Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und ZahreSheste.

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Hier kann man sich noch jetzt sein ganzes Leben ausführlichdenken. Hier an einem und demselben Tage erschien zu ver-schiedenen Stunden in demselben Manne der Vater des Volks,der Vertheidiger und Beschützer des Reichs, der Staatsmann,der Künstler, der Dichter, der Gelehrte, der Mensch, immerder große Friedrich, ohne daß eine dieser Eigenschaften derandern geschadet hätte. Frage man, ob er sein Leben besserangewendet oder glücklicher genossen habe! Denn wir lebennur, in sofern wir uns unser bewußt sind. Man kannte dasLeben anderer Könige, ihrer Staatsräthe und Canzlciver-wandten: da war es leicht den Vorzug desjenigen zu begreifen,der zwölf Stunden des Tags arbeitete. Freilich nur Augen-blicke bedarf der fruchtbare Geist, um das größte Thunliche zufassen; aber die Zeit hat auch ihre Rechte. Arbeit und Ein-samkeit rufen die glücklichsten Augenblicke hervor; der Funkespringt, zündet; ein Gedanke tritt hervor, der den Staat rettet,der ein Gesetz wird, welches Jahrhunderte zu bezaubern vermag.Da waltete der Einsame von Sanssouci, umgeben von seinenClassikern, in diesem geweihten Rundgebäu, dem Allerheiligstenvon Friedrichs Genius; da wachte er, da rief er solchen Augen-blick hervor, unvorhergesehen, unwiderruflich. Sie kommennicht, wenn man Langeweile hat oder wenn der Strudel derWelt uns betäubt. Sieht man in den Gewölben der Staats-urkunden feine Arbeiten, vergegenwärtigt man sich seine unend-lichen Geistesschöpfungen, so sieht man, er hat keinen Tagverloren, als den wo er starb.

Die Ordnung, die er beobachtete, war bewundernswürdig.Jeder Gegenstand hatte seine Zeit, seinen Platz; alles war ab-gemessen , nichts unregelmäßig, nichts übertrieben. Diese Ge-wohnheiten waren jder Klarheit und Genauigkeit seiner Ideenförderlich, und hinderten dagegen seine lebhafte Einbildungs-kraft und seine feurige Seele, sich hinreißen zu lassen, sich zuüberstürzen. Indem er alle Seiten eines Gegenstandes undihre Beziehungen zu kennen suchte, so brachte er eben so vielRuhe in die Ueberlegung, als Schnelligkeit und Nachdruck indie Ausführung.

Er hörte nicht auf, sich an der Geschichte zu bilden: höchlichwußte er diese gesammelten Erfahrungen zu schätzen, die demlebendigen Geist für Staatsverwaltung und Kriegskunst denSinn ausschließen. Erzog die Geschichtschreiber des Alterthumsvor; denn die mittäglichen Völker sind reicher an Ideen, aus-gesprochener und glühender in der Art zu empfinden. DieseMenschen waren einer frischen, kräftigen Natur viel näher.Ihre Werke sollten zum Handeln führen, nicht etwa nur eitleNeugierde befriedigen. Friedrich liebte auch einige methodischeWerke. Er wollte sich in der Gewohnheit erhalten, seine Ge-danken in Ordnung zu stellen. Die rhetorischen Vorschriften desCicero, die Lehrart von Port-Royal, von Rollin, gefielen ihmlange Zeit. In den letzten Tagen, als er bemerkte, daß derGeist sich verwirre, trübe, schwach werde, nahm er die Anlei-tungen Quintilians wieder vor, die voll Verstand und Ordnungsind, und las dazu leichte Schriften Voltaires, in welchen Leb-haftigkeit herrschend ist. Auf alle Art und Weise wollte er sichaufgeweckt erhalten, und so kämpfte er gegen das letzte Hin-schlnmmern.

Eroberungen können verloren gehen, Triumphe kann manstreitig machen: jene des großen Pompejus wurden durch einunedles Ende verfinstert, und auch der große Ludwig sah den

Glanz der seinigen verdunkelt. Aber der Ruhm und der Vor-theil, den das Beispiel gewährt, sind unzerstörlich, unverlier-bar: der eine bleibt seinem Urheber eigenthümlich, der anderezugesichert allen denen, die ihm nachahmen. Das Verdienst be-ruht in den Entschließungen, die uns angehören, in dem Muthder Unternehmung, der Beharrlichkeit der Ausführung.

Man redet hier nicht von den einzelnen Zügen, durch dieein übler Wille Friedrichs Ruhm zu verdunkeln glaubte. DerGeschichtschreiber Dio, indem er von den Vorwürfen reden soll,die man dem Trajan gemacht hat, bemerkt, daß der beste derKaiser keine Rechenschaft schuldig seh über das, was aufseinöffentliches Leben keinen Einfluß hatte. Wenn Friedrich dasWesen der Religion mißverstand und den Sinn ihrer Quellen,so wußte er doch die Vorsteher aller Gottesverehrungen inGränzen zu halten, indem er sie beschützte und ihr Eigenthumschonte. Spräche man vielleicht von der Verletzung einigerGrundsätze des Völkerrechts, hier zeigt er sich uns nur in demFalle, daß er dem Dränge der Nothwendigkeit nachgab, und dieeinzige Gelegenheit, seine Macht zu gründen, benutzte. Machteer aufmerksam, wie wenig Sicherheit ein Pergament verleihe,so lehrte er uns zugleich desto bester kennen, was einem Staatewahrhaft Gewähr leiste. Das Mißverhältniß seines Heeres zuden Hülfsquellen seines Landes erscheint nicht so stark, wennman bedenkt, daß der größte Theil, beinahe auf Weise derNationalgarden, nur zum durchaus nothwendigen Dienst be-rufen wurde. In einem Lande, wo Hervorbringen, Erwerbund Betrieb durch die Natur des Bodens eingeschränkt wird,ist es keine Unbequemlichkeit, kein Nachtheil, daß der Militär-geist herrschend werde. In einer Lage, deren Sicherheit fürganz Europa bedeutend ist, zeigt sich dadurch ein gemeinsamerwünschenswerther Vortheil. Da, wo mittelmäßige und künst-liche Reichthümer von tausend Zufällen abhängig sind, welcherZustand des Lebens könnte besser seyn, als der, in dem wiruns gewöhnen, alles missen zu können? Wenn Friedrich zuseinerZeit die untern Stände von den obern Stufen der Kriegs-bedienungen ausschloß, so geschah es vielleicht, weil er damalsgenug zu thun hatte, um dem Gewerbe bei sich aufzuhelfen,weil es zuträglich schien, den Mittelstand nicht von den erstauskeimenden Künsten des bürgerlichen Lebens abzuziehen.Wollte man ihm sein unumschränktes Herrschen zum Borwurfmachen? Der höhere Mensch übt diese Gewalt aus durch dasUebergewicht seiner Natur, und die freien Ansichten einesgroßen Mannes machen sich wohlthätig; und so bildet sich nachund nach die Meinung, die sich endlich als Gesetz aufstellt. Dieunvermeidliche Ungleichheit unter den Menschen macht dengrößern Theil glücklich in der Unterwerfung. Das herrschendeGenie, das sich Friedrich oder Richelieu nennt, nimmt seinenPlatz ein, und die Talente für Krieg und Staatsverwaltungnehmen ihren Rang neben ihm ein, um es zu unterstützen.

Anstatt auf die Beschuldigungen des Neides zu antworten,begab sich der größte der Scipionen auf das Capital, um denTag von Zama zu feiern. Sollen wir für Friedrich antworten,wie er, ungeachtet seiner Kriege, und seine Eroberungen nichtmit gerechnet, die Bevölkerung seines Landes verdoppelte und,was ihm Ehre macht, das Glück seines Volkes vergrößerte, einvollkommen ausgerüstetes Heer hinterließ, alle Vorrathskam-mern, alle Zeughäuser und deiz Schatz gefüllt, wie er niitscheidendem Lichtblick seines Ruhms den deutschen Bund