Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und Jahreshefte.

Ob er nun gleich mehrerer Sprachen mächtig war, so hielter sich doch fest an die beiden, in denen uns der Werth und dieWurde der Vorwelt am reinsten überliefert ist. Denn so wenigwir leugnen wollen, daß aus den Fundgruben anderer altenLiteraturen mancher Schatz gefördert worden und noch zu för-dern ist, so wenig wird man uns widersprechen, wenn wir be-haupten, die Sprache der Griechen und Römer habe uns bisauf den heutigen Tag köstliche Gaben überliefert, die an Gehaltdem übrigen Besten gleich, der Form nach allem andern vorzu-ziehen sind.

Die deutsche Reichsverfassung, welche so viele kleine Staatenin sich begriff, ähnlichte darin der Griechischen. Die geringste,unscheinbare, ja unsichtbare Stadt, weil sie ein eigenes Interessehatte, mußte solches in sich hegen, erhalten und gegen die Nach-barn vertheidigen. Daher war ihre Jugend frühzeitig aufgewecktund aufgefordert, über Staatsverhältnisse nachzudenken. Undso war auch Wieland, als Canzleiverweser einer der kleinstenReichsstädte, in dem Fall Patriot und im bessern Sinne De-magog zu seyn; wie er denn einmal über einen solchen Gegen-stand die zeitige Ungnade des benachbarten Grafen Stadion,seines Gönners, lieber auf sich zu ziehen als unpatriotisch nach-zugeben die Entschließung faßte.

Schon sein Agathen belehrt uns, daß er auch in diesemFache geregelten Gesinnungen den Vorzug gab; indeß gewanner doch solchen Gegenständen so viel Antheil ab, daß alle seineBeschäftigungen und Steigungen in der Folge ihn nicht hinderten,über dieselben zu denken. Besonders fühlte er sich aus's neuedazu aufgefordert, als er sich einen bedeutenden Einfluß aus dieBildung hoffnungsvoller Fürsten versprechen durfte.

Aus allen den Werken, die er in dieser Art geliefert, trittein weltbürgerlicher Sinn hervor, und da sie in einer Zeit ge-schrieben sind, wo die Macht der Alleinherrschaft noch nichterschüttert war, so ist sein Hauptgeschäft, den Machthabern ihrePflichten dringend vorzustellen, und sie auf das Glück hinzu-weisen, das sie in dem Glück der Ihrigen finden sollten.

Nun aber trat die Epoche ein, in der eine aufgeregte Nationalles bisher Bestandene niederriß, und die Geister aller Erd-bewohner zu einer allgemeinen Gesetzgebung zu berufen schien.Auch hierüber erklärt er sich mit umsichtiger Bescheidenheit, undsucht durch verständige Vorstellungen, die er unter mancherleiFormen verkleidet, irgend ein Gleichgewicht in der bewegtenMenge hervorzubringen. Da aber der Tumult der Anarchieimmer heftiger wird, und eine freiwillige Vereinigung der Masseundenkbar erscheint, so ist er der erste, der die Einherrschaftwieder anräth, und den Mann bezeichnet, der das Wunder derWiederherstellung vollbringen werde.

Bedenkt man nun hierbei, daß unser Freund über dieseGegenstände nicht etwa hinterdrein, solidem gleichzeitig ge-schrieben, und als Herausgeber eines vielgelcsenen JournalsGelegenheit hatte, ja genöthigt war, sich monatlich aus demStegreife vernehmen zu lassen, so wird derjenige, der seinemLebensgange chronologisch zu folgen berufen ist, nicht ohne Be-wunderung gewahr werden, mit welcher Aufmerksamkeit er denraschen Begebenheiten des Tages folgte, und mit welcher Klug-heit er sich als ein Deutscher und als ein denkender, theil-nehmender Mann durchaus benommen hat. Und hier ist es derOrt, der für Deutschland so wichtigen Zeitschrift, des TeutschenMerkur, zu gedenken. Dieses Unternehmen war nicht das

erste in seiner Art, aber doch zu jener Zeit neu uud bedeutend.Ihm verschaffte sogleich der Name des Herausgebers ein großesZutrauen: denn daß ein Mann, der selbst dichtete, auch dieGedichte anderer in die Welt einzuführen versprach, daß einSchriftsteller, dem man so herrliche Werke verdankte, selbsturtheilen, seine Meinung öffentlich bekennen wollte, dieß erregtedie größten Hoffnungen. Auch versammelten sich werthvolleMänner bald um ihn her, und dieser Verein vorzüglicher Litera-toren wirkte so viel, daß man durch mehrere Jahre hin sich desMerkur als Leitfadens in unserer Literargeschichte bedienenkann. Auf das Publicum überhaupt war die Wirkung groß undbedeutend; denn wenn auf der einen Seite das Lesen und Ur-theilen über eine größere Masse sich verbreitete, so ward auchdie Lust, sich augenblicklich mitzutheilen, bei einem jeden rege,der irgend etwas zu geben hatte. Mehr als er erwartete undverlangte, floß dem Herausgeber zu; sein Glück weckte Nach-ahmer, ähnliche Zeitschriften entstanden, die erst monatlich, dannWochen- und tagweise sich in's Publicum drängten, und endlichjene Babylonische Verwirrung hervorbrachten, von der wir Zeugewaren und find, und die eigentlich daher entspringt, daß jeder-mann reden und niemand hören will.

Was den Werth und die Würde des Teutschen Merkurviele Jahre durch erhielt, war die dem Herausgeber desselbenangeborene Liberalität. Wieland war nicht zum Parteihauptgeschaffen; wer die Mäßigung als Hauptmaxime anerkennt, darfsich keiner Einseitigkeit schuldig machen. Was seinen regen Geistaufreizte, suchte er durch Menschenverstand und Geschmack beisich selbst in's gleiche zu bringen, und so behandelte er auch seineMitarbeiter, für die er sich keineswegs enthusiasmirte; und wieer die von ihm so hoch geachteten alten Autoren, indem er siemit Sorgfalt übersetzte, doch öfters in den Noten zu bekriegenpflegte, so machte er auch oft geschätzte, ja geliebte Mitarbeiterdurch mißbilligende Noten verdrießlich, ja sogar abwendig.

Schon früher hatte unser Freund wegen größerer und kleinererSchriften gar manche Anfechtung leiden müssen; um so wenigerkonnte es ihm, als Herausgeber einer Zeitschrift, an literarischenFehden ermangeln. Auch hier beweis't er sich als immer der-selbe. Ein solcher Federkrieg darf ihm niemals lange dauern,und wie sich's einigermaaßen in die Länge ziehen will, so läßter dem Gegner das letzte Wort, und geht seines gewohntenPfades.

Ausländer haben scharfsinnig bemerkt, daß deutsche Schrift-steller weniger als die Autoren anderer Nationen auf das Publi-cum Rücksicht nehmen, uud daß man daher in ihren Schriftenden Menschen, der sich selbst ausbildet, den Menschen, der sichselbst etwas zu Danke machen will, und folglich den Charakterdesselben gar bald abnehmen könne. Diese Eigenschaft habenwir schon oben Wielanden besonders zugeschrieben, und es wirdum so interessanter seyn, seine Schriften wie sein Leben in diesemSinne zu reihen und zu verfolgen, als man früher und späterden Charakter unseres Freundes aus eben diesen Schriften ver-dächtig zu machen suchte. Gar viele Menschen sind noch jetztau ihm irre, weil sie sich vorstellen, der Vielseitige müsse gleich-gültig, und der Bewegliche wankelmüthig seyn. Man bedenktnicht, daß der Charakter sich nur durchaus aus's Praktische beziehe.Nur in dem, was der Mensch thut, zu thun fortfährt, woraufer beharrt, darin zeigt er Charakter; und in diesem Sinne hates keinen festem, sich selbst immer gleichem Mann gegeben als