Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biographische Einzelnheiten.

andere Documente, nach vollbrachter archivarischer Ordnung,auf's klarste vor Augen, und ich finde mich gereizt, jenen Aus-zug aus meiner ganzen Leidensgeschichte dergestalt auszuarbeiten,daß er das Verlangen meiner Freunde vorläufig befriedige, undden Wunsch nach fernerer Ausführung wenigstens gewisser Theilelebhaft errege; woraus denn der Vortheil entspringt, daß ich diegerade jedesmal mir zusagende Epoche vollständig bearbeitenkann, und der Leser doch einen Faden hat, woran er sich durchdie Lücken folgerecht durchhelfen möge.

Denn mich wegen einer theilweisen Behandlung zu recht-fertigen, darf ich mich nur auf einen jeden selbst berufen, under wird mir gestehen, daß wenn er sein eigenes Leben überdenkt,ihm gewisse Ereignisse lebhaft entgegentreten, andere hingegenvor- und nachzeitige in den Schatten zurückweichen, daß wennjene sich leuchtend aufdrängen, diese selbst mit Bemühung kaumaus den Fluthen der Lethe wieder hervorzuheben sind.

Es soll also vorerst meine anhaltende Arbeit seyn, eine solcheBemühung, in sofern sie begonnen ist, fortzusetzen, in sofern ichsie skelettartig finde, mit Fleisch und Gewand zu bekleiden, undso weit zu führen. daß man sie nicht bloß sich zu unterrichten,sondern auch sich zu vergnügen lesen möge.

Aufenthalt in Dornlinrg

im Sommer 1828.

wo dem Dichter durch höchste Gunst in einem der dortigen Schlösserz>> verweilen vergönnt war, um sich nach dem Tode seines Fürsten vonder Lede eines so großen Verlustes in freier Natur zu erholen.

An Herrn Oberst und Kammerherr von Bculwitz,

zu Wilhelmsthal.

Laustest ingrestiens, laotetur et aaste reeestenslIlis, qui prsetsreunt, stet kona cuncts veusl 1KV8.

Freudig trete herein und froh entferne dich wieder!

Ziehst du, als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!

Da gewiß höchsten Orts, so wie von Ew. Hochwohlgeboren,gnädig und geneigt aufgenommen wird, wenn ich den Zustand,in dem ich mich befinde, rein und treu auszusprechen wage,dasjenige, was sich von selbst versteht, bescheiden ablehne unddie Betrachtungen, zu denen ich aufgeregt werde, zutraulichmittheile, so eröffne mit obigen zwei Lateinischen Zeilen meinengegenwärtigen Brief. Ich fand sie als Ueberschrift der Haupt-pforte des Dornburger neu acquirirten Schlößchens, wo mirdurch höchste Nachsicht in den traurigsten Tagen eine Zufluchtzu finden vergönnt worden.

Die Einfassung gedachter Thüre selbst ist, nach Weise jenerZeit, architektonisch-plastisch überreich verziert und giebt, zu-sammen mit der Inschrift, die Ueberzeugung, daß vor längerals zweihundert Jahren gebildete Menschen hier gewirkt, daßein allgemeines Wohlwollen hier zu Hause gewesen, wogegenauch diese Wohnung durch so viele Kriegs- und Schreckenszeitenhindurch aufrecht bestehend erhalten worden.

Bei meiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung rief einsolcher Anblick die Erinnerung in mir hervor, gerade ein soeinladend segnendes Motto sey durch eine Reihe von mehrals fünfzig Jahren der Wahlspruch meines verewigten Herrn

gewesen, welcher, auf ein groß bedeutendes Daseyn gegründet,nach seiner erhabenen Sinnesart jederzeit mehr für die Kom-menden, Scheidenden und Vorllberwandelnden besorgt war alssür sich selbst, der, wie der Anordncr jener Inschrift, wenigerseiner Wohnung, seines Daches gedachte, als derjenigen, welcheda zu Herbergen, mit Gunst zu verabschieden oder vorbeigehendzu begrüßen wären. Hier schien es also, daß ich abermals beiihm einkehre, als dem wohlwollenden Eigenthümer diesesuralten Hauses, als dem Nachfolger und Repräsentanten allervorigen gastfreien und also auch selbst behaglichen Besitzer.

Die allgemeine traurige Stimmung dieser Stunden ließmich den Werth solcher Betrachtungen doppelt fühlen und regtemich an, denselben gleichfalls nachzugehen, als ich, nach Verlaufvon einigen Tagen und Nächten, mich in's Freie zu wagen unddie Anmuth eines wahrhaften Lustortes still in mich aufzunehmenbegann.

Da sah ich vor mir, aus schroffer Felskante, eine Reihe ein-zelner Schlösser hingestellt, in den verschiedensten Zeiten erbaut,zu den verschiedensten Zwecken errichtet. Hier, am nördlichenEnde, ein hohes, altes, unregelmäßig-weitläufiges Schloß,große Säle zu kaiserlichen Pfalztagen umschließend, nichtweniger genügsame Räume zu ritterlicher Wohnung; es ruhtauf starken Mauern zu Schutz und Trutz. Dann folgen späterhinzugesellte Gebäude, haushälterischer Benutzung des umher-liegenden Feldbesitzes gewidmet.

Die Augen an sich ziehend aber steht weiter südlich, aufdem solidesten Unterbau, ein heiteres Lustschloß neuerer Zeit,zu anständigster Hofhaltung und Genuß in günstiger Jahres-zeit. Zurückkehrend hieraus au das südlichste Eude des steileuAbhanges, finde ich zuletzt das alte, nun auch mit dem Ganzenvereinigte Freigut wieder, dasselbe, welches mich so gastfreund-sich einlud.

Auf diesem Wege nun hatte ich zu bewundern, wie diebedeutenden Zwischenräume, einer steil abgestuften Lage gemäß,durch Terrassengänge zu einer Art von auf- und absteigendemLabyrinthe architektonisch auf das schicklichste verschränkt worden,indessen ich zugleich die sämmtlichen, über einander zurück-weichenden Localitäten auf das vollkommenste grünen undblühen sah. Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zuge-wendete, hinabwärts gepflanzte, tiefgrünende Weinhügel;aufwärts, an Mauergeländern, üppige Reben, reich an reifen-den , Genuß zusagenden Traubenbüscheln; hoch an Spalierensodann eine sorgsam gepflegte, ausländische Pflanzenart, dasAuge nächstens mit hochsarbigen, an leichtem Gezweige Herab-spielenden Glocken zu ergehen versprechend; ferner vollkommengeschlossen gewölbte Laubwege, einige in dem lebhaftesten Flordurchaus blühender Rosen höchlich reizend geschmückt; Blumen-beete zwischen Gesträuch aller Art.

Konnte mir aber ein erwünschteres Symbol geboten werden,deutlicher anzeigend, wie Vorfahr und Nachfolger, einen edelnBesitz gemeinschaftlich festhaltend, Pflegend und genießend, sichvon Geschlecht zu Geschlecht ein anständig bequemes Wohlbe-finden emsig vorbereitend, eine für alle Zeiten ruhige Folgebestätigten Daseyns und genießenden Behagens einleiten undsichern?

Dieses mußte mir also zu einer eigenen Tröstung gereichen,welche nicht aus Belehrung und Gründen hervorging; hiersprach vielmehr der Gegenstand selbst das alles aus, was ein