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meines Geldes dem Vater und empfahl ihn der Sorge einerSchwester, die Cosa hieß, und die, da sie sich zum ehelichenStand nicht entschließen konnte, als Nonne in das Kloster St.Ursula gegangen war; sie sorgte dabei für den alten Vater,und nahm sich einer jüngern Schwester an, die an einen Bild-hauer verheirathet war. So empfing ich meines Vaters Segenund machte auf einem guten Pferde den Weg nach Mantua.
Ich hätte viel zu erzählen, wenn ich beschreiben wollte, wiees mir unterwegs gegangen ist: denn die Welt war voll Pesturd Krieg, so daß ich diese kleine Reise nur mit vieler Schwie-rigkeit zurücklegte.
Sobald ich anlangte, sah ich mich nach Arbeit um, undward von Meister Nicolaus von Mailand, dem Goldschmiededes Herstogs, aufgenommen. Einige Tage hernach ging ich dentrefflichen Julius Romano zu besuchen, den ich von Rom auskannte, der mich auf das freundschaftlichste empfing und übelnahm, daß ich nicht bei ihm abgestiegen war. Er lebte als eingroßer Herr, und baute für den Herzog außen vor der Stadtein herrliches Werk, das man noch immer bewundert.
Julius säumte nicht mit dem Herzog von mir auf's ehren-vollste zusprechen, der mir auftrug, ein Modell zu machen zueinem Kästchen, um das Blut Christi darin aufzunehmen, vonwelchem sie sagen, daß Longin es nach Mantua gebracht habe.Darauf wendete er sich zu Herrn Julius und sagte, er mochtemir eine Zeichnung gedachter Arbeit machen. Herr Julius aberantwortete: Benvenuto ist ein Mann, der keiner fremden Zeich-nungen bedarf, und Sie werden es, gnädiger Herr, selbst ge-stehen, sobald Sie sein Modell stehen werden. Ich machte alsozuerst eine Zeichnung zum Reliquienkästchen, in welches man dieAmpulle becuem setzen konnte; dann machte ich ein Modellchenvon Wachs für eine Figur oben drauf; sie stellte einen sitzendenChristus vor, der in der linken erhöhten Hand ein Kreuz hielt,woran er sich lehnte, mit der rechten schien er die Wunde derBrust zu eröffnen. Dieses Modell gefiel dem Herzog außerordent-lich ; er bezeigte mir darüber die größte Gunst und gab mir zuverstehen, daß er mich in seinem Dienste zu behalten wünsche.
Indessen hatte ich seinem Bruder, dem Cardinal, meineAufwartung gemacht; dieser erbat sich von dem Herzog, daßich ihm sein großes Siegel machen dürfte, welches ich auch an-fing. Unter der Arbeit überfiel mich das viertägige Fieber, undder ParoxySmus machte mich jederzeit rasend; da verfluchte ichMantua und seinen Herrn und jeden, der daselbst zu verweilenLust habe. Diese Worte wurden dem Herzog durch einen Gold-schmied hinterbracht, der ungern sah, daß der Fürst sich meinerbediente; und über diese meine kranken Worte zürnte der Herrmit mir. Ich war dagegen auf seine Residenz verdrießlich, undwir hegten also beide einen Groll gegen einander. In vierMonaten hatte ich mein Siegel geendigt, so wie andere keineArbeiten für den Herzog, unter dem Namen des Cardinals.Dieser bezahlte mich reichlich, bat mich aber, daß ich nach Rom,in jenes herrliche Vaterland zurückkehren möchte, wo wir unserst gekannt hatten.
Mit einer guten Summe Scudi reiste ich von Mantua !und kam nach Governo, wo der tapfere Herr Johann von Me- ,dicis umgekommen war. Hier ergriff mich ein kleiner Fieber- !ansall, der aber meine Reise nicht verhinderte; denn die Krank- -heit blieb an dem Ort und war mir nicht wieder beschwerlich. !
In Florenz eilte ich sogleich nach meines Vaters Haus und -
klopfte stark an; da guckte ein tolles, buckeliges Weib aus demFenster, hieß mich mit vielen Scheltwörter: fortgehen und be-theuerte, daß ich angesteckt sey. Ich sagte darauf: VerruchterBuckel! ist niemand anders im Hause als du, so soll's deinUnglück seyn. Laß mich nicht länger warten! rief ich mit lauterStimme. Ueber diesen Lärm kam eine Nachbarin heraus, diemir sagte, mein Vater und alle vom Hause seyen gestorben;meine jüngere Schwester Liberata, die auch ihren Mann ver-loren habe, sey nur noch allein übrig, und sey von einer from-men Dame aufgenommen worden. Ich hatte schon so etwasvermuthet und erschrak deßwegen weniger.
Unterwegs nach dem Wirthshause fand ich zufälligerweiseeinen Freund, an dessen Haufe ich abstieg. Wir gingen sodannauf den Markt, wo ich erfuhr, daß mein Bruder noch lebteund sich bei einem Bekannten aufhielt. Wir suchten ihn sogleichund hatten beide unendliche Freude uns wieder zu sehen; dennjedem war die Nachricht von des andern Tod zugekommen.Alsdann lachte er, nahm mich bei der Hand und sagte: Komm!ich führe dich an einen Ort, den du nicht vermuthest: ich habeSchwester Liberaten wieder verheirathet; sie hält dich auch fürtodt. Unterwegs erzählten wir einander die lustigsten Geschich-ten, die uns begegnet waren, und als wir zu meiner Schwe-ster kamen, war sie über die unerwartete Neuigkeit dergestaltaußer sich, daß sie mir ohnmächtig in die Arme fiel. Niemandsprach ein Wort, und der Mann, der nicht wußte, daß ich ihrBruder war, verstummte gleichfalls. Mein Bruder erklärte dasRäthsel; man kam .der Schwester zu Hülfe, die sich bald wiedererholte, und nachdem sie den Vater, die Schwester, den Mannund einen Sohn ein wenig beweint hatte, machte sie das Abend-essen zurecht. Wir feierten auf das anmuthigste ihre Hochzeitund sprachen nicht mehr von Todten, sondern waren lustig undfroh, wie es sich bei einem solchen Feste geziemt.
Bruder und Schwester baten mich gar sehr, in Florenz zubleiben, und mich von meiner Lust, nach Rom zu gehen, nichthinreißen zu lassen. Auch mein alter Freund Peter Landi, dermir in meinen Verlegenheiten so treulich beigestanden hatte,rieth niir in meiner Vaterstadt zu verweilen, um zu sehen, wiedie Sachen abliefen; denn man hatte die Medicis wieder ver-jagt, und zwar Herrn Hippolyt, der nachher Cardinal, undHerrn Alexander, der Herzog ward. Ich sing an auf dem neuenMarkt zu arbeiten, faßte viel Juwelen und gewann ein an-sehnliches Geld.
Zu der Zeit war ein Saneser, Mazzetti genannt, aus derTürkei, wo er sich lange aufgehalten hatte, nach Florenz ge-kommen. Er bestellte bei mir eine goldene Medaille, am Hutezu tragen. Er war ein Mann von lebhaftem Geist und ver-langte, ich solle ihm einen Hercules machen, der dem Löwenden Rachen aufreißt. Ich schritt zum Werke, und Michel Ag-nolo Buonarotti kam, meine Arbeit zu sehen, und theils weilich mir alle Mühe gegeben hatte, die Stellung der Figur unddie Bravour des Löwen auf eine ganz andere Weise als meineVorgänger abzubilden, theils auch weil die Art zu arbeiten demgöttlichen Michel Agnolo gänzlich unbekannt war, rühmte ermein Werk aufs höchste, so daß bei mir das Verlangen, etwasWichtiges zu machen, auf das äußerste vermehrt wurde. Dar-über ward mir das Juwelenfassen verleidet, so viel Geld erauch eintrug.
Nach meinem Wunsche bestellte bei mir ein junger Mann,