Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biographische Einzelnbeiten. 727

Herrn Vaters versichert mich eines angenehmen Gegentheils.Es ist gar löblich von dem alten Patriarchen, daß er sein Volkauch vor der Welt und ihren Großen bekennt: denn er hat unsdoch eigentlich in dieses Land gelockt, und uns weitere Gegendenmit dem Finger gezeigt, als zu durchstreichen erlaubt werdenwollte. Wie ost hab' ich bei meinen Versuchen gedacht, wasmochte wohl dabei Möser denken oder sagen! Sein richtigesGesiihl hat ihm nicht erlaubt, bei diesem Anlaste zu schweigen:denn wer anf's Publicnm wirken will, muß ihin gewisse Sachenwiederholen, und verrückte Gesichtspunkte wieder znrecht stellen.Die Menschen sind so gemacht, daß sie gern durch einen Tubussehen, und wenn er nach ihren Augen richtig gestellt ist, ihnloben und preisen; verschiebt ein anderer den Brennpunkt, unddie Gegenstände erscheinen ihm trublich, so werden sie irre, undwenn sie auch das Rohr nicht verachten, so misten sie sich's dochselbst nicht wieder zurecht zu bringen, es wird ihnen unheimlich,und sie lassen es lieber stehen.

Auch dießmal hat Ihr Herr Vater wieder als ein reicherMann gehandelt, der jemand auf ein Butterbrod einlädt, undihm dazu einen Tisch auserlesener Gerichte vorstellt. Er hat beidiesem Anlaste so viel verwandte und weit herum liegende Ideenrege gemacht, daß ihm jeder Deutsche, dem es um die gute Sacheund um den Fortgang der angefangenen Bemühungen zu thunist, danken muß. Was er von meinen Sachen sagt, dafür bleib'ich ihm verbunden! denn ich habe mir zum Gesetz gemacht,über mich selbst und das Meinige ein gewissenhaftes Still-schweigen zu beobachten. Ich unterschreibe besonders sehr gern,wenn er meine Schriften als Versuche ansieht, als Versuche inRücksicht auf mich, als Schriftsteller, und auch bezüglich aufdas Jahrzehnt, um nicht zu sagen Jahrhundert unserer Literatur.Gewiß ist mir nie in den Sinn gekommen, irgend ein Stück alsMuster aufzustellen, oder eine Manier ausschließlich zu begün-stigen, so wenig als individuelle Gesinnungen und Empfindun-gen zu lehren und auszubreiten. Sagen Sie Ihrem HerrnVater ja, er solle versichert seyn, daß ich mich noch täglich nachden besten Ueberlieferungen und nach der immer lebendigenNaturwahrheit zu bilden strebe, und daß ich mich von Versuchzu Versuch leiten lasse, demjenigen, was vor allen unsernSeelen als das Höchste schwebt, ob wir es gleich nie gesehenhaben, und nicht nennen können, handelnd, schreibend undlebend, immer näher zu kommen. Wenn der König meinesStücks in Unehren erwähnt, ist es mir nichts Befremdendes.Ein Viclgewaltiger, der Menschen zu Tausenden mit einemeisernen Scepter führt, muß die Production eines freien undungezogenen Knaben unerträglich finden. Ueberdieß möchte einbilliger und toleranter Geschmack wohl keine auszeichnendeEigenschaft eines Königs seyn, so wenig sie ihm, wenn er sieauch hätte, einen großen Namen erwerben würde; vielmehrdünkt mich, das Ausschließende zieme sich für Große und Vor-nehme. Lassen Sie uns darüber ruhig seyn, mit einander demmannichfaltigen Wahren treu bleiben, und allein das Schöneund Erhabene verehren, das auf dessen Gipfel steht!

Mein Schattenbild liegt hier bei; vielleicht kann ich Ihnenbald etwas schicken, das weniger Fläche ist. Ich bitte auch umdas Ihrige, und um das Ihres Herrn Vaters, doch am liebstengroß, wie es an der Wand gezeichnet ist, und unausgeschnitten.Leben Sie wohl! Haben Sie für den Anlaß, den Sie wir zudiesem Brief gegeben, noch recht vielen Dank, und glauben,

daß mir jede Gelegenheit erwünscht wäre, die Sie mir odermich Ihnen näher bringen könnte!

Weimar, den 21. Juni 1781.

Lord Bristol, Bischof oon Derby.

Etwa dreiundsechzig Jahr alt, mittlerer, eher kleiner Sta-tur, von feiner Körper- und Gesichtsbildung, lebhaft in Be-wegung und Betragen, im Gespräch schnell, rauh, eher mit-unter grob; in mehr als einem Sinne einseitig beschränkt; alsBritte starr, als Individuum eigensinnig, als Geistlicher streng,als Gelehrter pedantisch. Rechtschaffenhcit, Eifer für das Guteund dessen unmittelbares Wirken sieht überall durch das Un-angenehme jener Eigenschaften, wird auch balancirt durch großeWelt-, Menschen - und Bücherkenntniß, durch Liberalität einesvornehmen, durch Msance eines reichen Mannes. So heftig erauch spricht, und weder allgemeine noch besondere Verhältnisseschont, so hört er doch sehr genau auf alles, was gesprochenwird, es sey für oder gegen ihn; giebt bald nach, wenn manihm widerspricht; widerspricht, wenn ihm ein Argument nichtgefällt, das man ihm zu Gunsten ausstellt; läßt bald einen Satzfallen, bald faßt er einen andern an, indem er ein paar Haupt-ideen gerade durchsetzt. So scheinen sich auch bei ihm sehr vieleWorte fixirtzu haben: er will nur gelten lassen, was das klareBewußtseyn des Verstandes anerkennen mag, und doch läßt sichim Streite bemerken, daß er viel zarterer Ansichten fähig ist, alser sich selbst gesteht. Uebrigens scheint sein Betragen nachlässig,aber angenehm höflich und zuvorkommend. So ist's ungefähr,wie ich diesen merkwürdigen Mann, für und gegen den ich soviel gehört, in einer Abendstunde gesehen habe.

Jena, den 10. Juni 1797.

Ferneres in Bezug auf mein Verhältniß zu Schiller.

Jeder Mensch in seiner Beschränktheit muß sich nach undnach eine Methode bilden, um nur zu leben. Er lernt sich all-mählig kennen, auch die Zustände der Außeikwelt; er fügt sichdarein, setzt sich aber wieder auf sich selbst zurück, und formtsich zuletzt Maximen des Betragens, womit er auch ganz gutdurchkommend sich andern mittheilt, von andern empfängt, undje nachdem er Widerspruch oder Einstimmung erfährt, sich ent-fernt oder anschließt, und so halten wir's mit uns selbst und mitunsern Freunden. Selten ist es aber, daß Personen gleichsamdie Hälften von einander ausmachen, sich nicht abstoßen, sondernsich anschließen und einander ergänzen.

Die Schwierigkeit liegt hauptsächlich darin, daß die noth-wendigen Lebensmethoden von einander abweichen, und daß imDecurs der Zeit niemand den andern übersieht.

Ich besaß die entwickelnde, entfaltende Methode, keineswegsdie zusammenstellende, ordnende; mit den Erscheinungen nebeneinander wußte ich nichts zu machen, hingegen mit ihrer Filiationmich eher zu benehmen.