Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Benvenuto Celltni.

19

Benvenuto darüber rasend werden sollte. Nun ärgerten michdie Worte des Burschen um desto mehr, als ich schon von denHagebutten zu leiden hatte. Da sprang ich hervor, und rief mitstarker Stimme: Ihr seyd alle des Todes! Der erste Hiebmeines Degens traf die Schulter Ludwigs, und weil sie denarmen Jungen mit Harnischen und anderen solchem EisenwerkLberblecht hatten, that es einen gewaltigen Schlag. Der Degenwandte sich und traf die Pantasilea an Nase und Mund. BeidePersonen fielen auf die Erde, und Bachiacca mit halbnacktenSchenkeln schrie und floh. Sodann wendete ich mich mit Kühn-heit gegen die andern. Diese wackern Leute, die den großenLärm vernahmen, der im Wirthshaus indessen entstanden war,glaubten, es sey ein Heer von hundert Mann daselbst, undlegten tapfer die Hand an den Degen. Indessen wurden einPaar Pferdchen unter der Truppe wild, und warfen ihre Reiter,die von den bravsten waren, herab, und die übrigen ergriffendie Flucht. Ich ersah meinen Vortheil, und entkam mit großerSchnelligkeit diesem Handel, von dem ich Ehre genug davontnig, und das Glück nicht mehr als billig versuchen wollte.

In dieser unmäßigen Unordnung hatten sich einige Soldatenund Hauptleute selbst mit ihren Degen verwundet. Herr Ben-venuto, der Kämmerer, war von seinem Maulthiere herab-gestoßen und getreten worden, und ein Diener, der den Degengezogen hatte, fiel zugleich mit seinem Herrn, und verwundeteihn übel an der Hand. Das war Ursache, daß dieser auf seinePeruginische Weise schwur: Bei Gott, Benvenuto soll deu Ben-venuto Lebensart lehren!

Nun trug eb einem seiner Hauptleute auf, mich herauszu-fordern. Dieser war vielleicht kühner als die andern; aberweil er zu jung war, wußte er sich nicht zu benehmen. Erkam, mich in dem Hause eines Neapolitanischen Edelmannsaufzusuchen, der mir bei sich gern eine Zuflucht erlaubte, theilsweil er einige Sachen meiner Profession gesehen, und zugleichdie Richtung meines Körpers und Geistes zu kriegerischenThaten, wozu er auch sehr geneigt war, bemerkt hatte. Da ermir nun nach seiner großen Liebe Recht gab, und ich schonhartnäckig genug war, ertheilte ich jenem Hauptmann einesolche Antwort, daß es ihm wohl gereuen mochte, vor michgetreten zu seyn.

Wenige Tage darauf, als die Wunden Ludwigs, der Pan-tasilea und anderer sich einigermaaßen geschlossen hatten, wurdegedachter großer Neapolitanischer Cavalier von Herrn Benve-nuto, bei dem sich die Wuth wieder mochte gelegt haben, ersucht,zwischen mir und Ludwig Frieden zu stiften. Dabei ward er-klärt, daß die tapfern Soldaten, die nichts weiter mit mir zuthun hätten, mich nur wollten kennen lernen. Der Herr ant-wortete darauf, er wolle mich hinbringen, wohin sie verlangten,und würde mich gerne zum Frieden bewegen, aber man müssevon beiden Seiten nicht viel Worte machen; denn eine um-ständliche Erklärung würde ihnen nicht zur Ehre gereichen, essey genug, zusammen zu trinken und sich zu umarmen; erwolle das Wort führen, und wolle ihnen mit Ehren burch-helsen. So geschah es auch.

Einen Donnerstag Abends führte er mich in das Hans desHerrn Benvenuto, wo sich alle die Kriegsleute besanden, diebei dieser Niederlage gewesen waren; sie saßen noch alle zuTische. Im Gefolge meines Edelmanns waren dreißig tapfere,wohlbewaffnete Männer, worauf Herr Benvenuto nicht vor-

bereitet war. Der Edelmann trat zuerst in den Saal, und ichnach ihm; darauf sagte er: Gott erhalte euch, meine Herren!Hier sind wir, Benvenuto und ich, den ich wie meinen leib-lichen Bruder liebe. Wir kommen hierher, um alles zu thun,was euch beliebt. Herr Benvenuto, der den Saal nach undnach mit so vielen Personen gefüllt sah, versetzte daranf:Frieden wollen wir, und nichts weiter! Ferner versprach er,daß der Gouverneur von Rom und seine Leute mir nichts inden Weg legen sollten. So war der Friede gemacht, und ichkehrte sogleich zu meiner Werkstatt zurück.

'Nicht eine Stunde konnte ich ohne den gedachten Edelmannleben: entweder er schickte nach mir, oder er kam mich zu be-suchen. Indessen war Ludwig Pulci geheilt, und ließ sich alleTage aus seinem Rappen sehen. Einst, als es ein wenig reg-nete, sollte das Pferd seine Künste vor Pantasileens Thüresehen lassen; es strauchelte und fiel, und stürzte auf den Reiter:er brach den Schenkel des rechten Fußes, und starb im Hauseder Pantasilea in wenig Tagen. So war der Schwur erfüllt,den er so ernstlich vor Gott gethan hatte, und so sieht man,daß der Höchste die Guten so wie die Bösen bemerkt, und einemjeden nach seinen Verdiensten geschehen läßt.

Siebentes Capitel.

Der Herzog von Bourbon belagert Rom. Es wird eingenommenund geplündert. Der Autor tödtet den Herzog von Bourbon durchBüchsenschüsse von der Mauer. Er flüchtet in'S Easteli St. Angeld,wo er als Bombardier angestellt wird, und sich außerordentlich her-vorthut. Der Prinz von Lranien fallt auf einen Kanonenschußdes Autors. Der Papst erkennt die Dienste des Benvenuto. DasEastell St. Angeld geht über durch Vertrag.

1527.

Schon war alles in Waffen! Papst Clemens hatte sich vomHerrn Johann von Medicis einige Haufen Soldaten ausge-beteu, welche auch ankamen; diese trieben so WildesZeug inRom, daß es gefährlich war, in öffentlichen Werkstätten zuarbeiten. Deßwegen zog ich in ein gutes Haus hinter denBänken, und arbeitete daselbst für alle meine Freunde; dochbedeuteten in der Zeit meine Arbeiten nicht viel, und ichschweige deßhalb davon. Ich vergnügte mich damals viel mitMusik und andern ähnlichen Lustbarkeiten.

Papst Clemens hatte indessen, auf Anrathen des HerrnJacob Salviati, die fünf Compagnien des Johann von Medi-cis, der schon in der Lombardie umgekommen war, wieder ver-abschiedet. Bourbon, der erfuhr, daß keine Soldaten mehr inRoni waren, drang mit seinem Heer gerade auf die Stadt.Bei dieser Gelegenheit griff jedermann zu den Waffen, undAlexander del Vene, dessen Freund ich war, und dem ich schoneinmal, zur Zeit als die Colonneser nach Rom kamen, dasHaus bewacht hatte, bat mich bei dieser wichtigen Gelegenheit,raß ich fünfzig bewaffnete Männer aufbringen, und an ihrerSpitze wie vormals sein Haus bewachen solle. Ich brachtefünfzig der tapfersten jungen Leute zusammen, und wir wurdenl bei ihm wohl unterhalten und bezahlt.

! Schon war das Bourbonische Heer vor den Mauern voni Rom, und Alexander bat mich, ich möchte mit ihm ausgehen.Wir nahmen einen der besten Leute mit, und unterwegs schlugsich noch ein junger Mensch zu uns, der Cecchino della Casa