Aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar.
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leidenschaftlich in Gedanken beschäftigt, seiner heiligen Bau-denkmale sich zu erfreuen, die ganz oder halb vollendeten zuerhalten, ja das Zerstörte wieder herzustellen, finden wir aneinigen Orten hierzu die gehörigen Renten, suchen wir die ent-wendeten wieder herbeizuschaffen oder zu ersetzen: so beunruhigt ^uns die Bemerkung, daß nicht allein die Geldmittel spärlich ge- ivorden, sondern daß auch die Kunst- und Handwerksmittelb'inahe völlig ausgegangen sind. Vergebens blicken wir nacheuer Masse Menschen umher, zu solcher Arbeit fähig und willig. .Drgegen belehrt uns die Geschichte, daß die Steinhauerarbeitin jenen Zeiten durch Glieder einer großen, weitverbreiteten,in sich abgeschlossenen Innung unter den strengsten Formen !und Regeln verfertigt wurde. '
Die Steinmetzen hatten nämlich in der gebildeten Welteiner sehr glücklichen Posten gefaßt, indem sie sich zwischen derfreier Kunst und dem Handwerke in die Mitte setzten. Sienannien sich Brüderschaft; ihre Statuten waren vorn Kaiserbestätigt. Diese Anstalt gründete sich auf ungeheure Menschen- ^kraft und Ausdauer, zugleich aber auf riesenmäßige Bauwerke,welche ille zugleich errichtet, gefördert, erhalten werden sollten. §Unzählize eingeübte Knaben, Jünglinge und Männer arbeiteten, 'über Deutschland ausgesät, in allen bedeutenden Städten. DieObermeister dieser Heerschaar saßen in Köln, Straßburg, Wien ^und Zürich: jeder stand seinem Sprengel vor, der geographischen ^Lage gemäß.
Erkundigen wir uns nun nach den innern Verhältnissendieser Gesellschaft, so treffen wir auf das Wort Hütte, erst imeigentlichen Sinn den mit Bretern bedeckten Raum bezeichnend,in welchem der Steinmetz seine Arbeit verrichtete, im Eigent-lichen aber als den Sitz der Gerechtsame, der Archive und desHandhaben« aller Rechte. Sollte nun zum Werke geschrittenwerden, so verfertigte der Meister den Riß, der, von demBauherrn gebilligt, als Document und Vertrag in des Künst-lers Händen blieb. Ordnung für Lehrknabcn, Gesellen undDiener, ihr Anlernen und Anstellen, ihre kunstgemäßen tech-nischen und sittlichen Obliegenheiten sind auf's genaueste be-stimmt, und ihr ganzes Thun durch das zarteste Ehrgefühlgeleitet. Dagegen sind ihnen große Vortheile zugesagt, auchjener höchst wirksame, durch geheime Zeichen und Sprüche in ^der ganzen bauenden Welt, das heißt in der gebildeten, halb-und ungebildeten, sich den Ihrigen kenntlich zu machen.
Organisirt also denke man sich eine unzählbare Menschenmaffe,durch alle Grade der Gcschicklichkeit, dem Meister an Handengehend, täglicher Arbeit für ihr Leben gewiß, vor Alter- und >
Krankheitsfällen gesichert, durch Religion begeistert, durchKunst belebt, durch Sitte gebändigt: dann fängt man an zubegreifen, wie so ungeheure Werke concipirt, unternommenund, wo nicht vollendet, doch immer weiter als denkbar ge-führt worden. Fügen wir noch hinzu, daß es Gesetz und Be-dingung war, diese gränzenlosen Gebäude imTagelohn auf-zuführen, damit ja der genauesten Vollendung bis in diekleinsten Theile genug geschähe, so werden wir die Hand auf'sHerz legen und mit einigem Bedenken die Frage thun: welcheVorkehrungen wir zu treffen hätten, um zu unserer Zeit etwasAehnllches hervorzubringen?
Wenn wir in der Folge von derSteinmetzen - Brüder-schäst nähere Nachrichten geben können, so sind wir solchesdem würdigen, geistreichen Veteran Herrn Dr. Ehrmann inFrankfurt schuldig, welcher aus seinem antiquarischen Reich-thum eine Sammlung von Urkunden und Nachrichten zu diesemBehuf, so wie eigene Bemerkung und Bearbeitung gefällig mit-getheilt hat.
Unsern Bemühungen in Südwesten kommt ein wünschens-wertstes Unternehmen in Nordosten zu gute, die von HerrnDr. Büfching besorgten wöchentlichen Nachrichtenfür Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrt-heit des Mittelalters, welche keinem, der sich für diesenZeitrauni interessirt, unbekannt bleiben dürfen. Auch sinddessen Abgüsse Altschlesischer Siegel in Eisen überall emps chl-bar und nachahmenswcrth, wenn auch in anderer Materie;denn der Liebhaber enthält dadurch im kleinen Kunstd nkmalein die Hände, an die er im großen niemals Anspruchmachen darf.
Höchsterfreulich und bedeutend muß es uns nun seyn, zumSchlüsse noch die Nachricht einzurücken, daß auf allerhöchsteVerwendung Ihre Majestäten des Kaisers von Oesterreich undKönigs von Preußen Seine Päpstliche Heiligkeit der Univer-sität Heidelberg nicht nur die in Paris gefundenen Werke ausder ehemaligen Pfälzischen Bibliothek überlassen, sondern nebstdiesen noch 847 aus eben dieser Sammlung herrührende Bände,welche sich noch in der Baticanischen Bibliothek befinden, zurück-zugeben befohlen haben. Jeder Deutsche fühlt den Werth dieserGabe zu sehr, als daß wir noch etwas Weiteres hinzusetzendürften. Nur die Betrachtung sey uns vergönnt: wie vielWünsche der Deutschen find nicht erfüllt worden, seitdem denReisenden die freudige Nachricht der Wiederkehr des Schutz-patrons von Köln zum erstenmal entgegenkam!