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Benvennto Ccllini.
gieichsalls bedürfen könne. Uebrigens solle er mein Freundseyn, und mich für den seinigen halten.
Darauf bemühte er sich um ein Unterkommen am RömischenHof, welches er auch bald fand. Er schloß sich an einen Bischofau, einen Mann von achtzig Jahren, den man den Bischofvon Urgenis nannte. Dieser hatte einen Neffen, Herrn Johann,einen Venezianischen Edelmann, welcher sehr große Vorliebefür die Talente des Ludwig Pulci zeigte, und ihn unter diesemScheine ganz und gar an sich zog, so daß beide zusammen inder größten Vertraulichkeit lebten. Ludwig konnte ihm dahernicht verschweigen, wie sehr er mir wegen so vieler Wohlthatenverbunden sey; deßhalb mich Herr Johann wollte kennen lernen.
Sinn begab sich's unter andern, daß ich eines Abends ge-dachter Pantasilea ein kleines Essen gab, wozu ich viele meiner" kunstreichen Freunde eingeladen hatte. Eben als wir uns zuTische setzen wollten, trat Herr Johann mit gedachtem Ludwigherein, und nach einigen Complimenten blieben sie bei uns.
Als das unverschämte Weib 'den schönen Jüngling sah,warf sie gleich die Augen auf ihn. Deßwegen rief ich, nacheingenommenem Essen, sogleich Ludwig bei Seite und sagte,wenn er bekenne, mir manches schuldig zu seyn, so solle er sichauf keine Weise mit diesem Weibsbild einlassen. Darauf ver-setzte er: Wie, mein Benvenuto, haltet ihr mich denn für un-sinnig? Nicht für unsinnig, sagte ich, aber für jung! Dabeischwur ich, daß mir an ihr nichts gelegen sey, aber wohl anihm, und daß es mir leid thun sollte, wenn er um ihrentwillenden Hals bräche. Darauf schwur er, und bat Gott, daß er denHals brechen möge, wenn er sich mit ihr einließe. DiesenSchwur mag er wohl von ganzem Herzen gethan haben; denndasselbe begegnete ihm, wie wir nachher vernehmen werden.
Leider entdeckte man bald an Herrn Johann nicht einetugendsame, sondern eine unreine Liebe zu dem jungen Men-schen; denn dieser erschien fast alle Tage in neuen sammt- undseidenen Kleidern. Man konnte leicht erkennen, daß er seineschönen Tugenden abgeschafft und sich ganz dem Verbrechenergeben hatte. So that er denn auch, als wenn er mich nichtsehe, noch kenne; denn ich hatte ihn einmal zur Rede gestellt,und ihm seine Laster vorgeworfen, worüber er nach seineneigenen Worten den Hals brechen sollte. Unter andern hatteihm auch Herr Johann einen schönen Rappen gekauft, unddafür 150 Scudi gegeben. Dieses Pferd war trefflich zuge-ritten, und Ludwig ließ es alle Tage vor den Fenstern derPantasilea seine Männchen machen. Ich bemerkte es wohl,bekümmerte mich aber nicht darum, und sagte vielmehr, jedesDing wolle nach seiner Weise leben, und hielt mich an meineArbeit.
Nun begab sich's einen Sonntag Abends, daß uns MichelAgnolo von Siena, der Bildhauer, zu Tische lud; es war imSommer, und Bachiacca, vou dem ich schon gesprochen habe,war auch geladen. Dieser hatte die Pantasilea mitgebracht,als ihr alter Kunde. So saßen wir zu Tische. Auf einmal gabsie Leibschmerzen vor, stand auf, und versprach, sogleich wiederzu kommen. Indessen wir nun auf's unmuthigste scherzten undspeisten, blieb sie etwas länger als billig aus. Ich horchtezufälligerweise, und es kam mir vor, als wenn ich auf derStraße ganz leise wispern hörte; ich hatte eben das Tischmesserin der Hand.
Da ich nah an dem Fenster saß, erhob ich mich ein wenig,
sah den Ludwig mit Pantasilea zusammen, und hörte jenensagen: Wehe, wenn uns der Teufel Benvenuto sehen sollte!Darauf antwortete sie: Seyd nur ruhig! hört, welchen Lärmsie machen! sie denken an ganz was anders als an uns. Kaumhatte ich diese Worte gehört, als ich mich zum Fenster hinausauf die Straße warf, und Ludwig bei der Jacke erwischte, denich gewiß würde mit meinem Messer ermordet haben, wenn ernicht seinen Schimmel gespornt und mir die Jacke in der Handgelassen hätte. So rettete er sein Leben, und flüchtete mitPantasilea in eine benachbarte Kirche.
Sogleich standen alle Gäste vorn Tische aus, folgten mirnach, und baten mich, daß ich doch weder mich, noch sie um soeiner Creatur willen beunruhigen sollte. Da sagte ich, um derDirne willen würde ich mich nicht gerührt haben; aber derschändliche Jüngling bringe mich auf, der mir so wenig Achtungbezeige. Und so ließ ich mich durch dir Worte dieser trefflichenMänner nicht bewegen, nahm meinen Degen und ging hinausauf die Wiesen; denn das Haus, in dem wir speisten, warnahe am Thore des Eastells, das dahinaus führt. Es dauertenicht lange, so ging die Sonne unter, und ich kehrte mit lang-samen Schritten nach Rom zurück.
Schon war es Nacht und dunkel, und die Thore von Romnoch nicht geschlossen. Gegen zwei Uhr ging ich an dem Hauseder Pantasilea vorbei, und hatte mir vorgesetzt, wenn ich Lud-wig bei ihr fände, beiden etwas Unangenehmes zu erzeigen.Da ich aber daselbst nur eine Magd antraf, die Corida hieß,ging ich nach meiner Wohnung, legte die Jacke und die Scheidedes Degens weg, und kehrte zu jenem Hause zurück, das hinterden Bänken an der Tiber lag. Gegenüber war der Garteneines Wirthes, der sich Romolo nannte, und zwar mit einerstarken Hagebuttenhecke eingefaßt; in diese versteckte ich mich,und wartete, daß das Mädchen mit Ludwig nach Hause kommensollte.
Nach einiger Zeit kam mein Freund, der gedachte Bachiacca;er mochte sich's nun vorgestellt oder es mochte ihm jemandmeinen Aufenthalt verrathen haben, genug, er rief mich ganzleise: Gevatter! denn so nannten wir einander im Scherze.Er bat mich um Gottes willen, und sagte fast weinend: LieberGevatter, thue doch dem armen Mädchen nichts zu Leide! dennsie hat nicht die mindeste Schuld. Darauf versetzte ich: Wennihr euch nicht sogleich hinwegpackt, so schlage ich euch diesenDegen um die Ohren. Mein armer Gevatter erschrak, und esfuhr ihm in den Leib, so daß er nicht weit gehen konnte, ohneden Forderungen der Natur zu gehorchen.
Der Himmel stand voll Sterne und die Heilung war sehrgroß. Auf einmal hörte ich einen Lärm von mehrern Pferden,die hüben und drüben vorwärts kamen. Es war Ludwig undPantasilea, begleitet von einem gewissen Herrn Benvenuto vonPerugia, Kämmerer des Papstes Clemens. Sie hatten nochvier tapfere Hauptleute aus gedachter Stadt bei sich, nichtweniger einige brave junge Soldaten; es mochten mehr alszwölf Degen seyn.
Da ich das merkte, betrachtete ich, daß kein Weg vor mirwar, zu entkommen; ich wollte in der Hecke verborgen bleiben,aber die Dornen stachen und hetzten mich so, daß ich fast einenSprung zu thun und zu fliehen dachte. Zu gleicher Zeit hatteLudwig die Pantasilea um den Hals gefaßt, und sagte: Ich willdich doch in einem Zug fortküssen, und wenn der Verräther