den patriotischen Deutschen