Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag. und Jadresbefte.

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schon früh war er überzeugt, daß, wie durch Bearbeitungschon bekannter Stoffe, so auch durch Übersetzung vorhandenerWerke ein lebhafter, reicher Geist die beste Erquickung fände.

Shakspeare zu übersetzen war in jenen Tagen ein kühnerGedanke, weil selbst gebildete Literatoren die Möglichkeit leug-neten , daß ein solches Unternehmen gelingen könne. Wielandübersetzte mit Freiheit, erhäschte den Sinn seines Autors, ließbei Seite, was ihm nicht übertragbar schien, und so gab erseiner Nation einen allgemeinen Begriff von den herrlichstenWerken einer andern, seinem Zeitalter die Einsicht in die hoheBildung vergangener Jahrhunderte.

Diese Uebersetzung, so eine große Wirkung sie in Deutsch-land hervorgebracht, scheint auf Wieland selbst wenig Einflußgehabt zu haben. Er stand mit seinem Autor allzusehr inWiderstreit, wie man genugsam erkennt aus den übergangenenund ausgelassenen Stellen, mehr noch aus den hinzugefügtenNoten, aus welchen die Französische Sinnesart hervorblickt.

Anderseits aber sind ihm die Griechen, in ihrer Mäßigungund Reinheit, höchst schätzbare Muster. Er fühlt sich mitihnen durch Geschmack verbunden: Religion, Sitten, Ver-fassung, alles giebt ihm Anlaß, seine Vielseitigkeit zu üben,und da weder die Götter noch die Philosophen, weder das Volknoch die Völker, so wenig als die Staats- und Kriegsleute sichunter einander vertragen, so findet er überall die erwünschtesteGelegenheit, indem er zu zweifeln und zu scherzen scheint, seinebillige, duldsame, menschliche Lehre wiederholt einzuschärfen.Zugleich gefällt er sich, problematische Charaktere darzustellen,und es macht ihm zum Beispiel Vergnügen, ohne Rücksichtauf weibliche Keuschheit, das Liebenswürdige einerMusarion,Lais und Phryne hervorzuheben, und ihre Lebensweisheitüber die Schulweisheit der Philosophen zu erhöhen.

Aber auch unter diesen findet er einen Mann, den er alsRepräsentanten seiner Gesinnungen ausbilden und darstellenkann, ich meine Aristipp. Hier sind Philosophie und Welt-genuß durch eine kluge Begränzung so heiter und wünschens-werth verbunden, daß man sich als Mitlebender in einem soschönen Lande, in so guter Gesellschaft zu finden wünscht. Mantritt so gern mit diesen unterrichteten, wohldenkenden, gebil-deten, frohen Menschen in Verbindung, ja man glaubt, solange man in Gedanken unter ihnen wandelt, auch wie sie ge-sinnt zu seyn, wie sie zu denken.

In diesen Bezirken erhielt sich unser Freund durch sorg-fältige Vorübungen, welche dem Uebersetzer noch mehr als demDichter nothwendig sind; und so entstand der deutsche Lu cian,der uns den Griechischen um desto lebhafter darstellen mußte,als Verfasser und Uebersetzer für wahrhafte Geistesverwandtegelten können.

Ein Mann von solchen Talenten aber, predige er auch nochso sehr das Gebührende, wird sich doch manchmal versuchtfühlen, die Linie des Anständigen und Schicklichen zu über-schreiten, da von jeher das Genie solche Wagstücke unter seineGerechtsame gezählt hat. Diesen Trieb befriedigte Wieland,indem er sich dem kühnen, außerordentlichen Aristophanes an-zugleichen suchte, und die eben so verwegenen als geistreichenScherze durch eigene angeborene Grazie gemildert überzutragenwußte.

Freilich war zu allen diesen Darstellungen auch eine Ein-sicht in die höhere bildende Kunst nöthig, und da unserm Freund

niemals das Anschauen jener überbliebenen alten Meisterwerkegegönnt ward, so suchte er durch den Gedanken sich zu ihnenzu erheben, sie durch die Einbildungskraft zu vergegenwärtigen,dergestalt daß man bewundern muß, wie der vorzügliche Geistsich auch von dem Entfernten einen Begriff zu machen weiß,ja es würde ihm vollkommen gelungen seyn, hätte ihn nichteben seine lobenswerthe Behutsamkeit abgehalten, entschiedeneSchritte zu thun; denn die Kunst überhaupt, besonders aberdie der Alten, läßt sich ohne Enthusiasmus weder fasten nochbegreifen. Wer nicht mit Erstaunen und Bewunderung an-fangen will, der findet nicht den Zugang in das innere Heilig-thum. Unser Freund aber war viel zu bedächtig; und wiehätte er auch in diesem einzigen Falle eine Ausnahme von seinerallgemeinen Lebensregel machen sollen?

War er jedoch mit den Griechen durch Geschmack nah ver-wandt , so war er es mit den Römern noch mehr durch Ge-sinnung. Nicht daß er sich durch republikanischen oder patrio-tischen Eifer hätte hinreißen lasten, sondern er findet, wie ersich den Griechen gewissermaaßen nur andichtete, unter denRömern wirklich seines Gleichen. Horaz hat viel Aehnlichesvon ihm; selbst kunstreich, selbst Hof- und Weltmann ist erein verständigerBeurtheiler desLebensund der Kunst; CiceroPhilosoph, Redner, Staatsmann, thätiger Bürger; und beideaus unscheinbaren Anfängen zu großen Würden und Ehrengelangt.

Wie gern mag sich unser Freund, indem er sich mit denWerken dieser beiden Männer beschäftigt, in ihr Jahrhundert,in ihre Umgebungen, zu ihren Zeitgenossen versetzen, um unsein anschauliches Bild jener Vergangenheit zu übertragen! undes gelingt ihm zum Erstaunen. Vielleicht könnte man im ganzenmehr Wohlwollen gegen die Menschen verlangen, mit denen ersich beschäftigt, aber er fürchtet sich so sehr vor der Parteilichkeit,daß er lieber gegen sie als für sie Partei nehmen mag.

Es giebt zwei Uebersetzungsmaximen: die eine verlangt,daß der Autor einer fremden Nation zu uns herübergebrachtwerde, dergestalt daß wir ihn als den unsrigen ansehen können;die andere hingegen macht an uns die Forderung, daß wiruns zu dem Fremden hinüberbegeben und uns in seine Zu-stände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen.Die Vorzüge von beiden sind durch musterhafte Beispiele allengebildeten Menschen genugsam bekannt. Unser Freund, derauch hier den Mittelweg suchte, war beide zu verbinden be-müht, doch zog er als Mann von Gefühl und Geschmack inzweifelhaften Fällen die erste Maxime vor.

Niemand hat vielleicht so innig empfunden, welch verwickeltesGeschäft eine Uebersetzung sey als er. Wie tief war er überzeugt,daß nicht das Wort, sondern der Sinn belebe! Man betrachte,wie er in seinen Einleitungen uns erst in die Zeit zu versetzenund mit den Personen vertraut zu machen bemüht ist, wie eralsdann seinen Autor auf eine uns schon bekannte, unserm Sinnund Ohr verwandte Weise sprechen läßt, und zuletzt noch mancheEinzelnheit, welche dunkel bleiben, Zweifel erregen, anstößig! werden könnte, in Noten auszulegen und zu beseitigen sucht.

^ Durch diese dreifache Bemühung, sieht man recht wohl, hat er! sich erst seines Gegenstandes bemächtigt, und so giebt er sich dennauch die redlichste Mühe, uns in den Fall zu setzen, daß seine^ Einsicht uns mitgetheilt werde, auf daß wir auch den Genußmit ihm theilen.