Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und IahreShefte.

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Man erinnert sich, welch ein schmerzliches Gefühl über dieFreunde der Dichtkunst und des Genusses an derselben sich ver-breitete, als die Persönlichkeit des Homer, die Einheit des Ur-hebers jener weltberühmten Gedichte, auf eine so kühne undtüchtige Weise bestritten wurde. Die gebildete Menschheit warim tiefsten aufgeregt, und wenn sie schon die Gründe des höchstbedeutenden Gegners nicht zu entkräften vermochte, so konntesie doch den alten Sinn und Trieb, sich hier nur Eine Quellezu denken, woher so viel Köstliches entsprungen, nicht ganz beisich auslöschen. Dieser Kampf währte nun schon über zwanzigJahre, und es war eine Umwälzung der ganzen Weltgesinnungnöthig, um der alten Vorstellungsart wieder einigermaaßenLust zu machen.

Aus dem Zerstörten und Zerstückten wünschte die Mehrheitder classisch Gebildeten sich wieder herzustellen, aus dem Un-glauben zum Glauben, aus dem Sondern zum Vereinen, ausder Kritik zum Genuß wieder zu gelangen. Eine frische Jugendwar herangewachsen, unterrichtet wie lebenslustig; sie unter-nahm mit Muth und Freiheit den Vortheil zu gewinnen, dessenwir in unserer Jugend auch genossen hatten, ohne die schärfsteUntersuchung selbst den Schein eines wirksamen Ganzen als einGanzes gelten zu lassen. Die Jugend liebt das Zerstückelteüberhaupt nicht, die Zeit hatte sich in manchem Sinne kräftighergestellt, und so fühlte mau schon den frühern Geist der Ver-söhnung wiederum walten.

Schubarths Ideen über Homer wurden laut; seinegeistreiche Behandlung, besonders die herausgehobene Begün-stigung der Trojaner, erregten ein neues Interesse, und manfühlte sich dieser Art, die Sache anzusehen, geneigt. Ein Eng-lischer Aufsatz über Homer, worin man auch die Einheit undUntheilbarkcit jener Gedichte auf eine freundliche Weise zu be-haupten suchte, kam zu gelegener Zeit, und ich, in der Ueber-zeugung , daß, wie es ja bis auf den heutigen Tag mit solchenWerken geschieht, der letzte Redacteur und sinnige Abschreibergetrachtet habe, ein Ganzes nach seiner Fähigkeit und Ueber-zeugung herzustellen und zu überliefern, suchte den Auszug derJlias wieder vor, den ich zu schnellerer Uebersicht derselbenvor vielen Jahren unternommen hatte.

Die Fragmente Phatzthons, von Ritter Hermannmitgetheilt, erregten meine Productivität. Ich studirte eiligmanches Stück des Euripides, um mir den Sinn dieses außer-ordentlichen Mannes wieder zu vergegenwärtigen. ProfessorGöttling übersetzte die Fragmente, und ich beschäftigte michlange mit einer möglichen Ergänzung.

Aristophanes von Boß gab uns neue Ansichten undein frisches Interesse au dem seltsamsten aller Theaterdichter.Plntarch und Appian werden studirt, dießmal um derTriumphzüge willen, in Absicht Mantegnas Blätter, deren Dar-stellungen er offenbar aus den Alten geschöpft, bester würdigenzu können. Bei diesem Anlaß ward nian zugleich in den höchstwichtigen Ereignissen und Zuständen der Römischen Geschichtehin und her geführt. BonKnebels Uebersetznng desLucrez,welche nach vielfältigen Studien und Bemühungen endlich her-auskam , nöthigte zu weiter» Betrachtungen und Studien indemselben Felde; man ward zu dem hohen Stande der Römi-schen Cultur ein halbes Jahrhundert vor Christi Geburt undin das Verhältniß der Dicht- und Redekunst zum Kriegs - undStaatswesen genöthigt. Dionys von Halikarnaß konnte

nicht versäumt werde», und so reizend war der Gegenstand,daß mehrere Freunde sich mit und an demselben unterhielten,s Nun war der Antheil an der Englischen Literatur durch^ vielfache Bücher und Schriften, besonders auch durch die Hütt-nerschen höchst interessanten handschriftlichen Berichte, vonLondon gesendet, immer lebendig erhalten. Lord Byronsfrüherer Kampf gegen seine schwachen und unwürdigen Reecn-, seilten brachte mir die Namen mancher seit dem Anfange desi Jahrhunderts merkwürdig gewordener Dichter und Prosaistenvor die Seele, und ich las daher Jacobsens biographischeChrestomathie mit Aufmerksamkeit, um von ihren Zuständen, und Talenten das Genauere zu erfahren. Lord Byrons M a-^ rino Faliero, wie sein Manfred, in^ngs Uebersetznng,

^ hielten uns jenen werthen außerordentlichen Mann immer vorAugen. Kenilworth von Walter Scott, statt vielerandern seiner Romane aufmerksam gelesen, ließ mich sein vor-^ zllgliches Talent, Historisches in lebendige Anschauung zu ver-wandeln, bemerken, und überhaupt als höchst gewandt in dieserDicht- und Schreibart anerkennen.

Unter Vermittlung des Englischen, nach Anleitung des' werthen Professor Koseg arten, wandte ich mich wieder eineZeit lang nach Indien. Durch seine genaue Uebersetznng desAnfangs von Megha-Duta kam dieses unschätzbare Gedicht niirwieder lebendig vor die Seele, und gewann ungemeiu durch> eine so treue Annäherung. Auch Nala studirte ich mit Be-wunderung, und bedauerte nur, daß bei uns Empfindung,Sitten und Denkweise so verschieden von jener östlichen Nationi sich ausgebildet haben, daß ein so bedeutendes Werk unter unsnur wenige, vielleicht nur Leser vom Fache sich gewinnen möchte.

Bon Spanischen Erzeugnissen nenne ich zuvörderst ein be-deutendes Werk: Spanien und die Revolution. EinGereifter, mit den Sitten der Halbinsel, den Staats-, Hof-und Finanzverhältniffeu gar wohl bekannt, eröffnet uns metho-disch und zuverlässig, wie es in den Jahren, wo er selbst Zeugegewesen, mit den innern Verhältnissen ausgesehen, und giebtuns einen Begriff von dem, was in einem solchen Lande durchUmwälzungen bewirkt wird. Seine Art zu schauen und zudenken sagt dem Zeitgeist nicht zu; daher secretirt dieser dasBuch durch ein unverbrüchliches Schweigen, in welcher Art! von Jnquisitionscensur es die Deutschen weit gebracht haben.

, Zwei Stücke von Calderon machten mich sehr glücklich:

! der absurdeste Gegenstand in Aurora von Copacabana,

! der Vernunft- und naturgemäßeste, die Tochter der Luft,beide mit gleichem Geist und überschwenglichem Talent behan-delt, daß die Macht des Genies in Beherrschung alles Wider-sprechenden daraus aus's kräftigste hervorleuchtet, und den hohenWerth solcher Productionen doppelt und dreifach beurkundet.

Eine Spanische Blnmenlese, durch Gefälligkeit des HerrnPerthes erhalten, war mir höchst erfreulich; ich eignete mirdaraus zu, was ich vermochte, obgleich meine geringe Sprach-kennlniß mich dabei manche Hinderung erfahren ließ.

Aus Italien gelangte nur wenig in meinen Kreis. Jlde-gonda von Grossi erregte meine ganze Aufmerksamkeit, obich gleich nicht Zeit gewann, öffentlich darüber etwas zu sagen.Hier sieht man die mannichfaltigste Wirksamkeit eines vorzüg-lichen Talents, das sich großer Ahnherren rühmen kaun, aberauf eine wundersame Weise. Die Stanzen sind ganz vortreff-lich, der Gegenstand modern unerfreulich, die Ausführung