Biographische Einzelnheiten.
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Feder, um Ihnen einen äquivalenten Bogen voll zu pfropfen,kaun aber erst heut den 1. Juni zum Schreiben kommen.
In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai kam Feuer ausin unserer Judengasse, das schnell und gräßlich überhand !nahm; ich schleppte auch meinen Tropfen Wassers zu, und die !wunderbarsten, innigsten, mannichfaltigsten Empfindungen !baben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt. Ich habe beidieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder näher kennen ge-lernt, und bin aber- und abermal vergewissert worden, daßdas doch die besten Menschen sind. j
Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie so in's einzelne Ihrer jReise mit mir gegangen sind; dafür sollen Sie auch allerlei !hören aus unserm Reiche. Ich habe Klopstocken geschrieben !und ihm zugleich was geschickt; brauchen wir Mittler, mn uns !zu communiciren? !
Allerhand Neues hab' ich gemacht. Eine Geschichte des !Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin ich seinen jungen Menschen darstelle, der, mit einer tiefen, reinen ^Empfindung und wahrer Penetration begabt, sich in schwär- lwende Träume verliert, sich durch Speculation untergräbt, ^bis er zuletzt, durch dazutretende unglückliche Leidenschaften,besonders eine endlose Liebe, zerrüttet, sich eine Kugel vor den ^Kopf schießt. Dann habe ich ein Trauerspiel gearbeitet: !Clavigo, moderne Anekdote dramatisirt, mit möglichster ^Simplicität und Herzenswahrheit; mein Held ein unbestimm- 'ter, halb groß halb kleiner Mensch, der Pendant zum Weis- zlingen im Götz, vielmehr Weislingen selbst in der ganzen !Rundheit einer Hauptperson; auch finden sich hier Scenen, !die ich im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, inur andeuten konnte. Auf Wieland hab' ich ein schändlich ^Ding drucken lassen, unterm Titel: Götter, Helden und ^Wieland, eine Farce. Ich turlupinire ihn auf einegarstige Weise über seine moderne Mattherzigkeit in Darstellungjener Riesengestalten der markigen Fabelwelt. Ich will sucheneuch nach und nach das Zeug durch Gelegenheit nach Marseillezu spediren; über's Meer kanu das Porto nicht viel tragen.Noch einige Plane zu großen Dramas hab' ich erfunden, dasheißt, das interessante Detail dazu in der Natur gefunden undin meinem Herzen. Mein Cäsar, der euch nicht freuen wird,scheint sich auch zu bilden. Mit Kritik geb' ich mich gar nichtab. Kleinigkeiten schick' ich an Claudius und Boie, davon ichdiesem Brief einige beifügen will. Aus Frankfurt bin ich ^wicht gekommen, doch hab' ich ein so verworren Leben geführt, !daß ich neuer Empfindungen und Ideen niemals gemangelt !habe. Von der Ladung vergangener Leipziger Messe morgen. iFür heute Adieu!
Den 8. Zuni.
Ich fahre fort. Herder hat ein Werk drucken lassen:Ael teste Urkunde des Menschengeschlechts. Ich hieltmeinen Brief inne, um Ihnen auch Ihr Theil über's Meerzu schicken, noch aber bin ich's nicht im Stande; es ist ein somystisch weitstrahlsinniges Ganzes, eine in der Fülle ver-schlungener Geäste lebende und rollende Welt, daß weder eineZeichnung nach verjüngtem Maaßstab einigen Ausdruck der !Riesengestalt nachäffen, oder eine treue Silhouette einzelnerTheile melodisch sympathetischen Klang in der Seele anschlagenkann. Er ist in die Tiefen seiner Empfindung hinabgestiegen,
hat drin alle die hohe, heilige Kraft der stmpeln Natur aufge-wühlt und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem,hie und da morgenfreundlich lächelndem Orphischen Gesangvom Aufgang heraus über die weite Welt, nachdem er vorherdie Lasterbrut der neuern Geister,-De- und Atheisten, Philo-logen, Textverbefserer, Orientalisten rc. mit Feuer und Schwe-fel und Fluthsturm ausgetilgt. Sonderlich wird Michaelisvon Skorpionen getödtet. Aber ich höre das Magistervolkschon rufen: Er ist voll süßen Weins! und der Landpflegerwiegt sich auf seinem Stuhle und spricht: Du rasest!
Sonst hab' ich nichts von der Messe kriegt, das der Worteunter uns werth wäre. Klopstocks Republik ist angekommen.Mein Exemplar hab' ich noch nicht. Ich subscribirte außerhalb.Der Trödelkrämer Mercurius fährt fort seine philosophisch-moralisch-poetischen Ligonteries, Ltolleo, Dcntelles etc. nichtweniger Nürnberger Puppen und Zuckerwerk an Weiber undKinder zu verhandeln, wird alle Tage gegen seine Mitarbeiterschulmeisterlich impertinenter, putzt sie wie Buben in Notenund Nachreden rc.
Nun auch ein vernünftig Wort aus dem Leben. MeineSchwester ist schwanger und grüßt euch, wie auch ihr Mann.Der Dechant war einige Zeit krank; jetzt sind wir in dem Gar-ten fleißig, säen, binden, gäten und essen; er will in der Apa-thie was vor sich bringen, ich aber, der ich sehe, es geht nicht,übe mich täglich in der Auakatastasis. Unter den übrigen, dieSie haben kennen lernen, hat sich nichts Merkwürdiges zuge-tragen. Höpfner ist glücklich in seinem Ehestände.
Lavater, der mich recht liebt, kommt in einigen Wochenher. Wenn ich ihm nur einige Tropfen selbstständigen Gefühlseinflößen kann, soll mich's hoch freuen. Die beste Seele wirdvon dem Mcnschenschicksal so innig gepeinigt, weil ein krankerKörper und ein schweifender Geist ihm die collective Kraft ent-zogen und so der besten Freude, des Wohnens in sich selbst,beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist und wieman ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstandhat, den ich je gefunden habe, wie man ihm gleich Räthselund Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durchsich lebenden und wirkenden Herzen redet.
Den to, Zunt.
Klopstocks herrliches Werk hat mir neues Leben in die Aderngegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und Völker, die ein-zigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des Ge-fühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wiemit ihm Ausdruck und Sprache sich bildet, und die biederstenAldermanns-Wahrheiten von dem, was edel und knechtisch istam Dichter. Das alles aus dem tiefsten Herzen, eigenster Er-fahrung mit einer bezaubernden Simplicität hingeschrieben!Doch was sage ich das Ihnen, der's schon muß gelesen haben!Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die Recen-sentenschaar geführt hat, und nun, wenn er das Werk las,nicht seine Federn wegwirft, alle Kritik und Krittelei verschwört,sich nicht geradezu wie ein Quietist zur Contemplation seinerselbst niedersetzt — aus dem wird nichts. Denn hier fließen dieheiligen Quellen bildender Empfindung lauter aus vom Throneder Natur.