Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Benvenuto Cellinl.

29

haben. Alsbald warf er sich mit beiden Füßen herum, ob wirihm gleich den einen in einen schweren Kasten gesteckt hatten,und gleichsam in der Bewegung eines, der zu Pferde steigenwill, sagte er mir dreimal: Lebe wohl! Und so schied diesetapfere Seele von dannen.

Abends zu gehöriger Stunde ließ ich ihn mit den größtenEhren in der Kirche der Florentiner begraben, und ihm nachhereinen schönen Leichenstein von Marmor setzen, auf welchemSiegeszeichen und Fahnen gebildet waren.

Uebergehen kann ich nicht, daß ein Freund meinen Bruderfragte, ob er wohl den Mann, der ihn verwundet, kenne?worauf denn der Sterbende hinter mir her einige Zeichen gab,die ich aber wohl bemerkte, und wovon ich die Folgen bald er-zählen werde.

Einige vorzügliche Gelehrte, die mein Bruder wohl ge-kannt, und die seine Tapferkeit bewundert hatten, gaben mireine Inschrift, mit der Versicherung, daß der außerordentlicheJüngling sie wohl verdiene. Sie lautete folgendermaaßen:

Hrsnei8vo Oellino lllorentino, gui, «znock in teneris»nnis llonnnein LIsckieoin Ouee.in plureo victoria.8retulit et Lignit,:r tuit, Iseils ckoenmentnin ckeckit,gunntne tortitnäinis et consilii vir ernt knturus, niernäelis ls-ti nrellidnso trnnsko88us «xuiuto netntm Instrozneeret. Lenvenutns Unter pv8nit. Okiiit äis XXVII.Llaii N. v. XXIX.

Er war fünfundzwanzig Jahre alt, und ob er gleich JohannFranz Cellini hieß, so nannte man ihn doch unter seinen Ca-meraden Cecchino, den Pfeifer. Diesen Kriegsnamen ließ ichdenn auch auf den Grabstein setzen, mit schönen antiken Buch-staben , die ich alle zerbrochen vorstellen lassen, außer dem erstenund letzten. Als mich nun die gelehrten Verfasser der Inschriftdarüber befragten, erklärte ich ihnen, daß ich durch diese zer-brochenen Buchstaben das wundersame Werkzeug seines Kör-pers, der nun zertrümmert sey, vorstellen wollen. Der ersteganze Buchstabe hingegen solle die von Gott uns geschenkteSeele bedeuten, welche unzerstört in Ewigkeit bleibe, so wieder letzte den dauerhaften Ruhm des Verstorbenen anzeige.Dieser Gedanke fand Beifall; auch hat ihn ein und der anderein der Folge nachgeahmt.

Sodann ließ ich auf gedachten Stein das Wappen der Cel-lini setzen, jedoch mit einiger Veränderung. In Ravenna,einer sehr alten Stadt, finden sich unsere Cellinis als die ge-ehrtesten Edelleute, welche einen aufwärts gerichteten, zumKampf geschickten goldenen Löwen mit vorwärts geworfenenPranken, in deren rechter er eine rothe Lilie hält, im blauenFelde führen. Das Haupt des Schildes von Silber trägt einenrothen Turnierkragen von vier Lätzen, zwischen welchem dreirothe Lilien stehen. Unser Haus aber führt die Löwenprankeohne Körper, mit allem übrigen, was ich erzählt habe. Und soließ ich auch das Wappen auf meines Bruders Grabstein setzen,nur daß ich statt der Lilie ein Beil anbrachte, um mich zu erin-nern , daß ich ihn zu rächen habe.

Ich suchte nunmehr mit der größten Sorgfalt jene Arbeitin Gold, die der Papst so sehr verlangte, fertig zu machen; erließ mich zwei-, dreimal die Woche rufen, und immer gefiel das !Werk ihm besser. Oefters aber verwies er mir die große Trau- ^rigkeit um meinen Bruder. Eines Tags, als er mich über die ^Maaßen niedergeschlagen sah, sagte er: Benvenuto, ich glaubte l

nicht, daß du so gar thöricht wärest! Hast du denn nicht vorhergewußt, daß gegen den Tod keine Arznei ist? Du bist auf demWege, ihm nachzufolgen.

Indessen ich aber so an gedachter Arbeit und an den Stem-peln für die Münze fortfuhr, hatte ich die Leidenschaft gefaßt,den, der meinen Bruder geliefert hatte, wie ein geliebtes Mäd-chen nicht aus den Augen zu lassen. Er war erst Cavalleristgewesen, und hatte sich nachher als Büchsenschütze unter dieZahl der Häscher begeben, und was mich gegen ihn am grim-migsten machte, war, daß er sich seiner That noch berühmt undgesagt hatte: Wäre ich nicht gewesen, der den braven Kerl ausdem Wege räumte, so hätte er uns alle, zu unserm größtenSchaden, in die Flucht geschlagen. Ich konnte nun wohl be-merken, daß meine Leidenschaft, ihn so oft zu sehen, mir Schlafund Appetit nahm, und mich den Weg zum Grabe führte; ichfaßte also meinen Entschluß und scheute mich nicht vor einer soniedrigen und keineswegs lobenswürdigen That; genug, ichwollte eines Abends mich von diesem Zustande befreien.

Er wohnte neben einem Hause, in welchem eine der stol-zesten Courtisanen sich aufhielt, die man jemals in Rom reichund beliebt gesehen hatte. Man hieß sie Signora Antäa. Eshatte eben Vierundzwanzig geschlagen, als er, nach dem Nacht-essen, den Degen in der Hand, an seiner Thür lehnte. Ichschlich mich mit großer Gewandtheit an ihn heran, und miteinem großen Pistojesischen Dolche holte ich rücklings dergestaltaus, daß ich ihm den Hals rein abzuschneiden gedachte. Erwendete sich schnell um; der Stoß traf auf die Höhe der linkenSchulter und beschädigte den Knochen. Er ließ den Degenfallen und entsprang, von Schmerzen betäubt. Mit wenigSchritten erreichte ich ihn wieder, hob den Dolch ihm über demKopf, und da er sich niederbückte, traf die Klinge zwischen Halsund Nacken und drang so tief in die Knochen hinein, daß ichmit aller Gewalt sie nicht herausziehen konnte: denn aus demHause der Antäa sprangen viele Soldaten mit bloßen Degenheraus, und ich mußte also auch ziehen und mich vertheidigen.Ich ließ den Dolch zurück und machte mich fort, und um nichterkannt zu werden, ging ich zu Herzog Alexander, der zwischenPiazza Navona und der Rötende wohnte. Ich ließ mit ihmreden, und er ließ mich bedeuten, daß, wenn ich verfolgtwürde, sollte ich nur ruhig seyn und keine Sorge haben; ichsollte mich wenigstens acht Tage inne halten und an dem Werke,das der Papst wünschte, zu arbeiten fortfahren.

Die Soldaten, die mich verhindert und den Dolch noch inHänden hatten, erzählten, wie die Geschichte gegangen war,und was sie für eine Mühe gehabt, den Dolch aus dem Nackenund dem Halse des Verwundeten herauszubringen, den sieweiter nicht kannten. Zu ihnen trat Johann Bandini undsagte: Das ist mein Dolch; ich habe ihn Benvenuto geborgt,der seinen Bruder rächen wollte. Da bedauerten die Soldatendaß sie mich nicht ganz gewähren lassen, ob ich ihm gleich soschon in reichlichem Maaße seinen Frevel vergolten hatte.

Es vergingen mehr als acht Tage, daß der Papst mich nicht,nach seiner Gewohnheit, rufen ließ; endlich kam der Bologne-sische Kämmerer, mich abzuholen, der mich mit vieler Beschei-denheit merken ließ, daß der Papst alles wisse, aber mir dessenungeachtet sehr wohl wolle. Ich solle nur ruhig seyn und fleißigarbeiten.

Der Papst sah mich mit einem grimmigen Seitenblick an;