Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bcnveimto Eellinl.

Noch dieselbe Nacht reifte ich von Neapel weg, damit manmir nicht auflauern und mich berauben sollte, wie es die Ge-wohnheit von Neapel ist. Und doch mußte ich mich, als ichauf den Steinweg kam, mit allen Leibes-und Geisteskräftengegen mehrere Räuber wehren, die mir nachstellten. EinigeTage darauf ließ ich den Solosmeo bei seiner Arbeit auf MonteCassino, und stieg bei dem Gasthause von Adananni ab, um zuMittag zu essen. Nicht weit von dem Hause schoß ich nacheinigen Vögeln und erlegte sie; aber ein Stückchen Eisen amSchloß meiner Büchse verletzte mir bei dieser Gelegenheit dierechte Hand, und so wenig es bedeutete, so gefährlich sah esaus, weil das Blut sehr stark aus der Wunde strömte. Ich

stellte mein Pferd in den Stall und stieg auf einen Altan, wo

ich viele Neapolitanische Edelleute fand, die sich eben zu Tischesetzen wollten, und mit ihnen ein junges Fräulein von der

größten Schönheit. Kaum war ich oben, so stieg hinter mir

mein Tiener, ein braver Bursche, mit einer großen Partisanein der Hand, herauf, so daß vor uns beiden, den Waffen unddem Blute, die guten Edelleute so erschraken, da ohnedem dieserOrt für ein Spitzbubennest bekannt war, daß sie vom Tischeaufsprangen und mit großem Entsetzen Gott um Hülfe anriefen.Lachend sagte ich zu ihnen: Gott habe ihnen schon geholfen;denn ich sey der Mann, sie gegen jeden zu vertheidigen, der sieangreifen wollte, und bitte nur um einigen Beistand, meineHand zu verbinden. Das schöne Frauenzimmer nahm ihrSchnupftuch, das reich mit Gold gestickt war, und als ich damitnicht verbunden seyn wollte, riß sie es sogleich in der Mittedurch und verband mich mit der größten Anmuth; sie beruhigtensich einigermaaßen, und wir speis'ten fröhlich. Nach Tischestiegen wir zu Pferde und reiften in Gesellschaft weiter. DieEdelleute waren noch nicht ganz ohne Furcht und ließen michkluger Weise durch das Frauenzimmer unterhalten, blieben aberimmer etwas zurück. Da befahl ich meinem Diener, er sollteauch hinten bleiben; ich ritt auf meinem schönen Pferdchen nebendem Fräulein her; wir sprachen von Dingen, mit denen keinApotheker handelt. Und so gelangte ich auf die angenehmsteWeise nach Rom.

Sogleich stieg ich bei dem Palast Medicis ab, wartete demCardinal auf, und dankte ihm für seine Vorsorge; dann batich ihn, er möchte mich vor dem Gefängniß, und wo möglichvor der Geldstrafe schützen. Dieser Herr empfing mich auf'sbeste und sagte mir, ich solle nur ruhig seyn; dann wendeteer sich zu einem seiner Edelleute, der Pecci hieß, und sagteihrn, er habe dem Bargell von seinetwegen zu bedeuten, daß ersich nicht unterstehen solle mich anzurühren; dann fragte er,wie sich der befinde, den ich mit dem Stein auf den Kopfgetroffen? Herr Pecci sagte, er befinde sich schlimm und werdesich noch schlimmer befinden; denn er habe versichert, daß er mirzum Verdruß sterben wolle, sobald ich nach Rom käme. Daraussagte der Cardinal mit großem Lachen: Konnte er uns dennaus keine andere Weise zeigen, daß er von Siena stamme?Alsdann wendete er sich zu mir und sagte: Beobachte, ummeinet- und deinetwillen, den äußern Wohlstand, und laß dichvier oder fünf Tage unter den Bänken nicht sehen. Dann gehehin, wohin du willst, und die Narren mögen nach Gefallensterben. Ich ging nach Hause, um die angefangene Münze mitdem Bild des Papstes Clemens fertig zu machen; dazu hatteich eine Rückseite erfunden, worauf ein Friedensbild zu sehen

war. Es war ein Weibchen, mit den feinsten Kleidern an-gethan, welche mit der Fackel in der Hand vor einem HansenKriegsrüstungen stand, die wie eine Trophäe verbunden waren;auch sah man Theile eines Tempels, in welchem die Wuthgefesselt war; umher stand die Inschrift: LIsuäuutur Kollixortne. Inzwischen als ich diese Medaille fertig machte, varder Verwundete genesen. Der Papst hörte nicht auf, nach mirzu fragen, und ich nahm mich auch in Acht, den CardinalMedicis zu besuchen; denn so oft ich vor ihn kam, gab er miretwas Bedeutendes zu thun, wodurch ich denn immer aus-gehalten wurde.

Endlich nahm sich Herr Peter Carnesecchi, ein großerGünstling des Papstes, der Sache an und sagte mir auf einegeschickte Weise, wie sehr der Papst wünsche, daß ich ihm dienenmöchte. Darauf antwortete ich, daß ich in wenig Tagen SeinerHeiligkeit zeigen wolle, daß ich das nie vergessen, noch unter-lassen habe. Einige Tage darauf ward die Medaille fertig,und ich prägte sie in Gold, Silber und Kupfer, zeigte sie demHerrn Peter, der mich sogleich bei dem Papste einführte. Esgeschah nach Tische an einem schönen Tage im April; der Papstwar im Belvedere, und ich überreichte ihm die Münzen so wiedie Stempel; er nahm sie, und sah sogleich die große Gewaltder Kunst ein, zeigte sie Herrn Peter und sagte: Sind die Altenjemals so gut in Münzen bedient gewesen? Und indessen dieGegenwärtigen bald die Medaillen, bald die Stempel beschau-ten , fing ich mit der größten Bescheidenheit zu reden an undsagte: Wenn das Geschick, das mir unglücklicherweise Ew. Hei-ligkeit Gnade entzog, nicht auch wieder die Folgen dieses Un-willens verhindert hätte, so verloren Ew. Heiligkeit ohne Ihreund meine Schuld einen treuen und liebevollen Diener. Dieböse lügenhafte Zunge meines größten Feindes hat Ew. Heiligkeitin so großen Zorn versetzt, daß Sie dem Gouverneur auf derStelle befohlen haben, mich zu sahen und hängen zu lassen;wäre das geschehen, so hätten Ew. Heiligkeit gewiß ein wenigReue gefühlt; denn ein Herr, gleich einem guten und tugend-haften Vater, soll auf seine Diener nicht so übereilt den schwerenArm fallen lassen, da hinterdrein die Reue nichts helfen kann.Gott hat dießmal den ungünstigen Lauf der Sterne unterbrochenund mich Ew. Heiligkeit erhalten; ich bitte, künftig nicht so leichtauf mich zu zürnen.

Der Papst fuhr immer fort, die Medaillen zu besehen, undhörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu; da aber vielegroße Herren gegenwärtig waren, schämte sich der Papst einwenig, und um aus dieser Verlegenheit zu kommen, wollte ervon einem solchen Befehle nichts wissen. Da ich das merkte,fing ich von etwas anderm an zu reden, und Seine Heiligkeitsprach von den Münzen und fragte mich, wie ich sie so künstlichhätte prägen können, da sie so groß seyen, als er sie von denAlten niemals gesehen. Darüber ward eine Weile gesprochen;er aber schien zu fürchten, daß ich ihm noch einen schlimmernSermon halten möchte, und sagte, die Medaillen seyen sehrschön und gefielen ihm wohl, nur möchte er noch eine andereRückseite haben, wenn es anginge. Ich versetzte, daß solchesgar wohl geschehen könne, und er bestellte sich die GeschichteMosis, der Wasser aus den Felsen schlägt, mit der Umschrift:lüt dibut xvxulus. Daraus sagte er: Gehe, Benvenuto!sobald du fertig bist, soll auch an dich gedacht seyn. Als ichweg war, versicherte der Papst vor allen Gegenwärtigen, daß