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Biographische Einzelheiten.
Schröter, ob sie gleich mit jener es nicht an Stimme undTalent aufnehmen konnte, wegen ihrer schönen Gestalt, ihresvollkommen sittlichen Betragens und ihres ernsten, anmuthigenVertrags, eine allgemeine Empfindung erregt, welche sich, jenachdem die Personen waren, mehr oder weniger als Neigung,Liebe, Achtung oder Verehrung zu äußern Pflegte. Verschiedeneihrer Anbeter machten mich zum Vertrauten und erbaten sichmeine Dienste, wenn sie irgend ein Gedicht zu Ehren ihrerAngebeteten heimlich wollten drucken und ausstreuen lassen.Beide, die Schröter und Schmehling, habe ich oft in Hasse-schen Oratorien neben einander singen hören, und die Wag-schalen des Beifalls standen für beide immer gleich, indem beider einen die Kunstliebe, bei der andern das Gemüth in Be-trachtung kam.
Lenz.
Späte Bekanntschaft mit ihm in Straßburg, in den letztenMonaten.
Seine Gestalt, sein Wesen.
Seine Bestimmung in Straßburg.
Hofmeister von ein paar Curländischen Edelleuten.
Seltsamstes und indefinibelstes Individuum.
Neben seinem Talent, das von einer genialen, aberbarocken Ansicht der Welt zeugte, hatte er ein lruvers, dasdarin bestand, alles, auch das Simpelste, durch Intrigue zuthun, dergestalt daß er sich Verhältnisse erst als Mißverhält-nisse vorstellte, um sie durch politische Behandlung wieder in'sgleiche zu bringen. In dem Umgang mit seinen Freunden,Eleven und Bekannten war es seine Art, sich die närrischestenIrrwege auszusinnen, um aus nichts etwas zu mache», unvohne in der damaligen Epoche etwas Böses oder Schädlicheszu wollen, übte er sich doch immer dergestalt, um in der Folgebei andern Zwecken, die er sich vorsetzen mochte, auf die tollsteWeise zu einer Art von Schelmen zu werden. Wobei ihm, inAbsicht aus Beurtheilung und Jmputation, immer seine Halb-narrheit, ein gewisser von jedermann anerkannter, bedauerter,ja geliebter Wahnsinn, zu Statten kam.
Sein näher Verhältniß zu mir fällt in die folgende Epoche.
Ich besuchte auf dem Wege FriederikeBrion, findesie wenig verändert, noch so gut, liebevoll, zutraulich, wiesonst, gefaßt und selbstständig. Der größte Theil der Unter-haltung war über Lenz. Dieser hatte sich nach meiner Abreiseim Hause introducirt, von mir, was nur möglich war, zu er-fahren gesucht, bis sie endlich dadurch, daß er sich die größteMühe gab, meine Briefe zu sehen und zu erhäschen, miß-trauisch geworden. Er hatte sich indessen nach feiner gewöhn-lichen Weise verliebt in sie gestellt, weil er glaubte, das seyder einzige Weg, hinter die Geheimnisse der Mädchen zukommen; und da sie, nunmehr gewarnt, scheu, seine Besucheablehnt und sich mehr zurückzieht, so treibt er es bis zu denlächerlichsten Demonstrationen des Selbstmords, da man ihndenn für halbtoll erklären und nach der Stadt schaffen kann.Sie klärt mich über die Absicht auf, die er gehabt, mir zu
schaden und mich in der öffentlichen Meinung und sonst zuGrunde zu richten; weßhalb er denn auch damals die Farcegegen Wieland drucken lassen.
Wiederholte Spiegelungen.
An Professor Näke in Bonn. '
Weimar, am 31. Januar 1823.
Um über die Nachrichten von Sesenheim meineGedanken kürzlich auszusprechen, muß ich mich eines allgemein-physischen , im besondern aber aus der Entoptik hergenommenenSymbols bedienen; es wird hier von wiederholten Spiege-lungen die Rede seyn.
1) Ein jugendlich seliges Wahnleben spiegelt sich unbewußteindringlich in dem Jüngling ab.
2) Das lange Zeit fortgehegte, auch wohl erneuerte Bildwogt immer lieblich und freundlich hin und her, viele Jahreim Innern.
3) Das liebevoll früh Gewonnene, lang Erhaltene wirdendlich in lebhafter Erinnerung nach außen ausgesprochen undabermals abgespiegelt.
4) Dieses Nachbild strahlt nach allen Seiten in die Weltaus, und ein schönes, edles Gemüth mag au dieser Erschei-nung, als wäre sie Wirklichkeit, sich entzücken und empfängtdavon einen tiefen Eindruck.
5) Hieraus entfaltet sich ein Trieb, alles, was von Ver-gangenheit noch herausznzaubern wäre, zu verwirklichen.
6) Die Sehnsucht wächs't, und um sie zu befriedigen, wirdes unumgänglich nöthig, an Ort und Stelle zu gelangen, umsich die Oertlichkeit wenigstens anzueignen.
7) Hier trifft sich der glückliche Fall, daß an der gefeiertenStelle ein theilnehmender unterrichteter Mann gefunden wird,in welchem das Bild sich gleichfalls eingedrückt hat.
8) Hier entsteht nun in der gewissermaaßen verödetenLocaliiät die Möglichkeit, ein Wahrhaftes wiederherzustellen,aus Trümmern von Daseyn und Ueberlieferung sich eine zweiteGegenwart zu verschaffen und Friederiken von ehemals in ihrerganzen Liebenswürdigkeit zu lieben.
9) So kann sie nun, ungeachtet alles irdischen Dazwischen-tretens , sich auch wieder in der Seele des alten Liebhabersnochmals abspiegeln, und demselben eine holde, werthe, be-lebende Gegenwart lieblich erneuen.
Bedenkt man nun, daß wiederholte sittliche Spiegelungendas Vergangene nicht allein lebendig erhalten, sondern sogarzu einem höhern Leben emporsteigern, so wird man der entop-tischen Erscheinungen gedenken, welche gleichfalls von Spiegelzu Spiegel nicht etwa verbleichen, sondern sich erst recht ent-zünden, und man wird ein Symbol gewinnen dessen, was inder Geschichte der Künste und Wissenschaften, der Kirche, auchwohl der politischen Welt, sich mehrmals wiederholt hat undnoch täglich wiederholt.
An -cn Consul Schönborn in Algier.
Frankfurt, den 1. Juni 1774.
Am 25. Mai erhielt ich Ihren Brief, er machte uns alleneine längst erwartete Freude; ich schnitt mir gleich diese reine