Benvenuto Cellini.
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er mir reichlich wolle zu leben geben, ohne daß ich nöthig hätte,für andere zu arbeiten. Ich aber war fleißig, die verlangteneue Rückseite fertig zu machen.
Drittes Capitel.
Papst Clemens Wirt krank und stirtt. — Der Autor tödtet Pom-peo von Mailand. Cardinal Cornaro nimmt ihn in Schutz. —PauNII.aus dem Hause Farnese wird Papst. Er setzt den Verfasser wieder anseinen Platz als Stempelschneider bei der Münze. — Peter Ludwig,des Papstes natürlicher Sohn, wird CelliniS Feind. Ursache davon.— Peter Ludwig bestellt einen Corsicanischen Soldaten, den Autor zuermorden, der die Absicht erfährt, und nach Florenz geht.
Indessen ward der Papst krank, und da die Aerzte denZustand für gefährlich hielten, vermehrte sich die Furcht meinesGegners Pompes dergestalt, daß er einigen NeapolitanischenSoldaten auftrug, mir nachzustellen; ich hatte viele Mühe,mein armes Leben zu vertheidigen. Als meine Arbeit fertigwar, trug ich sie sogleich zum Papste, den ich im Bette und insehr Übeln Umständen fand; mit alle dem empfing er mich sehrfreundlich und wollte Münzen und Stempel sehen. Er ließ sichLicht und Brille reichen, allein er konnte nichts erkennen; dar-auf tastete er ein wenig mit den Fingern, seufzte tief und sagtezu denen, die zunächst standen: Benvenuto dauert mich! Wennich aber wieder gesund werde, so soll für ihn gesorgt seyn. Indrei Tagen starb der Papst, und ich hatte meine Arbeit umsonstgethan; doch sprach ich mir Trost zu; denn ich war durch dieseMedaillen so bekannt geworden, daß ich hoffen konnte, jederPapst werde mich brauchen und vielleicht besser belohnen. Soberuhigte ich mich selbst, und löschte in meinem Sinne alles dasgroße Unrecht aus, das mir Pompes angethan hatte, gingbewaffnet nach St. Peter, dem todten Papst die Füße zuküssen, welches nicht ohne Thränen abging; dann kehrte ichunter die Bänke zurück, um die große Verwirrung zu sehen,die bei solchen Gelegenheiten zu entstehen Pflegt.
Ich saß daselbst mit vielen meiner Freunde, als Pompeoin der Mitte von zehn wohlbewaffneten Männern einherkam.Er blieb gegen mir über stehen, als wenn er Händel anfangenwollte. Meine Freunde, brave und willige Leute, winkten mir,daß ich Hand anlegen sollte; ich bedachte aber sogleich, daß,wenn ich zum Degen griffe, großer Schaden auch für die ent-stehen könnte, die nicht die mindeste Schuld hätten, und ichdachte, es sey besser, mein Leben allein daran zu wagen.
Pompeo blieb ungefähr zwei Ave Maria stehen, lachte ver-ächtlich gegen mich, und da er wegging, lachten die Genügenauch, schüttelten die Köpfe und forderten uns durch noch mehrsolche unartige Zeichen heraus. Meine Gesellen wollten sogleichHand an's Werk legen; ich aber sagte ihnen erzürnt, um meineHändel auszumachen, brauchte ich keinen Braven als mich selbst:ein jeder möchte sich um sich bekümmern; ich wüßte schon, wasich zu thun habe. Darüber wurden meine Freunde verdrießlichund gingen murrend hinweg. Unter ihnen war mein liebsterFreund Albertaccio del Vene, ein trefflicher Jüngling, vollerMuth, der mich wie sich selbst liebte; dieser wußte wohl, daßich mich nicht aus Kleinmuts, geduldig gezeigt hatte, vielmehrerkannte er meine entschlossene Kühnheit sehr gut; deßwegenbat er mich im Weggehen, ich möchte ihn doch ja an allem,was ich vorhätte, Theil nehmen lassen. Ich antwortete ihm:
Albertaccio, geliebtester unter allen meinen Freunden, es wirddie Zeit kommen, da ich deiner Hülfe bedarf; aber in diesemFalle, wenn du mich liebst, bekümmere dich nicht um michund mache, daß du fortkommst. Diese Worte sagte ich schnell.Indessen waren meine Feinde aus den Bänken langsam aufeinen Kreuzweg gekommen, wo die Straße nach verschiedenenGegenden führt, und das Haus meines Feindes Pompeo warin der Gasse, die gerade nach Campo di Fiore geht; er warwegen einiger Geschäfte bei einem Apotheker eingetreten, undich hörte unterwegs, daß er sich seiner Aufführung gegen michgerühmt habe.
Da war es denn auf alle Weise sein reines.böses Schicksal,daß er, eben als ich an die Ecke kam, aus der Apotheke heraus-trat ; seine Braven hatten sich aufgcthan und ihn schon in dieMitte genommen. Da drang ich durch alle hindurch, ergriffeinen kleinen spitzigen Dolch und faßte ihn bei der Brust mitsolcher Schnelle und Sicherheit des Geistes, daß ihm keiner zuHülse kommen konnte. Ich stieß ihm nach dem Gesicht, das ervor Schrecken wegwendete; daher traf ich ihn unter dem Ohr,wohin ich ihm zwei einzige Stiche versetzte, so daß er beimzweiten mir todt in die Hände fiel. Das war nun freilich meineAbsicht nicht; denn ich wollte ihn nur tüchtig zeichnen; aber,wie man sagt, Wunden lassen sich nicht messen. Ich nahm denDolch mit der linken Hand und zog mit der rechten den Degen,mein Leben zu vertheidigen. Da waren alle seine Begleiter mitdem todten Körper beschäftigt: keiner wendete sich gegen mich,keiner zeigte das mindeste Verlangen, mit mir zu rechten; sozog ich mich allein durch Strada Julia zurück und überlegte,wohin ich mich flüchten wollte.
Ich war kaum dreihundert Schritte gegangen, als michPilotto, der Goldschmied, mein großer Freund, einholte undsagte: Lieber Bruder! da das Uebel geschehen ist, so laß unssehen, wie wir dich retten können! Darauf sagte ich: Gehenwir zu Albertaccio del Vene, dem ich vor kurzem gesagt habe,es werde eine Zeit kommen, in der ich seiner bedürfe. Wirkamen zu ihm, und er empfing mich mit unschätzbaren Lieb-kosungen ; und bald erschienen die vornehmsten Jünglinge allerNationen, die nur in den Bänken wohnten, ausgenommen dieMailänder, und alle erboten sich, ihr Leben zu meiner Rettungdran zu setzen; auch Herr Ludwig Rucellai schickte dringend zumir, ich solle mich seiner auf alle Weise bedienen. Eben sothaten mehrere Männer seines Gleichen; denn alle segnetenmich; sie waren sämmtlich überzeugt, daß mir der Mann allzugroßen Schaden zugefügt habe, und hatten sich oft über dieGeduld, womit ich seine Feindschaft ertrug, verwundert.
In demselben Augenblick hatte Cardinal Cornaro den Han-del erfahren, und schickte mir, aus eigener Bewegung, dreißigSoldaten, mit Partisanen, Piken und Büchsen, die mich sicherin mein Haus begleiten sollten. Ich nahm das Erbieten anund ging mit ihnen fort, und wohl noch einmal so viel jungeLeute begleiteten mich. Sobald Herr Trajano, der Verwandtedes Entleibten, erster Kämmerer des Papstes, die Sache er-fuhr, schickte er zum Cardinal Medicis einen MailändischenEdelmann, der das große Uebel, das ich angerichtet hatte, er-zählen und Seine Eminenz auffordern sollte, mich nach Ver-dienst zu bestrafen. Der Cardinal antwortete sogleich, sehr übelhätte Benvenuto gethan, das geringe Uebel nicht zu thun.Dankt Herrn Trajano, daß er mich von dem, was ich nicht