Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Benvcnuto Eellint.

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Ferrara geht. Der Wirth wollte bezahlt seyn, ehe wir uns !schlafen legten; und da wir ihm sagten, daß es an andern Orten ^gebräuchlich sey, des Morgens zu bezahlen, so sagte er: Ich !will des Abends das Geld; es ist nun meine Art so. Darauf ^antwortete ich, die Leute, die alles nach ihrer Art haben wollten, lmüßten sich auch eine besondere Welt dazu schaffen; denn indieser gehe das nicht an. Er versetzte, ich sollte ihm den Kopfnicht warm machen! denn er wollte es nun einmal so haben. ^Tribolo zitterte vor Furcht, stieß mich und sagte, ich sollte still !seyn, damit es nicht noch schlimmer würde! Wir bezahlten also 'den Kerl und legten uns schlafen. Wir hatten vortreffliche ^Betten, alles neu und recht, wie sich's gehört; mit alle dem !aber schlief ich nicht, und dachte nur die ganze Nacht, wie ich !mich rächen wollte. Einmal kam mir's in Sinn, ihm das Hausanzustecken, ein andermal ihm vier gute Pferde zu lähmen, dieer im Stall hatte. So leicht das zu thun war, so schwer hätteich mich darnach mit meinem Gesellen retten könne». Zuletztließ ich unsere Sachen und die übrigen Gefährten einschiffen,und als die Pferde schon an's Seil gespannt waren, sagte ich,sie sollten still halten, bis ich wieder käme; denn ich hätte meinePantoffeln im Schlafzimmer gelassen. So ging ich in's Wirths-haus zurück und rief nach dem Wirthe; der rührte sich nichtund sagte, er bekümmere sich nicht um uns; wir möchten zumHenker gehen. Es war noch ein Knäbchen im Hause, ein Stall-bursche, der sagte ganz schlaftrunken zu mir: selbst um desPapstes willen würde sich sein Herr nicht in Bewegung setzen;daneben verlangte er ein Trinkgeld. Ich gab ihm einige kleineVenezianische Münzen und sagte ihm, er solle die Schiffsleutenoch so lange aufhalten, bis ich init meinen Pantoffeln zurück-käme. So ward ich auch den los, und ging hinauf und nahmein scharfes Messerchen und zerschnitt die vier Betten so überund über, daß ich wohl einen Schaden von 50 Scudi mochtegethan haben, steckte darauf einige Fetzen des Zeuges ein, stiegin das Schiff und sagte eilig zu dem, der die Pferde führte, ermöchte machen, daß er fortkäme. Kaum waren wir ein wenigvon dem Wirthshaus entfernt, als Gevatter Tribolo sagte: erhabe ein paar Riemchen zurückgelassen, womit er seinen Mantel-sack aus's Pferd zu binden Pflege: er wolle zurück; denn erkönne sie nicht entbehren. Ich sagte ihm, er solle uns deßwegennicht aufhalten; ich wolle ihm Riemen machen lassen, so großund so viel er wollte. Er sagte, ich solle nicht spaßen, er wollenun ein- für allemal seine Riemen wieder haben. Nun rief er,man solle halten, und ich rief, man solle fortfahren. Indessenerzählte ich ihm den großen Schaden, den ich dem Wirthe ver-setzt hatte, und zeigte ihm ein Pröbchen von dem Bettzenge.Da ergriff ihn ein solches Schrecken, daß er nicht aufhörte zumFuhrmann zu rufen: Nur zu! nur zu! Und die Angst verließihn nicht, bis wir vor die Thore von Florenz kamen.

Da sagte Tribolo: Laßt uns um Gottes willen die Degenaufbinden und treibts nur nicht weiter so fort! Mir war's dieganze Zeit, als wenn meine Eingeweide im Kessel kochten.Darauf sagte ich: Gevatter Tribolo! wie solltet ihr den Degenaufbinden, da ihr ihn niemals losgebunden habt? Und dassagte ich, weil er auf der ganzen Reise kein Zeichen einesMannes von sich gegeben hatte. Darauf sah er seinen Degenan und sagte: Bei Gott! ihr habt recht! Das Gehäng ist nochgeflochten, wie ich es zu Hause zureicht machte. Und so mochteder Gevatter wohl glauben, daß ich ihm schlechte Gesellschaft

geleistet habe, weil ich mich vertheidigt und gerochen hatte,wenn nian uns etwas Unangenehmes erzeigen wollte. Mirschien aber, er habe sich eigentlich schlecht gehalten, daß er mirin solchen Fällen nicht beistand. Das mag nun jeder beurtheilen,wer ohne Leidenschaft die Sache betrachtet.

Sobald ich abgestiegen war, ging ich zum Herzog Alexanderund dankte ihm für das Geschenk der 50 Scudi, und sagte, ichsey auf alle Weise bereit, Seiner Excellenz zu dienen. Er ant-wortete mir, ich solle die Stempel zu seinen Münzen schneiden.Die erste, die ich darauf fertig machte, war von vierzig Soldi,mit dem Bilde des Herzogs auf der einen, und mit demWappen auf der andern Seite. Darnach schnitt ich den Stempelfür den halben Julier, ferner den Kopf des heiligen Johannesim Vollgesichte, die erste Münze der Art, die in so dünnemSilber geprägt worden, wovon die Schwierigkeit nur diejenigeneinsehen können, die es in dieser Kunst auf den höchsten Gradgebracht haben. Alsdann wurden die Stempel zu den Gold-gulden fertig: auf der einen Seite war ein Kreuz mit kleinenCherubim, auf der andern das Wappen des Herzogs.

Da ich nun mit so vielerlei Münzen fertig war, bat ichSeine Excellenz, Sie möchten mir nun eine Besoldung aus-werfen, und mich in die Zimmer auf der Münze einweisenlassen, wenn ihnen meine Bemühungen gefielen. Darauf sagteer, er sey es zufrieden, und werde die nöthigen Befehle ertheilen.Seine Excellenz sprach mich damals in der Gewehrkammer; ichbemerkte eine vortreffliche Büchse, die aus Deutschland gekom-men war, und als der Herzog sah, mit welcher Aufmerksamkeitich das schöne Gewehr betrachtete, gab er mir es in die Handund sagte, er wisse wohl, wie viel Vergnügen ich an solchenDingen fände, und zum Gottespfennig seines Versprechenssollte ich mir eine Büchse nach meinem Belieben wählen, nurdiese nicht; und er versichere mich, es seyen viele schönere undeben so gute in seiner Gewehrkammer. Dankbar nahm ich dasErbieten an, und als er bemerkte, daß ich mit den Augen herum-suchte, befahl er dem Aufseher, der Peter von Lucca hieß, ersolle mich, was ich wolle, nehmen lassen. So ging er mit dengefälligsten Worten weg, und ich wählte die schönste und besteBüchse, die ich in meinem Leben gesehen hatte, und trug sienach Hause.

Den andern Tag brachte ich ihm Zeichnungen, die er zueinigen Goldarbeiten bestellt hatte; er wollte sie seiner Gemahlinschicken, die noch in Neapel war; ich bat ihn bei der Gelegenheitnochmals, daß er meine Anstellung möge ausfertigen lassen.Darauf sagte Seine Excellenz, ich sollte ihm den Stempel vonseinem Bilde machen, so schön wie das von Papst Clemens.Ich fing sogleich das Bildniß in Wachs an, und der Herzogbefahl, daß, so oft ich käme, ihn zu Porträtiren, ich ohne wei-teres eingelassen werden sollte. Da ich merkte, daß meine An-gelegenheit sich in's Weite zog, wählte ich einen gewissen PeterPaul von Monterotondo, der als kleiner Knabe in Rom beimir gewesen war; er hielt sich gegenwärtig bei einem Gold-schmiede auf, der ihn nicht gut behandelte. Deßwegen nahm ichihn weg und lehrte ihn, die Stempel zu den Münzen aus's besteverfertigen. Indessen porträtirte ich den Herzog, den ich öftersnach Tische mit seinem Loren; Medicis schlummern fand, derihn nachher umbrachte. Niemand war weiter zugegen, und ichverwunderte mich oft, daß ein solcher Fürst sich so vertrauenkonnte.