Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Bememiw Fellini.

fort, und ich sagte ihm, wenn er nicht aufhörte, so sollte er esbereuen. Darauf rief er, er verwünsche den Herzog und uns;er und wir wären eine Hand voll Esel.

Darauf schalt ich ihn einen Esel und zog den Degen. DerAlte, der zuerst die Treppe hinunter wollte, stolperte auf denersten Stufen, stürzte hinab, und die andern über ihn her; ichsprang vor und wetzte mit dem Degen an den Wänden, undschrie wüthend: Ich bringe euch alle zusammen um! Dochnahm ich mich wohl in Acht, jemand Leids zu thun, wie ichdoch genug gekonnt hätte. Der Wirth schrie, Lamentone wolltemich abhalten; einige riefen: Wehe mein Kopf! andere: Laßtmich hinaus! Es war ein unschätzbarer Handel: es schien eineHerde Schweine durch einander zu fahren. Der Wirth kammit dem Lichte, ich ging wieder hinauf und steckte den Degenein; Lamentone verwies deni Benintendi sein Unrecht, und auchder Wirth schalt ihn aus. Es steht das Leben darauf, sagtedieser, wenn hier jemand den Degen zieht, und wenn unsermHerzog eure Insolenzen bekannt wären, so ließe er euch alle auf-hängen. Ihr verdientet wohl, daß ich es anzeigte; aber kommtmir nicht mehr in's Haus, sonst soll es euch übel gehen! Hernachkam der Wirth herauf zu mir, und als ich mich entschuldigenwollte, ließ er mich nicht zum Worte kommen und sagte, erwisse wohl, daß ich tausend Ursachen habe; ich solle mich nurauf der Reise vor ihnen in Acht nehmen.

Da wir abgegessen hatten, kam ein Schiffer, uns nach Ve-nedig zu führen. Ich fragte, ob wir das Schiff ganz frei füruns haben könnten? Er sagte Ja! und darauf wurden wir einig.

Des Morgens, gut um Acht, nahmen wir Pferde, umnach dem Hafen zu gehen, der einige Miglien von Ferraraentfernt ist. Als wir ankamen, fanden wir den Bruder des Ni-colaus Benintendi mit drei Gesellen, die mir aufpaßten; zweivon ihnen waren mit Spießen bewaffnet; ich hatte mich aberauch wohl versehen und mir einen Spieß in Ferrara gekauft,und so erschrak ich nicht im mindesten; Tribolo desto mehr, derausrief: Gott helfe uns! diese werden uns todtschlagen. La-mentone kehrte sich zu mir und sagte: Du wirst am besten thun,nach Ferrara zurückzugehen; denn ich sehe, die Sache ist gefähr-lich. Mein Benvenuto, gehe der Wuth dieser rasenden Bestienaus dem Wege! Da sagte ich: Nur getrost vorwärts! Dem, derRecht hat, hilft Gott, und du sollst sehen, wie ich mir selbsthelfen will. Ist dieses Schiff nicht uns allein versprochen? La-mentone sagte Ja! und ich antwortete: So wollen wir auchallein darin abfahren, wenn meine Kraf? meinem Willen gleichist. Ich trieb mein Pferd vorwärts, und da wir ungefähr zehnSchritte entfernt waren, stieg ich ab und ging mit meinemSpieß kühn auf sie los. Tribolo war zurückgeblieben und hattesich auf seinem Pferde zusammengekauzt, daß er wie der Frost 'selbst aussah, und Lamentone schnaubte und blies, daß maneinen Wind zu hören glaubte; denn es war seine Angewohn-heit, und dießmal that er es stärker als gewöhnlich; denn erbedachte, was diese Teufelei für einen Ausgang haben möchte.

Als ich zum Schiffe kam, trat der Schiffer vor mich undsagte: daß diese Florentinischen Edelleute, wenn ich es zufriedenwäre, niit in das Schiff steigen wollten. Darauf versetzte ich:Das Schiff ist für uns, nicht für andere gemiethet, und es thutmir herzlich leid, daß ich sie nicht einnehmen kann. Daraussagte ein tapferer Jüngling, von den Magalotti: Benvenuto!du wirst wohl können, was wir wollen? Darauf antwortete

ich: Wenn Gott, mein Recht und meine Kräfte wollen undkönnen, so werde ich wohl nicht wollen und können, was ihrwollt und meint. Mit diesen Worten sprang ich sogleich in dasSchiff, kehrte ihnen die Spitze der Waffen zu, und sagte:Hiermit will ich euch zeigen, daß ich nicht kann. Der von denMagalotti zeigte einige Lust, zog den Degen und kam heran;da sprang ich auf den Rand des Schiffes und stieß so gewaltsamnach ihm, daß, wäre er nicht rücklings zur Erden gefallen, ichihn durch und durch gestoßen hätte. Die andern Gesellen an-statt ihm zu helfen, zogen sich zurück: ich hätte ihn auf der Stelleumbringen können, aber anstatt ihm eins zu versetzen, sagteich: Stehe auf, Bruder, nimm deine Waffen und gehe fort!Wohl hast du gesehen, daß ich nicht kann, was ich nicht will.Dann rief ich Tribolo, den Schiffer, und Lamentone herein,und so fuhren wir gegen Venedig. Als wir zehn Miglien aufdem Boot'zurückgelegt hatten, kamen uns diese jungen Leute ineinem Kahne nach, und als sie gegen uns -über waren, sagtemir der dumme Peter Benintendi: Komm nur weiter, Ben-venuto! Es ist jetzt nicht Zeit, aber in Venedig wollen wir unswiedersehen. Darauf versetzte ich: Laßt es nur gut seyn! ichkomme schon und ihr könnt mich überall wieder finden.

So kamen wir nach Venedig, und ich wartete dem Bruderdes Cardinals Carnaro auf, den ich bat, daß er mir die Er-laubniß verschaffen möge, den Degen tragen zu dürfen. Erversetzte darauf, daß ich ihn nur frei und ohne Erlaubniß an-stecken sollte; das Schlimmste, was mir begegnen könnte, wäre,daß mir die Police! den Degen wegnähme.

So gingen wir bewaffnet und besuchten Jacob del Sanso-vino, den Bildhauer, der den Tribolo verschrieben hatte. Erbegegnete mir äußerst freundlich und behielt uns zum Essen.Da sagte er zu Tribolo, er könne ihm gegenwärtig keine Arbeitgeben, er möge doch ein andermal wieder kommen. Da fingich an zu lachen und sagte scherzend zu Sansovino: Sein Hausist zu weit von dem eurigen, als daß er euch so ganz bequembesuchen könnte. Der arme Tribolo erschrak und zeigte denBrief vor, durch den er berufen war. Darauf antwortete San-sovino: Wackere und kunstreiche Männer meines Gleichen dürfendas und noch mehr thun. Tribolo zuckte die Achseln und sagte:Geduld, Geduld! Ich nahm daraus, ohne Rücksicht auf dasherrliche Mittagessen, die Partie meines Gesellen, auf dessenSeite das Recht war, und überdieß hatte Sansovino bei Tischenicht aufgehört, von seinen großen Werken zu sprechen, vonMichel Agnolo und allen Kunstverwandtin Uebels zu reden undsich ganz allein übermäßig zu loben, so daß mir vor Verdrußkein Bissen schmecken wollte. Da sagte ich nur die paar Worte:Wackere Männer zeigen sich durch wackere Handlungen, unddie kunstreichen, welche schöne und gute Werke machen, leülckman bester durch das Lob aus fremdem Munde als aus ihremeigenen kennen. Darauf stiegen wir verdrießlich vom Tische auf.

Noch selbigen Tag begegnete ich beim Rialto dem PeterBenintendi, der von verschiedenen begleitet war, und da ichmerkte, daß sie Händel suchten, trat ich bei einem Apotheker einund ließ den Sturm vorüberziehen. Darnach hörte ich, daßder Junge von den Magalotti, dem ich artig begegnet war, sietüchtig ausgeschickten hatte; und so ging die Sache vorüber.

Einige Tage nachher machten wir uns wieder auf den Wegnach Florenz; wir kehrten in einem gewissen Ort ein, der dies-seits Chioggia, aus der linken Hand liegt, wenn man nach