Biographische Einzelheiten.
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bekümmertes Gemüth so gern vernehmen mag, die vernünf-tige Welt sey von Geschlecht zu Geschlecht auf einfolgerechtes Thun entschieden angewiesen. Wo nunder menschliche Geist diesen hohen, ewigen Grundsatz in derAnwendung gewahr wird, so fühlt er sich auf seine Bestimmungzurückgeführt und ermuthigt, wenn er auch zugleich gestehenwird, daß er, eben in der Gliederung dieser Folge, selbst an-und abtretend, so Freude als Schmerz — wie in dem Wechselder Jahreszeiten, so in dem Menschenleben — an andern wiean sich selbst zu erwarten habe.
Hier aber komme ich in den Fall, nochmals mir einefortgesetzte Geduld zu erbitten, da der Schilderung meinesgegenwärtigen Zustandes noch einiges Unentbehrliche hinzuzu-fügen wäre.
Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sehe ich fernerin einem unmuthigen Thale so vieles, was, dem Bedürfniß derMenschen entsprechend, weit und breit in allen Landen sichwiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohn-sitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einenFluß, der sich vielfach durch Wiesen krümmt, wo eben einereichliche Heuernte die Emsigen beschäftigt; Wehr, Mühle,Brücken folgen aus einander, die Wege verbinden sich auf- undabsteigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebautenHügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen,nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reifegrades; Büsche,hie und da zerstreut, dort zu schattigen Räumen zusammen-gezogen. Reihenweise, auch den heitersten Anblick gewährend,sehe ich große Anlagen von Fruchtbäumen; sodann aber, damitder Einbildungskraft ja nichts Wünschenswerthes abgehe, mehroder weniger aufsteigende, alljährlich neu angelegte Weinberge.
Das alles zeigt sich mir wie vor fünfzig Jahren, und zwarin gesteigertem Wohlseyn, wenn schon diese Gegend von demgrößten Unheil mannichfach und wiederholt heimgesucht worden.Keine Spur von Verderben ist zu sehen, schritt auch die Welt-geschichte, hart auftretend, gewaltsam über die Thäler. Dagegendeutet alles auf eine emsig folgerechte, klüglich vermehrte Cultureines sanft und gelassen regierten, sich durchaus mäßig verhal-tenden Volkes.
Ein so geregeltes, sinniges Regiment waltet von Fürsten zuFürsten. Feststehend sind die Einrichtungen, zeitgemäß dieVerbesserungen. So war es vor, so wird es nach uns seyn,damit das hohe Wort eines Weisen erfüllt werde, welcher sagt:Die vernünftige Welt ist als ein großes, unsterb-liches Individuum zu betrachten, welches unauf-haltsam das Nothwendige bewirkt und dadurch sichsogar über das Zufällige zum Herrn erhebt.
Nun aber sey vergönnt, mich von jenen äußern und allge-meinem Dingen zu meinem Eigensten und Innersten zu wenden,wo ich denn aufrichtigst bekennen kann, daß eine gleichmäßigeFolge der Gesinnungen daselbst lebendig sey, daß ich meine
unwandelbare Anhänglichkeit an den hohen Abgeschiedenen nichtbesser zu bethätigen wüßte, als wenn ich, selbiger Weise demverehrten Eintretenden gewidmet, alles, was noch an mir ist,diesem wie seinem hohen Hause und feinen Landen von frischemanzueignen mich ausdrücklich verpflichte.
Wogegen ich denn auch einer Erwiederung gnädigstenWohlwollens, fortgesetzten ehrenden Vertrauens und milderNachsicht mich beruhigend getrösten darf, indem ja das vonPawlowsk am 28. Juni dieses Jahres erlassene huldverkündendeSchreiben mir ein so entschieden erfreuliches, fast beschämendesZeugniß geworden.
Wie sehr dasselbe mich erquickend aufregte, wie dankbar ichanerkennen mußte, solches von der Hand eines so werthen,längst geschätzten, geliebten Mannes zu erhalten, hoffe ich baldmündlich mit kräftigern Worten ausdrücken zu können.
Gegenwärtig füge ich nur die Bitte hinzu, Ew. Hochwohl-geboren mögen sich eifrigst verwenden, daß vorstehendes, wennauch seltsam scheinend, jedoch aus den eigensten Zuständen undtreuesten Gesinnungen hervorgegangen, zu ruhiger Stundevon unsern höchsten Herrschaften nachsichtig aufgenommenwerden möge.
Ein baldiges frohes Wiedersehen hoffend, unterzeichne michin vorzüglichster Hochachtung
I. W. von Goethe.
Vorschlag zur Güte.
Man hat einen Octavband herausgegeben: Goethe inden wohlwollenden Zeugnissen der Mitlebeuden.Nun würde ich rathen, ein Gegenstück zu besorgen: Goethein den mißwollenden Zeugnissen der Mitlebenden.
Die dabei zu übernehmende Arbeit würde den Gegnernleicht werden und zur Unterhaltung dienen; auch würde sieeinem Verleger, dem Gewinn von allen Seiten her gutenGeruch bringt, sichern Vortheil gewähren.
Zu diesem Vorschlag bewegt mich die Betrachtung, daß, daman mich aus der allgemeinen Literatur und der besonderndeutschen jetzt und künftig, wie es scheint, nicht los werdenwird, es jedem Geschichtssreunde gewiß nicht unangenehm seynmuß, auf eine bequeme Weise zu erfahren, wie es in unsernTagen ausgesehen und welche Geister darinnen gewaltet.
Mir selbst würde ein solches Unternommene bei dem Rück-blick aus mein eigenes Leben höchst interessant seyn; denn wiesollte ich mir leugnen, daß ich vielen Menschen widerwärtigund verhaßt geworden, und daß diese mich auf ihre Weise demPnblicum vorzubilden gesucht!
Ich dagegen bin mir nur bewußt, daß ich niemals unmit-telbar gegen Mißwollende gewirkt, sondern daß ich mich inununterbrochener Thätigkeit erhalten und sie, wiewohl ange-fochten , bis an's Ende durchgeführt habe.