Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder Tag- und Jahreshcfte,

Kunst, die Gewalt, sie auszuführen, uns im Leben begegnet?Und so fordern wir von allen Franzosen die Tüchtigkeit, dasSelbstgefühl, den Muth ihrer germanischen Vater, jene Vor-züge, veredelt durch die Anmuth Franz I., die edle Freimüthig-keit des großen Heinrich und das Zeitalter Ludwig XIV. Jawas werden künftige Geschlechter nicht noch hinzufügen? Ver-gebens würde man die Denkmale Helvetischer Tapferkeit zer-stören; immer noch würde die Well mit Liebe sich unter denSchweizern ein Bild Lettischer Einfalt, Winkelriedischer Auf-opferung hervorzusuchen trachten, eine Spur des Ehrgefühlsjenes Heeres, das, anstatt sich gefangen zu geben, lieber ge-summt umkam.

Dergleichen unzerstörliche höchst achtungswerthe Erinne-rungen an die Voreltern sind es, um derentwillen wir dieFehler der Nachkömmlinge verzeihen. Als Athen einst keineSchiffe mehr im Piraens, keine Schätze mehr in der Cecropi-schen Burg besaß, Perikles nicht mehr von der Bühne donnerte,Alcibiades nicht glorreich mehr die See beherrschend zurückkehrte,und Athen doch unklug leider! mit der ewigen Roma, der Welt-herrscherin, zu kämpfen sich vermaß: was that der Sieger, wasthat Cornelius Sulla? Er gedachte des alten Ruhms, undAthen ersreute sich seiner Güte. Große Männer und anSulla fand mau Züge, die den großen Mann bezeichnen siehaben nicht, wie andere Menschen, in Leidenschaften und Ver-hältnissen etwas Besonderes, Einzelnes, Eigenes. Söhne desGenius, im Besitz angeerbteu erhabenen Sinnes, brennendvon dem göttlichen Feuer, das reinigt, das hervorbringt, an-statt zu zerstören, bilden sie alle zusammen einen Geschlechtskreis,in dem man sich wechselseitig anerkennt; ja sie achten gegenseitigdas Andenken ihres Ruhms. Fimbrias rohe Natur konnte Jliumzerstören; Alexander opferte daselbst. Jedes Volk, das einemHeroen angehörte, hat auf das Herz eines andern Heroen voll-kommene Rechte. Das Wirken der Menge beschränkt sich imKreise des Augenblicks: der Thatenkreis eines großen Manneserweitert sich im Gefühl seiner Verwandtschaft mit den besten.Und daran erkennt mau die Vorzüglichsten. Alexander rettetePindars Haus; Pius V. zerstreute Tacitus' Asche. Also,Preußen, unter allen Abwechslungen des Glücks und derZeiten, so lange nur irgend fromm die Erinnerung an demGeiste, den Tugenden des großen Königs weilt, so lange nureine Spur von dem Eindruck seines Lebens in enern Seelen sichfindet, dürft ihr nie verzweifeln. Mit Theilnahme wird jederHeld Friedrichs Volk betrachten.

Zaghafte Geister, schwache Seelen fragen vielleicht: Washaben wir denn gemein mit einem König, einem Krieger, einemunumschränkten Fürsten? und nachzuahmen einem solchen, wärees nicht Thorheit? Diese fragen wir dagegen: War er dennFriedrich durch Erbschaft? war er Friedrich durch Glück, dasso oft in Schlachten entschied? war er's durch Gewalt, die sooft zu Irrthümern und Mißbräuchen verleitet? Nein, er wardso groß durch das, was in ihm lag, was auch in uns liegt;möchten.wir es fühlen I

Das erste, was er mit einem heißen Willen ergriff, wovoner niemals abließ, war die Ueberzeugung, er müsse, weil erKönig sey, der erste unter den Königen seyn durch die Art,seine Pflichten zu erfüllen. Er hätte die Künste des Friedenslieben mögen, und führte doch zwölf Jahre lang schrecklicheKriege. Gern hätte er seine Zeit vertheilt unter Studien,

! Musik und Freunde; und doch war in der Staatsverwaltungnichts einzelnes, womit er sich nicht während seiner sechsund-vierzigjährigen Regierung beschäftigt hätte. Er war von Naturnicht der Herzhafteste; und doch wer hat sich in Schlachten mehrausgesetzt? wer umgab sich weniger mit beforglichen Anstalten?wer war fester entschlossen, eher zu sterben als zu weichen? Erbesaß über sich selbst die ungeheure Gewalt, die auch dem Glückgebietet. Diese Göttin wurde ihm untreu, er fühlte es wohl,doch ließ er sich's nicht merken und überwand sie wieder. Erüberzeugte sich, das Haupt einer Monarchie müsse der ersteMann seines Landes seyn, nicht bloß durch den Umfang unddie Allgemeinheit der Kenntnisse und durch die Größe des Auf-fassen«, sondern er müsse zugleich frei seyn von Parteigeist, vonentnervenden Leidenschaften, von unterjochenden Meinungen,von Borurtheilen des großen Haufens. Er wollte geliebt seyn,und fürchten sollte man ihn doch auch, und sich dabei mit Zu-trauen auf seine Gerechtigkeit, aus seine Großmuth verlassen.Auf rufe ich alle, die ihm nahe waren, zu Zeugen, ob er nichtzugleich unwiderstehlich zu fesseln und die Seelen mit dem Ein-druck einer Majestät zu füllen wußte, die rein Persönlich war.

Eine Krone, ein halbes Jahrhundert unumschränkter Herr-schaft geben wer wird es leugnen? sehr große Vorzüge.Aber der Sinn, sich zur ersten Stelle zu erheben, kann jeden inseiner Laufbahn begleiten. In einer solchen Denkweise liegt dieMöglichkeit, allgemein und fortschreitend vollkommener zu wer-den; so wie die Quelle der Entwürdigung des Menschen unddes größten Unheils in der sogenannten weisen Mittelmäßigkeitzu finden ist. Der Mensch, überhaupt weit entfernt, alles zuthun, was er vermag, wenn er seinem Streben zu naheGränzen setzt, was wird er je seyn? Johann Chrysostomus,in seiner schönen und treffenden Schreibart, pflegt alle Fehlerund Mängel unter dem Namen der Trägheit (oack-ozr-a) zubegreifen; denn nur die Anstrengung des Willens bleibt das,wovon die Auszeichnung eines jeden in seiner Lage abhängt.

Die sittliche Großheit entscheidet; die Mittel, die Gelegen-heiten vertheilt das Glück. Tausendmal verglich man Friedrichmit Cäsarn, und noch hatte er nur einen Theil Schlesienserobert. Die Stunde großer Umwälzungen hatte zu seiner Zeitnoch nicht geschlagen; aber wenn Europa sich gegen ihn siebenJahre verschwor, hundert Millionen gegert fünf, das war mitdem Bürgerkrieg des Pompejus vergleichlich, und Hohenfried-berg däuchte nicht geringer als Pharsalns, und Torgau schiennicht weniger als Muuda. Und so in allem. Jegliches wußteder große König zu schätzen. Er gab Leibnitzen einen Platzneben sich, und indessen er über den größten Theil der Herrschersich scherzhaft äußerte, deren Untergang znsammt dem Sturzihrer Thronen er voraussah, bemühte er sich um die Freund-schaft Voltaires, und war gewiß, mit ihm in der Nachweltzu leben.

Das Geheimniß, sich inimer seiner selbst würdig zu erhal-ten, immer vorbereitet zu seyn, lag in der Art, wie er seineZeit anwendete. Er hatte sich abgesondert von dem langweiligenGepränge, unter welchem das Leben verloren geht; und so ge-wann er Zeit für alle Gedanken, für bedeutende Unterhaltung,für jede täglich erneuerte Anregung seines Geistes. Die sehrbescheidene Wohnung von Sanssonci hat einen besondern Vor-zug vor den prächtigen Residenzschlössern aller Jahrhunderte inEuropa und Asien; der Besitzer fühlte daselbst nie Langeweile.