Annalen oder Tag- und Aabreshefte.
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merkte ich mir selbst und meinen innern Geistesoperationen auf.Da gewahrte ich denn, daß eine Systole und Diastole immer-wäbrend in mir vorging. Ich war gewohnt, die beidenHomerischen Gedichte als Ganzheiten anzusehen, und hierwurden sie mir jedes mit großer Kenntniß, Scharfsinn undGeschicklichkeit getrennt und auseinandergezogen, und indemsich mein Verstand dieser Vorstellung willig hingab, so faßtegleich darauf ein herkömmliches Gefühl alles wieder auf EinenPunkt zusammen, und eine gewisse Läßlichkeit, die uns bei allenwahren poetischen Prodnctionen ergreift, ließ mich die bekanntgewordenen Lücken, Differenzen und Mangel wohlwollendübersehen.
Reisigs Bemerkungen über denAristophaneserschienenbald darauf; ich eignete mir gleichfalls, was mir gehörte, darauszu, obgleich das Grammatische an sich selbst außerhalb meinerSphäre lag. Lebhafte Unterhaltungen mit diesem tüchtigenjungen Manne, geistreich wechselseitige Mittheilungen verliehenmir bei meinem dießmaligen länger» Aufenthalt in Jena dieangenehmsten Stunden.
Die Französische Literatur, ältere und neuere, erregte auchdicßmal vorzüglich mein Interesse. Den mir zum Lesen fastaufgedrungenen Roman Anatole mußte ich als genügendbilligen. Die Werke der Madame Roland erregten bewun-derndes Erstaunen. Daß solche Charaktere und Talente zumVorschein kommen, wird wohl der Hauptvortheil bleiben, welchenunselige Zeiten der Nachwelt überliefern. Sie sind es dennauch, welche den abscheulichsten Tagen der Weltgeschichte inunsern Augen einen so hohen Werth geben. Die Geschichte derJohanna von Orleans in ihrem ganzen Detail thut einegleiche Wirkung, nur daß sie in der Entfernung mehrere Jahr-hunderte noch ein gewisses abentheuerlichcs Helldunkel gewinnt.Eben so werden die Gedichte der Marie de France durchden Duft der Jahre, der sich zwischen uns und ihre Persönlichkeithineinzieht, unmuthiger und lieber.
Von deutschen Prodnctionen warmirOlfriedundLisenaeine höchst willkommene Erscheinung, worüber ich mich auch mitAntheil aussprach. Das einzige Bedenken, was sich auch in derFolge einigcrmaaßen rechtfertigte, war, der junge Mann möchtesich in solchem Umfang zu früh ausgegeben haben. WernersMutter der Maccabäer und Houwalds Bild tratenmir, jedes in seiner Art, unerfreulich entgegen; sie kanten mirvor wie Ritter, welche, um ihre Vorgänger zu überbieten, denDank außerhalb der Schranken suchen. Auch enthielt ich michvon dieser Zeit an alles Neuern, Genuß und Beurtheilungjünger» Gemüthern und Geistern überlassend, denen solcheBeeren, die mir nicht mehr munden wollten, noch schmackhaftseyn konnten.
In ezne frühere Zeit jedoch durch BlumauersAeneisversetzt, erschrak ich ganz eigentlich, indem ich mir vergegen-wärtigen wollte, wie eine so gränzenlose Nüchternheit undPlattheit doch auch einmal dem Tag willkommen und gemäßhatte seyn können. Tonti Nam eh von Jken zog mich un-erwartet wieder nach dem Orient. Meine Bewunderung jenerMährchen, besonders nach der ältern Redaction, wovon Kose-garten in dem Anhange uns Beispiele gab, erhöhte sich, odervielmehr sie frischte sich an: lebendige Gegenwart des Uncr-,forschlichen und Unglaublichen ist es, was uns hier so gewalt-sam erfreulich anzieht. Wie leicht wären solche unschätzbare
naive Dinge durch mystische Symbolik für Gefühl und Ein-bildungskraft zu zerstören! Als völligen Gegensatz erwähne ichhier einer schriftlichen Sammlung Lettischer Lieder, die,eben so begränzt, wie jene gränzenlos, sich in dem natürlich-sten, einfachsten Kreise bewegten.
In ferne Länder ward mein Antheil hingezogen und in dieschrecklichsten Afrikanischen Zustände versetzt durch DumontIn Maroccanischer Sklaverei, in Verhältnisse ältererund neuerer steigender und sinkender Bildung durch LabordesReise nach Spanien. An die Ostsee führte mich ein ge-schriebenes Reisetagebuch von Zelter, das mir auf's neue dieUeberzeugung bethätigte, daß die Neigung, die wir zum Rei-senden hegen, uns aus's allersicherste entfernte Localitäten undSitten vergegenwärtigt.
Bedeutende Persönlichkeiten, ferner und näher, fordertenmeine Theilnahme. Des SchweizerhauPtmannS LandoltBiographie von Heß, besonders mit einigen handschriftlichenZusätzen, erneuerte Anschauung und Begriff des wundersam-sten Menschenkindes, das vielleicht auch nur in der Schweizgeboren und groß werden konnte. Ich hatte den Mann imJahre 1779 persönlich kennen gelernt, und, als Liebhaber vonSeltsamkeiten und Excentricitätcn, die tüchtige Wunderlichkeitdesselben angestaunt, auch mich an den Mährchen, mit denenman sich von ihm trug, nicht wenig ergctzt. Hier fand ich nunjene frühern Tage wieder hervorgehoben, und konnte ein solchespsychisches Phänomen uin so eher begreifen, als ich seine per-sönliche Gegenwart und die Umgebung, worin ich ihn kennengelernt, der Einbildungskraft und dem Nachdenken zu Hülfe rief.
Näher berührte mich die zwischen Voß und Stolbergausbrechende Mißhelligkeit, welches zu mancherlei BetrachtungAnlaß gab.
Man erlebt wohl, daß nach einem zwanzigjährigen Ehe-stand ein im Geheimen mißhelliaes Ehepaar auf Scheidungklagt, und jedermann ruft aus: Warum habt ihr das so langegeduldet, und warum duldet ihr's nicht bis an's Ende?Allein dieser Vorwurf ist höchst ungerecht. Wer den hohenwürdigen Stand, den die eheliche Verbindung in gesetzlich ge-bildeter Gesellschaft einnimmt, in seinem ganzen Werthe be-denkt , wird eingestehen, wie gefährlich es sey, sich einer solchenWürde zu entkleiden; er wird die Frage auswerfen, ob mannicht lieber die einzelnen Unannehmlichkeiten des Tags, denenman sich meist noch gewachsen fühlt, übertragen und ein ver-drießliches Daseyn Hinschleifen solle, anstatt übereilt sich zueinem Resultat zu entschließen, das denn leider wohl zuletzt,wenn das Facit allzulästig wird, gewaltsam von selbst her-vorspringt.
Mit einer jugendlich eingegangenen Freundschaft ist es einähnlicher Fall. Indem man sich in ersten, hoffnungsreich sichentwickelnden Tagen einer solchen Verbindung hingiebt, ge-schieht es ganz unbedingt; an einen Zwiespalt ist jetzt und inalle Ewigkeit nicht zu denken. Dieses erste Hingeben steht vielhöher als das von leidenschaftlich Liebenden am Altar ausge-sprochene Bündniß: denn es ist ganz rein, von keiner Begierde,deren Befriedigung einen Rückschritt befürchten läßt, gesteigert;und daher scheint es unmöglich, einen in der Jugend geschlosse-nen Freundschaftsbund aufzugeben, wenn auch die hervor-tretenden Differenzen mehr als einmal ihn zu zerreißen bedroh-lich obwalten.