Benvtnuto Cellini.
mein schönes Krebschen! Der gute Alte, der sogleich dasThier für einen Skorpion erkannte, wäre fast vor Schreckenund Besorgniß des Todes gewesen; er verlangte das Thier mitden äußersten Liebkosungen. Aber ich drückte es nur desto fester,weinte, und wollte es nicht hergeben. Mein Vater lief auf dasGeschrei herzu, und wußte sich vor Angst nicht zu helfen; denner fürchtete, das giftige Thier werde mich todten. Indessenerblickte er eine Scheere, begütigte mich, und schnitt dem Thiereden Schwanz und die Zangen ab, und, nach überstandenerGefahr, hielt er diese Begebenheit für ein gutes Zeichen.
Ungefähr in meinem fünften Jahr befand sich mein Vaterin einem kleinen Gewölbe unseres Hauses, wo man gewaschenhatte, und wo ein gutes Feuer von eichenen Kohlen übriggeblieben war; er hatte eine Geige in der Hand, sang undspielte um das Feuer; denn es war sehr kalt. Zufälligerweiseerblickte er mitten in der stärksten Gluth ein Thierchen, wieeine Eidechse, das sich in diesen lebhaften Flammen ergetzte.Er merkte gleich, was es war, ließ mich und meine Schwesterrufen, zeigte uns Kindern das Thier, und gab mir eine tüch-tige Ohrfeige. Als ich darüber heftig zu weinen anfing, suchteer mich auf's freundlichste zu besänftigen, und sagte: LieberSohn, ich schlage dich nicht, weil du etwas Uebles begangenhast, vielmehr daß du dich dieser Eidechse erinnerst, die du imFeuer siehst. Das ist ein Salamander, wie man, so viel ichweiß, noch keinen gesehen hat. Er küßte mich darauf, undgab mir einige Pfennige.
Mein Vater fing an mich die Flöte zu lehren, und unter-wies mich im Singen; aber ungeachtet meines zarten Alters,in welchem die kleinen Kinder sich an einem Pfeifchen undanderm solchen Spielzeuge ergehen, mißfiel mir's unsäglich,und ich sang und blies nur aus Gehorsam. Mein Vater machtezu selbiger Zeit wundersame Orgeln mit hölzernen Pfeifen,Claviere, so schön und gut, als man sie damals nur sehenkonnte, Violen, Lauten und Harfen auf das beste.
Er war auch in der Kriegsbaukunst erfahren, und verfer-tigte mancherlei Werkzeuge, als Modelle zu Brücken, Mühlenund andere Maschinen; er arbeitete wundersam in Elfenbein,und war der erste, der in dieser Kunst etwas leistete. Aber daer sich in nicine nachherige Mutter verliebt hatte, mochte er sichmehr als billig mit der Flöte beschäftigen, und ward von denRathspfeifern ersucht, mit ihnen zu blasen. So trieb er eseine Weile zu seinem Vergnügen, bis sie ihn endlich festhielten,anstellten und unter ihre Gesellschaft aufnahmen.
Lorenz Medicis und Peter, sein Sohn, die ihm sehr günstigwaren, sahen nicht gern, daß er, indem er sich ganz der Musikergab, seine übrigen Fähigkeiten und seine Kunst vernachlässigte,und entfernten ihn von gedachter Stelle. Mein Vater nahmes sehr übel; er glaubte, man thue ihm das größte Unrecht.
Run begab er sich wieder zur Kunst, und machte einenSpiegel, ungefähr eine Elle im Durchmesser, von Knochenund Elfenbein; Figuren und Laubwerk waren sehr zierlich undwohlgezerchnet. Das Ganze hatte er wie ein Rad gebildet; inder Mitte befand sich der Spiegel, rings herum waren siebenRundungen angebracht, und in solchen die sieben Tugenden,aus Elfenbein und schwarzen Knochen geschnitten. Sowohl derSpiegel als die Tugenden hingen im Gleichgewicht, so daß,wenn man das Rad drehte, sich die Figuren bewegten: dennsie hatten ein Gegengewicht, das sie gerade hielt, und da mein
Vater einige Kenntniß der Lateinischen Sprache besaß, setzte ereinen Vers umher, welcher sagte, daß bei allen Umwälzungendes Glücksrads die Tugend immer aufrecht bleibe:
Kots snm: sempsr, czuoczuo ins verto, stnt virtus.
Nachher ward ihm bald sein Platz unter den Rathspfeifernwiedergegeben. Damals, vor der Zeit meiner Geburt, wurdenzu diesen Leuten lauter geehrte Handwerker genommen; einigedavon arbeiteten Wolle und Seide im Großen; daher ver-schmähte mein Vater auch nicht, sich zu ihnen zu gesellen, undder größte Wunsch, den er in der Welt für mich hegte, war,daß ich ein großer Musicus werden möchte. Dagegen warmir's äußerst unangenehm, wenn er mir davon erzählte, undmich versicherte, wenn ich nur wollte, könnte ich der ersteMensch in der Welt werden.
Wie gesagt, war mein Vater ein treuer und verbundenerDiener des Hauses Medicis, und da Peter vertrieben wurde(1494), vertraute er meinem Vater viele Dinge von großerBedeutung. Als nun darauf Peter Soderino Gonfaloniereward (1498), und mein Vater unter den Rathspfeifern seinAmt fortthat, erfuhr diese Magistratsperson, wie geschickt derMann überhaupt sey, und bediente sich seiner zum Kriegsbau-meister in bedeutenden Fällen. Um diese Zeit ließ mein Vatermich schon vor dem Rathe mit den andern Musikern den Dis-cant blasen, und da ich noch so jung und zart war, trug michein Rathsdiener auf dem Arme. Soderino fand Vergnügen,sich mit mir abzugeben, und mich schwatzen zu lassen; er gabmir Zuckerwerk, und sagte zu meineni Vater: Meister Johann,lehre ihn, neben der Musik, auch die beiden andern schönenKünste! Mein Vater antwortete: Er soll keine andere Kunsttreiben, als blasen und componiren, und auf diesem Wege,wenn ihm Gott das Leben läßt, hoffe ich, ihn zum ersten Mannin der Welt zu machen. Darauf sagte einer von den altenHerren: Thue nur ja, was der Gonfaloniere sagt! dennwarum sollte er nichts anderes als ein guter Musicus werden?
So ging eine Zeit vorbei, bis die Medicis zurückkamen(1512). Der Cardinal, der nachher Papst Leo wurde, begeg-nete meinem Vater sehr freundlich. Aus dem Wappen amMediceischen Palast hatte man die Kugeln genommen, sobalddie Familie vertrieben war, und das Wappen der Gemeine,ein rothes Kreuz, dagegen in das Feld malen lassen. Als dieMedicis zurückkehrten, ward das Kreuz wieder ausgekratzt, die.rothen Kugeln kamen wieder hinein, und das goldene Feldward vortrefflich ausstafsirt.
Wenige Tage nachher starb Papst Julius II. (1513); derCardinal Medicis ging nach Rom, und ward, gegen allesVermuthen, zum Papst erwählt. Er ließ meinen Vater zu sichrufen, und wohl hätte dieser gethan, wenn er mitgegangenwäre; denn er verlor seine Stelle im Palast, sobald JacobSalviati Gonfaloniere geworden war.
Nun bestimmte ich mich, ein Goldschmied zu werden, undlernte zum Theil diese Kunst, zum Theil mußte ich viel gegenmeinen Willen blasen. Ich bat meinen Vater, er möchte michnur gewisse Stunden des Tages zeichnen lassen; die übrige Zeitwollte ich Musik machen, wenn er es beföhle. Darauf sagteer zu mir: So hast du denn kein Vergnügen am Blasen? Ichsagte: Nein! Denn diese Kunst schien mir zu niedrig gegenjene, die ich im Sinn hatte.