Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und Jahreibeste.

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ropirt, daselbst und an mchrern Orten commentirt; aber ebenhieraus zeigte sich, wie unmöglich es sey, antiquarische Mei-nungen zu vereinigen. Ein deßhalb geführtes Actenheft ist einmerkwürdiges Beispiel eines solchen antiquarisch-kritischenDissen-srs, und ich leugne nicht, daß mir nach solcher Erfahrung wei-tere Lust und Muth zu diesem Studium ausging. Denn meinergnidigstcn Fürstin hatte ich eine Erklärung der Schale ange-künngt, und da immer ein Widerspruch dem andern folgte, sowar, die Sache dergestalt ungewiß, daß man kaum noch diesilberne Schale in der Hand zu halten glaubte, und wirklichzweifilte, ob man Bild und Inschrift noch vor Augen habe.

Der Triumphzng Mantegnas, von Andrea An-drea: i in Holz geschnitten, hatte unter den Kunstwerken dessechzehnten Jahrhunderts von jeher meine größte Aufmerksam-keit an sich gezogen. Ich besaß einzelne Blätter desselben, undsah sie »ollständig in keiner Sammlung, ohne ihnen eine leb-hafte Befrachtung ihrer Folge zu widmen. Endlich erhielt ichsie selbst und konnte sie ruhig neben und hinter einander be-schauen; ch studirte denVasari deßhalb, welcher mir abernicht zusagm wollte. Wo aber gegenwärtig die Originale seyen,da sie, als auf Tafeln gemalt, von Mantua weggeführt wor-den, blieb nur verborgen. Ich hatte meine Blätter eines Mor-gens in dem Jenaischen Gartenhause vollständig aufgelegt, umsie genauer zu betrachten, als der junge Mellish, ein Sohnmeines alten Freundes, hereintrat und sich alsobald in bekannterGesellschaft zu finden erklärte, indem er kurz vor seiner Abreiseaus England sie zu Hamptoncourt wohlcrhalten in den könig-lichen Zimmern verlassen hatte. Die Nachforschung ward leich-ter; ich erneuerte meine Verhältnisse zu Herrn vr. Noehden,welcher auf die freundlichste Weise bemüht war, allen meinenWünschen entgegenzukommen. Zahl, Maaß, Zustand, ja dieGeschichte ihres Besitzes von Carl l. her, alles ward aufgeklärt,wie ich solches in Kunst und Alterthum IV. Band 2. Heftumständlich ausgeführt habe. Die von Mantegna selbst inKupfer gestochenen Originalblätter aus dieser Folge kamen mirgleichfalls durch Freundesgunst zur Hand, und ich konnte allezusammen, mit den Nachweisungen von Barisch verglichen,nunmehr ausführlich erkennen und mich über einen so wichtigenPunkt der Kunstgeschichte ganz eigens aufklären.

Von Jugend auf war meine Freude mit bildenden Künst-lern umzugehen. Durch freie, leichte Bemühung entstand imGespräch und aus dem Gespräch etwas vor unsern Augen;man sah gleich, ob man sich verstanden hatte, und konnte sichum desto eher verständigen. Dieses Vergnügen ward mir dicß-mal in hohem Grade. Herr Staatsrath Schultz brachte mirdrei würdige Berliner Künstler nach Jena, wo ich gegen Endedes Sommers in der gewöhnlichen Gartenwohnung mich auf-hielt. Herr Geheimerath Schenkel machte mich mit den Ab-sichten seines neuen Theaterbaues bekannt, und wies zugleichunschätzbare landschaftliche Federzeichnungen vor, die er aufeiner Reise ins Tyrol gewonnen hatte. Die Herren Tieck undRauch modellirten meine Büste, ersterer zugleich ein Profilvon Freund Knebel. Eine lebhafte, ja leidenschaftliche Kunst-unterhaltung ergab sich dabei, und ich durfte diese Tage unterdie schönsten des Jahrs rechnen. Nach vollbrachtem Modell inThon sorgte Hofbildhauer Kaufmann für eine Gypsform.Die Freunde begaben sich nach Weimar, wohin ich ihnen folgte,und die angenehmsten Stunden wiederholt genoß. Es hatte sich

in den wenigen Tagen so viel Productives, Anlage und Aus-führung, Plane und Vorbereitung, Belehrendes und Ergötz-liches zusammengedrängt, daß die Erinnerung daran immerwieder neu belebend sich erweisen mußte.

Von den Berlinischen Kunstzuständen ward ich nunmehraufs vollständigste unterrichtet, als Hofrath Meyer mir dasTagebuch eines dortigen Aufenthalts mittheile; so wie die Be-trachtung über Kunst und Kunstwerke im allgemeinen durchdessen Aufsätze in Bezug auf Kunstschulen und Kunstsammlun-gen bis zu Ende des Jahrs lebendig erhalten wurde. Vonmoderner Plastik erhielt ich die vollständige Sammlung derMedaillons, welche Graf Tolstoy zu Ehren des großenBefreiungskrieges in Messing geschnitten hatte. Wie höchlichlobenswerth diese Arbeit angesprochen werden mußte, setztendie Weimarischen Kunstfreunde in Kunst und Alterthummehr aus einander.

Leipziger Auctionen und sonstige Gelegenheiten verschafftenmeiner Kupferstichsammlung belehrende Beispiele. Braundrücke,nach Rafaelino da Reggio, einer Grablegung, wovon ich dasOriginal schon einige Zeit besaß, gaben über die Verfahrungs-art der Künstler und Nachbildner erfreulichen Aufschluß. DieSakramente von P oussin ließen tief in das Naturell einesso bedeutenden Künstlers hineinschauen. Alles war durch denGedanken gerechtfertigt, auf Kunstbegriff gegründet; aber einegewisse Naivetät, die sich selbst und die Herzen anderer aus-schließt, fehlte fast durchaus, und in solchem Sinne war eineFolge so wichtiger und verehrter Gegenstände höchst förderlich.

Auch kamen mir gute Abdrücke zu vonHaldenwangsAquatinta nach sorgfältigen Nahlschen Zeichnungen der vierCasseler Claude Lorrains. Diese setzen immerfort in Erstau-nen und erhalten um so größern Werth, als die Originale,aus unserer Nachbarschaft entrückt, in dem hohen Norden nurwenigen zugänglich bleiben.

Der wackere, immer fleißige, den Weimarischen Kunst-freunden immer geneigt gebliebene Friedrich Gmelin sendetevon seinen Kupfern zum Virgil der Herzogin von Devonshiredie meisten Probeabdrücke. So sehr man aber auch hier seineNadel bewunderte, so sehr bedauerte man, daß er solchen Ori-ginalen habe seine Hand leihen müssen. Diese Blätter, zurBegleitung einer Prachtausgabe der Aeneis von AnnibaleCaro bestimmt, geben ein trauriges Beispiel von der modernenrealistischen Tendenz, welche sich hauptsächlich bei den Englän-dern wirksam erweis't. Denn was kann wohl trauriger seyn,als einem Dichter aufhelfen zu wollen durch Darstellung wüsterGegenden, welche die lebhafteste Einbildungskraft nicht wiederanzubauen und zu bevölkern wüßte? Muß man denn nichtschon annehmen, daß Virgil zu seiner Zeit Mühe gehabt, sichjenen Urzustand der Lateinischen Welt zu vergegenwärtigen,um die längst verlassenen, verschwundenen, durchaus verän-derten Schlösser und Städte einigermaaßen vor den Römernseiner Zeit dichterisch aufzustützen? Und bedenkt man nicht,daß verwüstete, der Erde gleich gemachte, versumpfte Locali-täten die Einbildungskraft völlig paralysiren, und sie allesAuf- und Nachschwnngs, der allenfalls noch möglich wäre, sichdem Dichter gleichzustellen, völlig berauben?

Die Münchener Steindrücke ließen uns die unaufhaltsamenFortschritte einer so hochwichtigen Technik von Zeit zu Zeitanschauen. Die Kupfer zum Faust, von Retzsch gezeichnet,