Benvenuto Cellini.
Inzwischen hatte ich auch meine Arbeit aufgedeckt, und daich merkte, daß der Kaiser auf die gefälligste Weise sich nachmir umsah, trat ich hervor, und sagte: Geheiligte Majestät,unser heiligster Papst Paul läßt dieses Brevier Ew. Majestätüberreichen; es ist geschrieben und gemalt von der Hand desgrößten Mannes, der jemals diese Kunst getrieben. Der reicheDeckel von Gold und Edelsteinen ist, wegen meiner Krankheit,unvollendet; deßwegen übergiebt Seine Heiligkeit auch michzugleich mit dem Buche, damit ich es bei Ew. Majestät voll-ende, wie alles übrige, was Sie sonst zu befehlen haben möchte,und Ihr diene, so lange ich lebe. Darauf antwortete derKaiser: Das Buch ist mir angenehm, und ihr seyd es auch;aber ihr sollt es mir in Rom vollenden. Ist es fertig, und seydihr geheilt, so kommt und bringt mir's! Indem er nun weitermit mir sprach, nannte er mich beim Namen, worüber ich michsehr verwunderte: denn mein Name war bisher in der Unter-redung nicht vorgekommen. Er sagte darauf, er habe denKnopf des Pluvials gesehen, worauf ich für Papst Clemens sowundernswürdige Figuren gemacht habe. So sprachen wirumständlich eine ganze halbe Stunde, von verschiedenen treff-lichen und angenehmen Gegenständen uns unterhaltend; undda mir weit größere Ehre widerfahren war, als ich mir ver-sprochen hatte, ergriff ich eine kleine Pause des Gesprächs,neigte mich, und ging weg.
Der Kaiser soll gesagt haben: Man zahle sogleich 500 Gold-gulden an Benvenuto! Und der, der sie hinauftrug, fragte,wo der Diener des Papstes sey, der mit dem Kaiser gesprochenhabe? Da zeigte sich Herr Durante, und entwendete mir die500 Gulden. Ich beklagte mich darüber beim Papste, der niirsagte, ich sollte ruhig seyn. Er wisse, wie gut ich mich beimeiner Unterredung mit dem Kaiser gehalten habe, und vondem Gelde solle mir gewiß mein Theil nicht fehlen.
Ich kehrte in meine Werkstatt zurück, und arbeitete mitgroßer Sorgfalt, den Diamanten zu fassen. Da schickte mirder Papst die vier ersten Juweliere von Rom zu; denn manhatte ihm gesagt, der Stein sey durch den ersten Goldschmiedder Welt, Meister Milane Targhetta in Venedig, gefaßt wor-den, und da der Diamant ein wenig zart sey, so müsse manbeim Fassen mit vieler Vorsicht zu Werke gehen. Unter diesenvier Meistern war ein Mailänder, Cajo genannt, eine einge-bildete Bestie. Was er am wenigsten verstand, glaubte er ebenam besten zu verstehen. Die übrigen waren bescheidene undgeschickte Leute. So fing denn auch der Cajo vor allen andernan zu reden, und sagte: Bleibe ja bei der Folie des Milane!denn vor der mußt du die Mütze abnehmen. Beim Fassen istes die größte Kunst, die rechte Folie zu finden. Milane ist dergrößte Juwelier, und das ist der gefährlichste Diamant. Daraufversetzte ich: Desto größer ist die Ehre, in einer solchen Kunstmit einem so trefflichen Manne zu wetteifern. Dann wendeteich mich zu den andern Meistern, und sagte: Seht! hier ver-wahre ich die Folie des Milane; ich will nun einige selbst ver-suchen , und sehen, ob ich sie besser machen kann. Gelingt esmir nicht, so will ich diese wieder unterlegen. Nun, sagte Cajo,wenn dir das gerätst, so will ich gern selbst die Mütze abziehen.
sttun fing ich mit großem Fleiß an, verschiedene Folien zumachen, deren Bereitung ich euch an einem andern Orte lehrenwill. Gewiß ist es, dieser Diamant war der bedenklichste, dermir vor- und nachher in die Hand kam, und die Folie des
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Milano war trefflich gemacht; doch ließ ich nicht-nach, schärftedie Werkzeuge meines Verstandes, und erreichte jene nicht nur,sondern übertraf sie wirklich. Da ich nun meinen Vorgängerübertreffen hatte, ging ich darauf aus, mich selbst zu über-treffen, und es gelang mir, auf einem neuen Wege noch einevollkommenere Folie zu finden.
Da ließ ich die Goldschmiede berufen, und zeigte ihnen denDiamanten mit der Folie des Milano, und hernach mit dermeinen; darauf sagte Raphael del Moro, der geschickteste unterihnen: Benvenuto hat die Folie des Milano übertreffen! Cajowollte es nicht glauben, und kaum hatte er den Diamanten inder Hand, so rief er: Der Steiu ist zweitausend Ducaten mehrwerth als vorher! Nun versetzte ich: Da ich einen solchenMeister übertreffen habe, laßt sehen, ob ich mich selbst über-treffen kann. Darauf bat ich, sie möchten einen Augenblickverziehen, ging auf meinen Altan, und schob die andere Folieunter. Als ich den Stein zurückbrachte, rief Cajo: So etwashabe ich in meinem Leben nicht gesehen! Der Stein ist jetztmehr als 18000 werth, da wir ihn vorher nur auf 12000 ge-schätzt hatten. Die andern Goldschmiede sagten darauf: Bcn-venuto ist die Ehre unserer Kunst, und wir müssen vor ihmund seinen Folien die Mütze wohl abnehmen. Cajo sagte:Jetzt will ich gleich zum Papste gehen; er soll tausend Gold-gulden für die Fassung zahlen. Auch lief er wirklich sogleichhin und erzählte alles. Darauf schickte der Papst deffelbigenTages dreimal, ob der Ring nicht fertig wäre?
Um Dreiundzwanzig trug ich den Ring hinauf, und weilich freien Eintritt hatte, so hob ich den Vorhang an der Thürebescheiden auf. Ich sah den Papst mit dem Marchese del Guastosprechen; sie schienen über gewisse Dinge nicht einig zu seyn,und ich hörte den Papst sagen: Es geht nun einmal nicht; ichmuß neutral bleiben, sonst habe ich nichts zu thun. Ich zogmich sogleich zurück; der Papst rief mich. Schnell trat ichhinein, und da ich ihm den schönen Diamanten überreichte,zog er mich ein wenig bei Seite, und der Marchese entferntesich. Indem der Papst den Diamanten ansah, sagte er leise:Benvenuto, fange etwas mit mir zu reden an, das wichtigaussieht, und höre nicht auf, so lange der Marchese im Zim-mer ist. Nun ging er mit mir auf und gb: es gefiel mir, daßich mich bei dieser Gelegenheit zeigen konnte, und ich fing nunan, dem Papst zu erzählen, wie ich mich benommen hatte, demDiamanten die schöne Folie zu geben.
Der Marchese lehnte sich zur Seite au die Tapeten, undwiegte sich von einem Fuß auf den andern; nun hatte ich zumeinem Discurs ein solches Thema, daß ich drei ganze Stundenhätte reden können, um es recht auszuführen. Der Papst hörtemir mit Vergnügen zu, und schien die unangenehme Gegen-wart des Marchese zu vergessen. Ich hatte denn auch in meinenVortrag den Theil von Philosophie gemischt, der zu dieser Kunstnöthig ist, und hatte so beinahe eine Stunde gesprochen; endlichfing es an, den Marchese zu verdrießen, und er ging halb er-zürnt hinweg. Da erzeigte mir der Papst die vertrautestenLiebkosungen, und sagte: Sey nur fleißig, Benvenuto! Ich willdich anders belohnen, als mit den tausend Gulden, die nurCajo vorgeschlagen hat.
Als ich weg war, lobte mich der Papst vor seinen Leuten,worunter denn auch Latino Juvenale sich befand. Der war nnnmein abgesagter Feind geworden, und suchte mir auf alle