Brnvenntp Cellini.
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Mein guter Vater gerieth darüber in Verzweiflung, undthat mich in die Werkstatt des Vaters des Cavalier Bandinelli,der Michel Agnolo hieß, trefflich in seiner Kunst war, aber vongeringer Geburt; denn er war der Sohn eines Kohlenhändlers.Ich sage das nicht, um den Bandinelli zu schelten, der seinHaus zuerst gegründet hat. Wäre er nur auf dem rechten Wegdazu gelangt! Doch wie es zugegangen ist, davon habe ichnichts zu reden. Nur einige Tage blieb ich daselbst, als meinVater mich wieder wegnahm; denn er konnte nicht leben, ohnemich immer um sich zu haben, und so mußte ich wider Willenblasen, bis ich fünfzehn Jahre alt war. Wollte ich die sonder-baren Begebenheiten erzählen, die ich bis zu diesem Alter erlebt,und die Lebensgefahren, in welchen ich mich befunden, so würdesich der Leser gewiß verwundern.
Als ich fünfzehn Jahre alt war, begab ich mich wider denWillen meines Vaters in die Werkstatt eines Goldschmieds, derAntonio Sandro hieß. Er war ein trefflicher Arbeiter, stolzund frei in seinen Handlungen. Mein Vater wollte nicht, daßer mir Geld gäbe, wie es andere Unternehmer thun, damitich, bei meiner freiwilligen Neigung zur Kunst, auch zeichnenkönnte, wann es mir gefiele. Das war mir sehr angenehm,und mein redlicher Meister hatte große Freude daran. Ererzog einen einzigen, natürlichen Sohn bei sich, dem er manchesauftrug, um mich zu schonen. Meine Neigung war so groß,daß ich in wenig Monaten die besten Gesellen einholte, undauch einigen Vortheil von meinen Arbeiten zog. Dessen unge-achtet verfehlte ich nicht, meinem Vater zu Liebe, bald auf derFlöte, bald auf dem Hörnchen zu blasen, und so oft er michhörte, fielen ihm unter vielen Seufzern die Thränen aus denAugen. Ich that mein Möglichstes zu seiner Zufriedenheit,und stellte mich, als wenn ich auch großes Vergnügen dabeiempfände.
Zweites Capitel.
Der Autor sieht seinen Bruder in einem Gefecht beinahe erschla-gen, und nimmt seine Partei, daran« entspringe» einige unange-nehme Vorfälle, und er wird deßhalb »on Florenz verbannt. — Erbezieht sich nach Siena und von da nach Bologna, wo er in derstnnst, auf der Flöte zu blasen, zunimmt, mehr aber noch in derProfession de« GolrschmietS. — Streit zwischen seinem Vater und.Peter, einem Tonkünstler; traurige« Ende des letzter». — Der Autorbegiedt sich nach Pisa und geht bei einem dortigen Goldschmied inArbeit — Er kommt krank nach Florenz zurück. Nach seiner Gene-sung tritt er bei seinem alten Meister Marcone in Arbeit.
Ich hatte einen Bruder, der zwei Jahre jünger als ich undsehr kühn und heftig war. Er galt nachher für einen der bestenSoldaten, die in der Schule des vortrefflichen Herrn Johannvon Medicis, Vater des Herzogs Cosmus, gebildet wurden.Dieser Knabe war ungefähr vierzehn Jahre alt, und bekameines Sonntags, zwei Stunden vor Nacht, zwischen den ThorenSt. Gallo und Pinti mit einem Menschen von zwanzig JahrenHändel, forderte ihn auf den Degen, setzte ihm tapfer zu, undwollte nicht ablassen, ob er ihn gleich schon übel verwundethatte. Viele Leute sahen zu, und unter ihnen mehrere Ver-wandte des jungen Menschen. Da diese merkten, daß dieSache übel ging, griffen sie nach Steinen, trafen meinen armenBnider an den Kopf, daß er für todt zur Erden fiel. Zufälligkam ich auch in die Gegend, ohne Freunde und ohne Waffen;
ich hatte meinem Bruder aus allen Kräften zugerufen, er sollesich zurückziehen. Als er fiel, nahm ich seinen Degen, undhielt mich, in seiner Nähe, gegen viele Degen und Steine.Einige tapfere Soldaten kamen mir zu Hülfe, und befreitenmich von der Wuth der Gegner. Ich trug meinen Bruder fürtodt nach Hause; mit vieler Mühe ward er wieder zu sich selbstgebracht und geheilt. Die Herren Achte verbannten unsereGegner auf einige Jahre, und uns auf sechs Monate zehnMiglien von der Stadt. So schieden wir von unserm armenVater, der uns seinen Segen gab, da er uns kein Geld gebenkonnte.
Ich ging nach Siena zu einem braven Manne, der MeisterFranz Castoro hieß. Ich war schon einmal meinem Vater ent-laufen, und hatte dort gearbeitet; nun erkannte er mich wieder,gab mir zu thun und freies Quartier, so lange ich in Sienablieb, wo ich mich mit meinem Bruder mehrepe Monate aufhielt.
Sodann ließ uns der Cardinal Medicis, der nachher PapstClemens ward, auf die Bitte meines Vaters wieder nachFlorenz zurückkehren. Ein gewisser Schüler meines Vaterssagte aus böser Absicht zum Cardinal, er solle mich doch nachBologna schicken, damit ich dort von einem geschickten Meisterdas Blasen in Vollkommenheit lernen möchte. Der Cardinalversprach meinem Vater, mir Empfehlungsschreiben zu geben;mein Vater wünschte nichts Besseres, und ich ging gerne, ausVerlangen, die Welt zu sehen.
In Bologna gab ich mich zu einem in die Lehre, der MeisterHercules der Pfeifer hieß. Ich fing an Geld zu verdienen,nahm zugleich täglich meine Lcctionen in der Musik, und inkurzer Zeit brachte ich es weit genug in dem verfluchten Blasen.Aber weit mehr Vortheil zog ich von der Goldschmiedekunst;denn da mir der Cardinal keine Hülfe reichte, begab ich michin das Haus eines Bologneser Miniaturmalers, der ScipioCavalletti hieß; ich zeichnete und arbeitete für einen Juden,und gewann genug dabei.
Nach sechs Monaten kehrte ich nach Florenz zurück, worüberder ehemalige Schüler meines Vaters, Peter der Pfeifer, sehrverdrießlich war, aber ich ging doch meinem Vater zu Liebe insein Haus, und blies mit seinem Bruder Hieronymus auf derFlöte und dem Hörnchen. Eines Tags kam mein Vater hin,um uns zu hören; er hatte große Freude an mir und sagte:Ich will doch einen großen Musicus aus dir machen, zum Trutzeines jeden, der mich daran zu verhindern denkt. Darauf ant-wortete Peter: Weit mehr Ehre und Nutzen wird euer Beu-venuto davon haben, wenn er sich auf die Goldschmiedekunstlegt, als von dieser Pfefferest Das war nun freilich wahr ge-sprochen, aber es verdroß meinen Vater um desto mehr, jemehr er sah, daß ich auch derselben Meinung war, und sagtesehr zornig zu Peter: Ich wußte wohl, daß du der sehst, dersich meinem so erwünschten Zwecke entgegensetzt. Durch dichhabe ich meine Stelle im Palast verloren, mit solchem Undankhast du meine große Wohlthat belohnt: dir habe ich sie ver-schafft, mir hast du sie entzogen. Aber merke diese propheti-schen Worte: Nicht Jahre und Monate, nur wenig Wochenwerden vorbeigehen, und du wirst wegen deines schändlichenUndanks umkommen. Daraus antwortete Peter: MeisterJohann, viele Menschen werden im Alter schwach und kindisch,wie es euch auch geht; man muß euch nichts übel nehmen:denn ihr habt ja alles verschenkt, und nicht bedacht, daß eure