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Annalen oder Tag- und Zahreshefte.
höchst gebildet nach dem Charakter großer Vorgänger: TassosAnmuth, Ariosts Gewandtheit, Dantes widerwärtige, oft ab-scheuliche Großheit, eins nach dem andern wickelt sich ab. Ichmochte das Werk nicht wieder lesen, um es näher zu beur-theilen, da ich genug zu thun hatte, die gespensterhaften Unge-heuer, die mich bei der ersten Lesung verschüchterten, nach undnach aus der Einbildungskraft zu vertilgen.
Desto willkommener blieb mir Graf Carmagnola,Trauerspiel von Manzoni, einem wahrhaften, klar auffassen-den, innig durchdringenden, menschlich fühlenden, gemüth-lichen Dichter.
Von der neuern deutschen Literatur durfte ich wenig Kennt-niß nehmen; messt nur was sich unmittelbar auf mich bezog,konnte ich in meine übrige Thätigkeit mit aufnehmen. Zau-pers Grundzüge zu einer deutschen theoretisch-praktischenPoetik brachten mich mir selbst entgegen und gaben mir, wieaus einem Spiegel, zu manchen Betrachtungen Anlaß. Ichsagte mir: Da man ja doch zum Unterrichte der Jugend undzur Einleitung in eine Sprache Chrestomathien anwendet, soist es gar nicht übel gethan, sich an einen Dichter zu halten,der mehr aus Trieb und Schicksal denn aus Wahl und Vorsatzdahin gelangt, selbst eine Chrestomathie zu seyn: denn da findetsich im ganzen doch immer ein aus dem Studium vieler Vor-gänger gebildeter Sinn und Geschmack. Dieses beschränktkeineswegs den jüngern Mann, der einen solchen Gang nimmt,sondern nöthigt ihn, wenn er sich lange genug in einem ge-wissen Kreise eigensinnig umher getrieben hat, zum Ausflug indie weite Welt und in die Ferne der Zeitalter, wie man auSchubarth sehen kann, der sich eine ganze Weile in meinemBezirk aufhielt, und sich dadurch nur gestärkt fand, nunmehrdie schwierigsten Probleme des Alterthums anzugreifen und einegeistreiche Lösung zu bewirken. Dem guten Zauper sagte ichmanches, was ihm förderlich seyn konnte, und beantworteteseine Aphorismen, die er mir im Manuscript zusendete, mitkurzen Bemerkungen, für ihn und andere nicht ohne Nutzen.
Die Neigung, womit Dr. Kannegießer meine Harz-reise zu entziffern suchte, bewog mich, in meine früheste Zeitzurückzugehen und einige Aufschlüsse über jene Epoche zu geben.
Ein Manuscript aus dem fünfzehnten Jahrhundert, dieLegende der heiligen Dreikönigc in's Mährchenhafteste dehnendund ausmalend, hatte mich, da ich es zufällig gewann, inmanchem Sinne interessirt. Ich beschäftigte mich damit, undein geistreicher junger Mann, Dr. Schwab, mochte es über-setzen. Dieses Studium gab Anlaß zu Betrachtung, wie Mähr-chen und Geschichten epochenweise gegen und durch einanderarbeiten, so daß sie schwer zu sondern sind, und man sie durchein weiteres Trennen nur weiter zerstört.
Jedesmal bei nieinem Aufenthalt in Böhmen bemühte ichmich einigermaaßen um Geschichte und Sprach-, wenn auch nurim allgemeinsten. Dießmal las ich wieder Zacharias Theo-baldus' Hussitenkrieg und ward mit Stransky res-pudlics Lolremisa, mit der Geschichte des Verfassers selbstund dem Werthe des Werks, zu Vergnügen und Belehrung,näher bekannt.
Durch die Ordnung der akademischen Bibliothek zu Jenawurde auch eine Sammlung fliegender Blätter des sechzehntenJahrhunderts dem Gebrauch zugänglich: einzelne Nachrichten,die man in Ermangelung von Zeitungen dem Publicum mit-
theilte, wo man unmittelbar mit dem ursprünglichen Factumgenauer bekannt wurde als jetzt, wo jedesmal eine Partei unsdasjenige mittheilt, was ihren Gesinnungen und Absichten ge-mäß ist, weßhalb man erst hinterdrein die Tazesblätter mitNutzen und wahrer Einsicht zu lesen in den Fall kommt.
Die unschätzbare Boisseröesche Sammlung, die uns einenneuen Begriff von früherer niederdeutscher Kunstmalern ge-geben, und so eine Lücke in der Kunstgeschichte ziemlich ausge-füllt hat, sollte denn auch durch treffliche Steindrücke demAbwesenden bekannt und der Ferne sogleich angelockt werden,sich diesen Schätzen persönlich zu nähern. Strixner, schonwegen seiner Münchener Arbeiten längst gerühmt, zeigte sichauch hier zu seinem großen Vortheil; und obgleich der auf-fallende Werth der Originalbilder in glänzender Färbung be-steht, so lernen wir doch hier den Gedanken, den Ausdruck, dieZeichnung und Zusammensetzung kennen, und werden, wiemit den oberdeutschen Künstlern durch Kupferstiche und Holz-schnitte, so hier durch eine neuersundene Nachbildungsweise auchmit den bisher unter uns kaum genannten Meistern des fünf-zehnten und sechzehnten Jahrhunderts vertraut. Jeder Kupfer-stichsammler wird sich diese Hefte gern anschaffen, da in Be-tracht ihres innern Werthes der Preis für mäßig zu achten ist.
So erschienen uns denn auch die Hamburger Steindrücke,meist Porträts, in Vortrefflichkeit von zusammen lebenden undarbeitenden Künstlern unternommen und ausgeführt. Wirwünschen einem jeden Liebhaber Glück zu guten Abdrückenderselben.
Vieles andere, was die Zeit hervorbrachte, und was wohlfür gränzenlos angesprochen werden kann, ist an anderm Ortegenannt und gewürdigt.
Nun wollen wir noch einer eigenen Bemühung gedenken,eines Weimarisch-lithographischen Heftes mit erklärendem Text,das wir unter dem Titel einer Pinakothek Herausgaben.Die Absicht war, manches bei uns vorhandene Mittheilungs-werthe in's Publicum zu bringen. Wie es aber auch damitmochte beschaffen seyn, dieser kleine Versuch erwarb sich zwarmanche Gönner, aber wenig Käufer, und ward nur langsamund im Stillen fortgesetzt, um den wackern Künstler nicht ohneUebung zu lassen und eine Technik lebendig zu erhalten, welchezu fördern ein jeder Ort, groß oder klein, sich zum Vortheilrechnen sollte.
Nun aber brachte die Kupscrstecherkunst nach langem Er-warten uns ein Blatt von der größten Bedeutung. Hier wirduns in schönster Klarheit und Reinlichkeit ein Bild Raphaelsüberliefert, aus den schönsten Jünglingsjahren; hier ist bereitsso viel geleistet als noch zu hoffen. Die lange Zeit, welche derüberliefernde Kupferstecher Longhi hierauf verwendet, muß alsglücklich zugebracht angesehen werden, so daß man ihm den dabeierrungenen Gewinn gar wohl gönnen mag.
Von Berlin kamen uns fast zu gleicher Zeit Musterblätterfür Fabricanten und Handwerker, die auch wohl einem jedenKünstler höchst willkommen seyn müßten. Der Zweck ist edelund schön, einer ganzen großen Station das Gefühl des Schönenund Reinen auch an unbelebten Formen mitzutheilen; daher istan diesen Mustern alles musterhaft, Wahl der Gegenstände,Zusammenstellung, Folge und Vollständigkeit — Tugenden,welche zusammen, diesem Anfange gemäß, sich in den zu wün-schenden Heften immer mehr offenbaren werden.