Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Benveniito Eeüini.

Manne zu thun habt, der sich gegen hundert wehren würde,und daß euer Vorhaben sich für keinen braven Soldaten schickt.Indessen war ich auf meiner Hut, und wir hatten uns beideverfärbt. Schon waren viele Leute herzu getreten, welche wohlmerkten, daß unsere Worte von Eisen waren; und da meinGegner seine Gelegenheit nicht fand, sagte er: Wir sehen unsein andermal wieder. Darauf versetzte ich: Brave Leute seheich immer gerne wieder, und den, der ihnen gleicht. So gingich weg, den Herrn aufzusuchen, der aber nicht nach mir ge-schickt hatte.f

Als ich in meine Werkstatt kam, ließ mir der Corse durcheinen beiderseitigen Freund sagen, ich brauche mich vor ihmnicht mehr in Acht zu nehmen; denn wir wollten gute Freundebleiben! Aber ich könnte mich nicht genug vorsehen; denn eshätten mir wichtige Männer den Tod geschworen. Ich ließ ihmdanken und nahm mich in Acht, so gut ich konnte. WenigeTage darauf vertraute mir ein Freund, Herr Peter Ludwighabe Befehl und Auftrag gegeben, daß man mich noch diesenAbend gefangen nehmen solle. Darauf besprach ich mich miteinigen Freunden, die mir zur Flucht riethen, und weil manmich um ein Uhr in der Nacht gefangen nehmen sollte, brachich um dreiundzwanzig auf, und eilte mit Postpferden nachFlorenz.

Also hatte Herr Peter Ludwig, da dem Corsen der Muthgefallen war, die Sache auszuführen, aus eigener Macht undGewalt den Befehl gegeben, mich gefangen zu nehmen, nurdamit er die Tochter des Pompes beruhigen möchte, die sichnach ihrer Mitgift erkundigte; und da nun auch dieser letzteAnschlag nicht gelang, so ersann er einen andern, von dem wirzu seiner Zeit reden wollen.

Viertes Capitel.

Herzog Alexander nimmt den Autor sehr freundlich auf. Diesermacht eine Reise nach Venedig mit Tribolo, einem Bildhauer.Sie kommen nach Ferrara und finden Händel mit FlorenlinischenAusgewanderten. Nach einem kurzen Aufenthalte in Venedig keh-ren sie nach Florenz zurück. Wunderliche Geschichte, wie der Autorsich an einem Gastwirthe rächt. Nach seiner Rückkunft macht ihnHerzog Alexander zum Münzmeister, und schenkt ihm ein »ortreff.lichcS Schießgewehr. Lctavian McdiciS macht dem Autor mancher-lei Verdruß. Passt Paul III. verspricht ihm Begnadigung, undlädt ihn wieder nach Rom in seine Dienste. Er nimmt eS an undgeht nach Rom zurück. Großmüthiges Betragen Herzog Alexanders.

Ich kam nach Florenz und wartete dem Herzog Alexanderauf, der mir sehr freundlich begegnete und verlangte, daß ichbei ihm bleiben sollte. Es war aber in Florenz ein Bildhauer,Namens Tribolo, mein Gevatter; ich hatte ihm einen Sohnaus der Taufe gehoben; der sagte mir, daß ein gewisser Jacobdel Sansovino, bei dem er in der Lehre gestanden, ihn ver-schrieben habe, und, weil er Venedig niemals gesehen, denkeer hinzureisen, besonders weil er daselbst etwas zu verdienenhoffe; und da er höre, daß ich auch nicht in Venedig gewesenseh, so bitte er mich, die Spazierreise mit ihm zu machen. Weilich ihm nun dieses schon versprochen hatte, antwortete ich demHerzog Alexander, ich wünschte erst nach Venedig zu gehenund würde nach meiner Rückkehr zu seinen Diensten seyn. Erwar es zufrieden, und des andern Tags ging ich, reisefertig,

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mich nochmals zu beurlauben. Ich fand ihn in dem Palast derPazzi, zu der Zeit als die Frau und die Töchter des HerrnLorenzo Cibo daselbst wohnten; ich ließ meine Absicht melden,und der Herr Cosinus Medicis, der jetzt Herzog ist, kam mitder Antwort zurück und sagte mir, ich solle Nicolaus da MonteAcuto aufsuchen: der würde mir fünfzig Goldgulden geben;diese schenke mir Seine Excellenz, der Herzog; ich solle sie aufseine Gesundheit verzehren und alsdann zu seinem Dienste zu-rückkommen.

Ich erhielt das Geld und ging zu Tribolo, der bereit war,und mich fragte, ob ich meinen Degen aufgebunden hätte? Ichsagte ihm, wer zu Pferde sey, um zu verreisen, brauche denDegen nicht fest zu binden. Er versetzte darauf, in Florenz seydas nun der Gebrauch; denn ein gewisser Fra Maurizio seyein sehr strenger Aufseher, und würde um einer Kleinigkeitwillen St. Johann den Täufer selbst wippen lassen; wenigstensbis vor das Thor müßten wir die Degen aufbinden. Ich lachteund wir machten uns aus den Weg, indem wir uns an denConducteur der ordinären Post von Venedig anschlössen, derLamentone hieß, und so zusammen weiter zogen.

Unter andern kamen wir nach Ferrara, und traten in demWirthshaus auf dem Platz ein. Lamentone ging, einige Aus-gewanderte aufzusuchen, denen er Briefe und Aufträge vonihren Weibern brachte; denn das hatte der Herzog erlaubt, daßder Conducteur allein mit ihnen sprechen durfte, sonst niemand,bei Strafe gleicher Verbannung, als die in welche sie verfallenwaren. Um die Zeit es war ungefähr zweiundzwanzig Uhr ging ich mit Tribolo, den Herzog von Ferrara auf seinemRückwege zu sehen, der von Belfiore kam, wo man vor ihmturnirt hatte. Wir fanden unter der Menge viele Ausgewan-derte, die uns so starr in die Augen sahen, als wenn sie unsnöthigen wollten, mit ihnen zu sprechen. Tribolo, der derfurchtsamste Mensch von der Welt war, lispelte mir immer zu:Sieh sie nicht an, rede nicht mit ihnen, wenn du wieder nachFlorenz zurück willst! So sahen wir ken Herzog einziehen undkehrten wieder in unsere Herberge, wo wir den Lamentonefanden. Gegen ein Uhr in der Nacht (nach Sonnenuntergang)kam Nicolaus Benintendi mit Peter, seinem Bruder, und einAlter ich glaube, es war Jacob Nardi und noch mehrerejunge Leute, alles Ausgewanderte. Der Conducteur sprachmit einem jeden von seinen Geschäften; Tribolo und ich hieltenuns entfernt, um nicht mit ihnen zu reden. Nach einer Weilefing Nicolaus Benintendi an: Ich kenne die beiden recht gut.Haben sie Quark im Maule, daß sie nicht mit uns reden kön-nen? Tribolo hielt mich an, ich sollte stille seyn, und Lamen-tone sagte zu ihnen, er habe die Erlaubniß mit ihnen zu reden,'und nicht wir. Benintendi antwortete, das sey eine Eselei! derTeufel könne uns holen! und andere dergleichen schöne Dinge.Da hob ich das Haupt auf und sagte, so bescheiden, als ich nurwußte und konnte: Meine liebe Herren, bedenkt, daß ihr unsviel schaden könnt, und wir euch nicht zu helfen wüßten. Ihrhabt zwar manches unschickliche Wort gesagt, aber wir wollendeßhalb mit euch nicht zürnen. Der alte Nardi sagte, ich seyein braver junger Mann und habe auch so gesprochen. Daraufversetzte Benintendi: Ich gebe nichts auf sie und ihren Herzog!Ich antwortete darauf, er habe sehr unrecht, und wir wolltenweiter nichts von ihm wissen. Der alte Nardi hielt es mit unsund stellte ihm seine Unart vor; aber er fuhr mit Schimpfreden