Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und Jakresheste.

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Jünglinge könnten an ihm ein Beispiel sehen, wie man in ein-facher Größe natürlich waltet; vielleicht dürfte sie daS von demdurchaus falschen Transcendiren zurückbringen.

Musik war mir spärlich, aber doch lieblich zugemessen.Ein Kinderlieb, zum Nepomuksfeste in Carlsbad gedichtet,und einige andere von ähnlicher Naivetät gab mir FreundZelter in angemessener Weise und hohem Sinne zurück.Musikdirector Eberwein wandte sein Talent dem Divanmit Glück zu, und so wurde mir durch den allerliebsten Ver-trag seiner Frau manche ergetzliche gesellige Stunde.

Einiges auf Personen Bezügliche will ich, wie ich es be-merkt finde, ohne weitem Zusammenhang aufzeichnen. DerHerzog von Berry wird ermordet zum Schrecken von ganzFrankreich. Hofrath Jagcmann stirbt zur Bedaurung vonWeimar. Herrn von Gagerns längst ersehnte Bekannt-schaft wird mir bei einem freundlichen Besuche, wo mir dieeigenthümliche Individualität des vorzüglichen Mannes ent-gegentritt. Jhro Majestät der König von WUrtemberg beehrenmich in Begleitung unserer jungen Herrschaften mit JhroGegenwart. Hierauf habe ich das Vergnügen, auch seine be-gleitenden Cavaliere, werthe Männer, kennen zu lernen. InCarlsbad treffe ich mit Gönnern und Freunden zusammen.Gräfin von der Recke und Herzogin von Curland findeich wie sonst unmuthig und theilnehmend gewogen. Mit Dr.Schütze werden literarische Unterhaltungen fortgesetzt. Lega-tionsrath Conta nimmt einsichtigen Theil an den geognofli-schen Exkursionen. Die auf solchen Wanderungen und sonstzusammengebrachten Musterstücke betrachtet der Fürst vonThurn und Taxis mit Antheil, so wie auch dessen Beglei-tung sich dafür intereffirt. Prinz Carl von Schwarzburg-Sonderöhausen zeigt sich mir gewogen. Mit Professor Her- imann aus Leipzig führt mich das gute Glück zusammen, und ^man gelangt wechselseitig zu näherer Aufklärung. i

Und so darf ich denn wohl auch zuletzt in Scherz und Ernst ^einer bürgerlichen Hochzeit gedenken, die auf dem Schießhause,dem sogenannten kleinen Versailles, gefeiert wurde. Ein an-genehmes Thal an der Seite des Schlackenwalder Weges warvon wohlgekleideten Bürgern übersät, welche sich theils alsGäste des jungen Paars unter einer alles überschattenden Tanz-musik mit einer Pfeife Tabak lustwandelnd, oder bei oft wiedergefüllten Gläsern und Bierkrüglein sitzend, gar traulich ersetz-ten. Ich gesellte mich zu ihnen und gewann in wenigen Stun-den einen deutlichern Begriff von dem eigentlich städtischenZustande Carlsbads, als ich in vielen Jahren vorher mir nichthatte zueignen können, da ich den Ort bloß als ein großesWirths- und Krankenhaus anzusehen gewohnt war.

Mein nachheriger Aufenthalt in Jena wurde dadurch sehrerheitert, daß die Herrschaften einen Theil des Sommers inDornburg zubrachten, wodurch eine lebhaftere Geselligkeit ent-stand , auch manches Unerwartete sich hervorthat; wie ich dennden berühmten Indischen Gaukler und SchwertverschluckerKrtom Balahja seine außerordentlichen Künste mit Er-staunen bei dieser Gelegenheit vortragen sah.

Gar mancherlei Besuche beglückten und erfreuten mich indem alten Gartcnhause und dem daran wohlgelegcnen wissen-schastüch geordneten botanischen Garten. Madame Rodde,geborene Schlozer, die ich vor vielen Jahren bei ihrein Vatergesehen hatte, wo sie als das schönste, hoffnungsvollste Kind

zur Freude des strengen, fast mißmuthigen Mannes glücklichemporwuchs. Dort sah ich auch ihre Büste, welche unserLandsmann Trippel kurz vorher in Rom gearbeitet hatte,als Vater und Tochter sich dort befanden. Ich möchte wohlwissen, ob ein Abguß davon noch übrig ist und wo er sich findet;er sollte vervielfältigt werden: Vater und Tochter verdienen,daß ihr Andenken erhalten bleibe. VonBoth und Gemahlinaus Rostock, ein werthes Ehepaar, durch Herrn vonPreenmir näher verwandt und bekannt, brachten mir eines Natur-nnd Nationaldichters, D. G. Babst, Productionen, welchesich neben den Arbeiten seiner Gleichbürtigen gar wohl undlöblich ausnehmen. Höchst schätzbar sind seine Gelegenheits-gedichte, die uns einen altherkömmlichen Zustand, in festlichenAugenblicken neu belebt, wieder darstellen. Graf Paar,Adjutant des Fürsten von Schwarzeuberg, dem ich inCarlsbad mich freundschaftlich verbunden hatte, versicherte mirdurch unerwartetes Erscheinen und durch fortgesetzte vertrau-liche Gespräche seine unverbrüchliche Neigung. Anton Pro-tes ch, gleichfalls Adjutant des Fürsten, ward mir durch ihnzugeführt. Beide, von der Hahnemannschen Lehre durch-drungen, auf welche der herrliche Fürst seine Hoffnung gesetzthatte, machten mich damit umständlich bekannt, und mir schiendaraus hervorzugehen, daß wer, auf sich selbst aufmerksam,einer angemessenen Diät nachlebt, bereits jener Methode sichunbewußt annähert.

Herr vonderMalsburggab mir Gelegenheit, ihm fürso manches aufklärende Vergnügen und tiefere Einsicht in dieSpanische Literatur zu danken. Ein Fellenberg scher Sohnbrachte mir die menschenfreundlich bildenden Bemühungen desVaters deutlicher zu Sinn und Seele. Frau von H elvig,i geborene von Im hoff, erweckte durch ihre Gegenwart angc«

^ nehme Erinnerungen früherer Verhältnisse, so wie ihre Zeich-i nungen bewiesen, daß sie auf dem Grund immer fortbaute,

! den sie in Gesellschaft der Kunstfreunde vor Jahren in Weimargelegt hatte. Grafund GräfinHopfgarten, so wieFörsterund Frau brachten mir persönlich die Versicherung bekanntenund unbekannten treuen Antheils an meinem Daseyn. Gc«Heimerath Rudolphi von Berlin so wie Professor Weißgingen allzu schnell vorüber, und doch war ihre kurze Gegen-wart mir zur aufmunternden Belehrung.

Für unsern Kreis erwarteten wir zu dieser Zeit HerrnGeneralsuperintendenten Röhr. Welche große Vortheiledurch ihn für uns sich bereiteten, war gleich bei seinem Eintrittzwar nicht zu berechnen, aber doch vorauszusehen. Mir kamer zur glücklichen Stunde: seine erste geistliche Handlung wardie Taufe meines zweiten Enkels, dessen unentwickeltes Wesenmir schon manches Gute vorzudeuten schien. Geheimer Hof-rath Blumenbach und Familie erfreuten uns einige Tagedurch ihre Gegenwart; er, immer der heitere, umsichtige,kenntnißreiche Mann von unerloschenem Gedächtniß, selbst-ständig, ein wahrer Repräsentant der großen gelehrten Anstalt,als deren höchst bedeutendes Mitglied er so viele Jahre gewirkthatte. Die lieben Verwandten, Rath Schlosser und Gattin,von Frankfurt am Main kommend, hielten sich einige Tagebei uns auf, und das vieljährig thätige freundschaftliche Ver-hältniß konnte sich durch persönliche Gegenwart nur zu höhermVertrauen steigern. Geheimerath Wolf belebte die gründlichenliterarischen Studien durch seinen belehrenden Widerspruchsgeist,