Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und Zahrcshefte

und bei seiner Abreise traf es sich zufällig, daß er den nachHalle berufenen vr. Reisig als Gesellschafter mit dahinnehmen konnte, welchen jungen Mann ich nicht allein ummeinetwillen sehr ungern scheiden sah. Dr. Küchelbeckervon Petersburg, von Quandt und Gemahlin, von Arnimund Maler Ruhl brachten durch die interessantesten Unterhal-tungen große Manuichfaltigkeit in unsere geselligen Tage.

Von Seiten unserer fürstlichen Familie erfreute uns dieGegenwart Herzog Bernhards mit Gemahlin und Nach-kommenschaft; fast zu gleicher Zeit aber sollten durch eine un-glückliche Beschädigung unserer Frau Großherzogin, indem siebei einem unversehens» Ausgleiten den Arm brach, die sämmt-lichen Ihrigen in Kummer und Sorge versetzt werden.

Nachträglich will ich noch bemerken, daß Ende Septembersdie Revolution in Portngal ausbrach; daß ich persönlich einemGeschäft entging, dessen Uebernahme bei großer Verantwort-lichkeit mich mit unübersehbarem Verdruß bedrohte.

1821 .

Zu eigenen Arbeiten fand sich manche Veranlassung. Vier-jährige Neigung und Freundschaft des Grafen Brühl ver-langte zn Eröffnung des neuen Berliner Schauspielhauses einenProlog, der denn wegen dringender Zeit gleichsam aus demStegreife erfunden und ausgeführt werden mußte. Die guteWirkung war auch mir höchst erfreulich: denn ich hatte dieGelegenheit erwünscht gefunden, dem werthen Berlin einZeichen meiner Theilnahme an bedeutenden Epochen seinerZustände zu geben.

Ich faßte darauf die Paralipomena wieder an. Unterdieser Rubrik verwahre ich mir verschiedene Futterale, was nochvon meinen Gedichten »»gedruckt oder ungesammclt vorhandenseyn mag. Sie zu ordnen, und da viel Gelegenheitsgedichtedarunter sind, sie zu commentiren Pflegte ich von Zeit zu Zeit,indem eine solche Arbeit in die Länge nicht anziehen kann.

Auch zahme Xeinen brachte ich zusammen; denn obman gleich seine Dichtungen überhaupt nicht durch Verdrußund Widerwärtiges entstellen soll, so wird man sich doch imeinzelnen manchmal Luft machen; von kleinen auf diese Weiseentstehenden Productionen sonderte ich die läßlichsten, undstellte sie in Pappen zusammen.

Schon seit einigen Jahren hatte mich die Wolkenbildungnach Howard beschäftigt, und große Vortheile bei Natur-betrachtungen gewährt. Ich schrieb einEhrengedächtnißin vier Strophen, welche die Hauptworte seiner Terminologieenthielten; auf Ansuchen Londoner Freunde sodann noch einenEingang von drei Strophen, zu besserer Vollständigkeit undVerdeutlichung des Sinnes.

Lord Byrons Jnvective gegen die Edinburger, die michin vielfachem Sinne interessirte, fing ich an zu übersetzen, dochnöthigte mich die Unkunde der vielen Particularien, bald innezu halten. Desto leichter schrieb ich Gedichte zu einer Sendungvon Tischbeins Zeichnungen, und eben dergleichen zu Land-schaften, nach meinen Skizzen radirt.

Hierauf ward mir das unerwartete Glück, Jhro des Groß-fürsten Nico laus und Gemahlin Alexandra kaiserliche Ho-heit, im Geleit unserer gnädigsten Herrschaften, bei mir in

Haus und Garten zu verehren. Der Frau Großfürstin kaiser-liche Hoheit vergönnten, einige poetische Zeilen in das zierlich-prächtige Album verehrend einzuzeichnen.

Auf Anregung eines theilnehmenden Freundes suchte ichmeine in Druck und Manuscript zerstreuten naturwissenschaft-lichen Gedichte zusammen, und ordnete sie nach Bezug undFolge.

Endlich ward eine Indische, mir längst im Sinne schwe-bende, von Zeit zu Zeit ergriffene Legende wieder lebendig, undich suchte sie völlig zu gewältigen.

Gehe ich nun von der Poesie zur Prosa hinüber, so habeich zu erzählen, daß die Wandcrjabre neuen Antheil er-regten. Ich nahm das Manuscript vor, aus einzelnen zumTheil schon abgedruckten kleinen Erzählungen beliebend, welchedurch Wanderungen einer bekannten Gestalt verknüpft, zwarnicht aus Einem Stück, aber doch in Einem Sinn erscheinensollten. Es war wenig daran zu thun, und selbst der wider-strebende Gehalt gab zu neuen Gedanken Anlaß, und ermuthigtezur Ausführung. Der Druck war mit Januar angefangen,und in der Hälfte Mais beendigt.

Kunst und Alterthum III. Band 2. Heft behandelteman zu gleicher Zeit, und legte darin manches nieder, wasgebildeten Freunden angenehm seyn sollte.

Sonderbar genug ergriff mich im Vorübergehen der Trieb,am vierten Bande von Dichtung und Wahrheit zu arbei-ten ; ein Drittheil davon ward geschrieben, welches freilich ein-laden sollte, das übrige nachzubringen. Besonders ward einangenehmes Nbentheuer von Lilis Geburtstag mit Neigunghervorgehoben, anderes bemerkt und ausgezeichnet. Doch sahich mich bald von einer solchen Arbeit, die nur durch liebevolleVertraulichkeit gelingen kann, durch anderweitige Beschäftigungzerstreut und abgelenkt.

Einige Novellen wurden projectirt: die gefährliche Nach-lässigkeit, verderbliches Zutrauen auf Gewohnheit, und niehrdergleichen ganz einfache Lebensmomente, aus herkömmlicherGleichgültigkeit heraus- und auf ihre bedeutende Höhe hervor-gehoben.

In der Mitte Novembers ward an der Campagne von1792 angefangen. Die Sonderling und Verknüpfung des Vor-liegenden erforderte alle Aufmerksamkeit; man wollte durchauswahr bleiben, und zugleich den gebührenden Euphemismusnicht versäumen. Kunst und Alterthum III. Band 3. Heftverfolgte gleichfalls seinen Weg; auch leichtere Bemühungen,wie etwa die Vorrede zum deutschen Gil-Blas, kleinereBiographien zur Trauerloge, gelangen freundlich in ruhigenZwischenzeiten.

Von außen, auf mich und meine Arbeiten bezüglich, er-schien gar manches Angenehme. Eine Uebersetzung von H o-wards Ehrengedächtniß zeigte mir, daß ich auch denSinn der Engländer getroffen, und ihnen mit der Hochschätzungihres Landsmannes Freude gemacht, vr. Noch den, bei demMuseum in London angestellt, übersetzte commentircnd meineAbhandlung über da Vincis Abendmahl, die er in trefflicherAusgabe, auf das zierlichste gebunden, übersendet. RameausNeffe wird in Paris übersetzt, und einige Zeit für das Origi-nal gehalten; und so werden auch meine Theaterstücke nachund nach übertragen. Meine Theilnahme an fremder wie andeutscher Literatur kann ich folgendermaaßen bewähren.