Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- mit Iahreshestc.

erschienen im Nachstich zu London, höchst reinlich und genau.Ein historisches Blatt, die versammelten Minister beim WienerCongresse darstellend, ein Geschenk der Frau Herzogin vonCurland, nahm in den Portefeuillen des größten Formatsseinen Platz.

Der älteste Grundsatz der Chromatik, die körperliche Farbesey ein Dunkles, das man nur bei durchscheinendem Lichtegewahr werde, bethätigte sich an den transparenten Schweizer-landschaften, welche König von Bern bei uns aufstellte. Einkräftig Durchschienenes setzte sich an die Stelle des lebhaftBeschienenen, und übermannte das Auge so, daß anstatt desentschiedensten Genusses endlich ein peinvolles Gefühl eintrat.

Schließlich habe ich noch dankbar eines Steindrucks zugedenken, welcher von Mainz aus, meinen dießjährigen Ge-burtstag feiernd, mit einem Gedicht freundlich gesendet wurde.Äuch langte der Riß an zu einem Monument, welches meinetheuern Laudsleute mir zugedacht hatten. Als anmuthige Ver-zierung einer idyllischen Gartenscene, wie der erste Freundes-gedanke die Absicht aussprach, wäre es dankbar anzuerkennengewesen, aber als große architektonische selbstständige Prachtmassewar es wohl geziemender, sie bescheiden zu verbitten.

Aber zu hohem, ja zu den höchsten Kunstbetrachtungcnwurden wir aufgefordert, indem die Bau- und BildwerkeGriechenlands lebhafter zur Sprache kamen. An das Parthenonwurden wir auf's neue geführt, von den Elginschen Marmorenkam uns nähere Kunde, nicht weniger von dein Phigalischen.Die äußersten Gränzen menschlicher Kunstthätigkeit im höchstenSinne und mit natürlichster Nachbildung wurden wir gewahr,und priesen uns glücklich, auch dieß erlebt zu haben.

Auch ein gleichzeitiger Freund fesselte Trieb und Einbildungs-kraft am Alterthum; das neueste Heft von Tischbeins Bild-werken zum Homer gab zu manchen Vergleichungen Anlaß.Der Mailändische Codex der Jlias, obgleich aus späterer Zeit,war für die Kunstbetrach Hingen von großem Belang, indemoffenbar ältere herrliche Kunstwerke darin nachgebildet und derenAndenken dadurch für uns erhalten worden.

Der Aufenthalt Herrn Raabes in Rom und Neapel warfür uns nicht ohne Wirkung geblieben. Wir hatten auf höhereVeranlassung demselbigen einige Aufgaben mitgetheilt, wovonsehr schöne Resultate uns übersendet wurden. Eine Copie derNwobrandinischen Hochzeit, wie der Künstler sie vorfand, ließsich mit einer ältern, vor dreißig Jahren gleichfalls sehr sorg-fältig gefertigten angenehm vergleichen. Auch hatten wir, umdas Colorit der Pompejischen Gemälde wieder in's Gedächtnißzu rufen, davon einige Copien gewünscht, da uns denn derwackere Künstler mit Nachbildung der bekannten Centaurenund Tänzerinnen höchlich erfreute. Das chromatische Zartgefühlder Allen zeigte sich ihren übrigen Verdiensten völlig gleich; undwie sollte es auch einer fo harmonischen Menschheit an diesemHauptpunkte gerade gemangelt haben? wie sollte, statt diesesgroßen Kunsterfordcrnisses, eine Lücke in ihren, vollständigenWesen geblieben seyn?

Als aber unser werther Künstler bei der Rückreise nach Romdiese seine Arbeit vorwies, erklärten sie die dortigen Nazarenerfür völlig unnütz und zweckwidrig. Er aber ließ sich dadurchnicht irren, sondern zeichnete und colorirte auf unsern Rath inFlorenz einiges nach Pietro da Cortona, wodurch unsere Ueber-zeugung , daß dieser Künstler besonders für Farbe ein schönes

Naturgefllhl gehabt habe, sich abermals bestätigte. Wäre seitAnfang des Jahrhunderts unser Einfluß auf deutsche Künstlernicht ganz verloren gegangen, hätte sich der durch Frömmeleierschlaffte Geist nicht auf ergrauten Moder zurückgezogen, scwürden wir zu einer Sammlung der Art Gelegenheit gegebnhaben, die dem reinen Natur- und Kunstblick eine Geschicheältern und neuern Colorits, wie sie schon mit Worten versaßtworden, in Beispielen vor Augen gelegt hätte. Da es awreinmal nicht seyn sollte, so suchten wir nur uns und die weichenzunächst Verbündeten in vernünftiger Ueberzeugung zu bestücken,indeß jener wahnsinnige Sectengeist keine Scheu trug, dasVerwerfliche als Grundmaxime alles künstlerischen Hawelnsauszusprechen.

Mit eigenen künstlerischen Prodnctionen waren vir inWeimar nicht glücklich. Heinrich Müller, der sich in Münchendes Steindrucks befleißigt hatte, ward aufgemuntert, verschiedenehier vorhandene Zeichnungen, worunter auch Carstensschi waren,auf Stein zu übertragen; sie gelangen ihm zwar nicht übel,allein das unter dem Namen Weimarische Pinakothekausgegebene erste Heft gewann, bei überfüllten, Markt, wo nochdazu sich vorzüglichere Waare fand, keine Käufer. Er versuchtenoch einige Platten, allein man ließ das Geschäft ame halten,in Hoffnung, bei verbesserter Technik in der Fckge dasselbewieder aufzunehmen.

Als mit bildender Kunst einigermaaßen verwandt, bemerkeich hier, daß meine Aufmerksamkeit auf eigenhändjze Schriftzügevorzüglicher Personen dieses Jahr auch wieder angeregt worden,indem eine Beschreibung des Schlosses Friedland mit Facsimilesvon Wallenstein und andern bedeutenden Namen aus den,dreißigjährigen Kriege herauskam, die ich an meine Original-documeute sogleich ergänzend anschloß. Auch erschien zu derselbenZeit ein Porträt des merkwürdigen Mannes in ganzer Figur,von der leichtgeübten Hand des Director Bergler in Prag,wodurch denn die Geister jener Tage zwiefach an uns wiederherangebannt wurden.

Von gleicher Theilnahme an Werken mancher Art wäre soviel zu sagen. Hermanns Programm über das Wesen unddie Behandlung der Mythologie empfing ich mit der Hoch-achtung , die ich den Arbeiten dieses vorzüglichen Mannes vonjeher gewidmet hatte: denn was kann uns zu höherm Vortheilgereichen, als in die Ansichten solcher Männer einzugehen, diemit Tief- und Scharfsinn ihre Aufmerksamkeit auf ein einzigesZiel hinrichten? Eine Bemerkung konnte mir nicht entgehen,daß die spracherfindenden Urvölker, bei Benamung der Natur-erscheinungen und deren Verehrung als waltender Gottheiten,mehr durch das Furchtbare als durch das Erfreuliche derselbenaufgeregt worden, so daß sie eigentlich mehr tumultuarisch zer-störende als ruhig schaffende Gottheiten gewahr wurden. Mirschienen, da sich denn doch dieses Menschengeschlecht in feinenGrundzllgen niemals verändert, die neuesten geologischen Theo-risten von eben dem Schlage, die ohne feuerspeiende Berge,Erdbeben, Kluftriffe, unterirdische Druck- und Quetschwcrke(-rwvttara), Stürme und Sündfluthen keine Welt zu erschaffenwissen.

Wolfs Prolegomena nahm ich abermals vor. DieArbeiten dieses Mannes, mit dem ich in näheren persönlichenVerhältnissen stand, hatten mir auch schon längst auf meinem- Wege vorgeleuchtet. Beim Stndiren des gedachten Werkes