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Benvenuto Cellint.
mögliche Weise zu schaden. Als er sah, daß der Papst mit so vielerNeigung und Kraft von mir sprach, versetzte er: Es ist keinZweifel, Benvenuto ist ein Mann von außerordentlichen Ta-lenten, und es ist ihn: nicht zu verargen, daß er von seinenLandsleuten Vortheilhast denkt, nur sollte er auch wissen, wieman von einem Papste spricht; denn es ist doch unvorsichtig,wenn er sagt: Clemens sey der schönste Fürst gewesen, unddabei der würdigste, nur habe er leider kein Glück gehabt; beiEw. Heiligkeit sey es ganz umgekehrt, die Krone scheine sich aufIhrem Haupte zu betrüben, man glaube nur einen gekleidetenStrohmann zu sehen, nnd nur Ihr gutes Glück sey zu rühnien.Diese Worte brachte er mit einer so ungezwungenen Art vor,daß sie leider nur eine zu starke Wirkung thaten, und der Papstihnen Glauben beimaß, da ich sie doch weder jemals gesagt,noch auch irgend so etwas gedacht hatte. Wäre es dem Papstemöglich gewesen, mir mit Ehren etwas Unangenehmes zu er-zeigen, so hätte er es wohl gethan; aber als ein Mann vongroßem Geiste schien er darüber zu lachen. Dessenungeachtetbehielt er einen unversöhnlichen Haß gegen mich, wie ich baldmerkte; denn ich konnte nur mit großer Mühe in die Zimmergelangen. Da sah ich nun, als einer, der an diesem Hofe vieleJahre gelebt hatte, wohl ein, daß mir jemand einen schlechtenDienst geleistet habe. Ich erkundigte mich auf geschickte Weisedanach, und erfuhr die üble Nachrede, aber nicht den Urheber.Ich konnte mir auch damals nicht vorstellen, wer es gewesenseyn könnte; Hütte ich es gewußt, so hätte ich ihm die Rache mitdem Kohlenmaaße zugemessen.
Als das Büchelchen fertig war, brachte ich es dem Papst,der, als er es erblickte, sich nicht enthalten konnte, mich höchlichzu loben; darauf bat ich ihn, er möchte mich es auch, wie er esmir versprochen, hinbringen lassen. Er versetzte, ich hätte nieineArbeit gethan, und er wolle nun thun, was ihm gefiele. Undso befahl er, ich sollte gut bezahlt werden. Ich erhielt 50VGoldgulden; so viel hatte ich ungefähr in zwei Monaten ver-dient , und alles übrige, was er mir versprochen hatte, war zunichte. Man rechnete den Ring für 150 Gulden; das übrigewar für das Büchelchen, woran ich mehr als 1000 verdienthatte; denn die Arbeit war äußerst reich an Figuren, Laubwerk,Schmelz und Juwelen. Ich nahm eben, was ich haben konnte,und setzte mir vor, mit Gott Rom zu verlassen. Der Papstschickte Herrn Sforza, einen seiner Nepoten, mit dem Büchelchenzum Kaiser, der es sehr lobte, und äußerst zufrieden war, auchsogleich nach mir fragte. Der junge Sforza, den man schonabgerichtet hatte, versetzte, wegen meiner Krankheit sey ich nichtselbst gekommen. Das erfuhr ich alles wieder.
Ächtes Capitel.
Wunderbare Geschick te seines Knaben AScanio. — Der Autor ziehtmit AScanio nach Frankreich, und kommt über Florenz. Bologna nndVenedig nach Padua, wo er sich einigeZeit beiden, nachherigenCardinalPembo aufhält. — Großmüthiges Betragen dieses Herrn gegen Cellint.— Dieser setzt bald seine Reise fort. indem er durch die Schweiz geht. —Mit großer Lebensgefahr schifft er über den Wallenstädter See. — Erbesucht Genf auf seinem Wege nach Lyon. und nachdem er sich vierTage in gedachter Stadt befunden, gelangt er glücklich nach Paris.
Indessen machte ich Anstalt, nach Frankreich zu gehen, undich hätte die Reise wohl allein unternommen, wäre nicht ein
l junger Mensch Namens Ascanio gewesen, der sich schon eine! Zeit lang in meinen Diensten befand. Er war sehr jung, und^ der beste Diener von der Welt. Er hatte vorher bei einemgewissen Spanischen Goldschmied, Namens Franz, gedient,
! und ich sagte ihm mehr als einmal, daß ich ihn nicht zu mir§ nehmen wollte, um mit seinem Meister nicht in Streit zu ge-l rathen. Der Knabe, der aber nun einmal Verlangen nach miri hatte, trieb es so lange, bis mir sein Meister selbst ein Billetschrieb, worin er mir den Jungen willig überließ. So blieb er! mehrere Monate bei mir, und war mager und eingefallen: wir^ nannten ihn nur unser Altchen, und man hätte wirklich denkensollen, daß er alt sey; denn er diente vortrefflich, war so ver-nünftig , und kaum schien es möglich, daß jemand im dreizehntenJahre so viel Verstand haben könnte. In kurzer Zeit hatte sichder Knabe wieder erholt, nnd indem sein Körper zunahm, warder der schönste Jüngling von Rom, und neben seinen übrigenTugenden ward er auch in der Kunst vortrefflich; ich liebte ihnwie meinen Sohn, und hielt ihn auch so in der Kleidung. Alsder Knabe sich wieder hergestellt sah, war er ganz entzückt überdas Glück, das ihn in meine Hände geführt hatte, und ging oft,seinem Meister zu danken, der sich in dieser Sache hatte so willigfinden lasten. Nun hatte der Meister eine schöne junge Frau, diesagte zum Knaben: Wie bist du nur so schön geworden? Daraufantwortete Ascanio: Es ist mein Meister, der mich schön, dermich aber auch gut gemacht hat. Das mochte dem Weibe garnicht gefallen, und da sie es mit ihrem guten Rufe garnichtgenau nahm, mochte sie den Jüngling mit allerlei Liebreizungenan sich locken, die eben nicht die ehrbarsten waren, und ichmerkte wohl, daß er anfing, mehr als gewöhnlich seine ehemaligeMeisterin zu besuchen.
Nun begab sich's,.daß er eines Tags einen meiner Lehr-bursche ohne Ursache geschlagen hatte, der sich, als ich nachHause kam, darüber beklagte, und versicherte, Ascanio habe nichtdie mindeste Ursache dazu gehabt. Darauf sagte ich zu diesem:Mit oder ohne Ursache sollst du niemand in meinem Hauseschlagen, oder du sollst sehen, wie ich dich treffen will. Als erdaraus etwas einwenden wollte, warf ich mich gleich über ihnher, und versetzte ihm mit Fäusten und Füßen so rauhe Stöße,als er wohl jemals gefühlt haben mochte. Sobald er nur ausmeinen Händen zu entkommen wußte, floh er ohne Jacke undMütze aus der Werkstatt, und ich wußte zwei Tage nicht, woer war, auch bekümmerte ich mich nicht um ihn. Nach Verlaufderselben kam ein Spanischer Edelmann zu mir, der Don Diegohieß, und der liberalste Mann war, den ich je gekannt habe.Ich hatte für ihn einige Arbeiten vollendet, und noch einigeunter der Hand, so daß er mein großer Freund war. Er sagtemir, Ascanio sey zu seinem alten Meister zurückgekehrt, undich möchte doch so gut seyn, ihm seine Mütze und Weste wieder-zugeben. Ich antwortete, Meister Franz habe sich übel betragen,und es sey dieses die rechte Art nicht; hätte er mir gleich ange-zeigt, daß Ascanio sich in seinem Hause befinde, so hätte ich ihmgern den Abschied gegeben; da er ihn aber zwei Tage im Hausegehalten habe, ohne mir es anzuzeigen, so würde ich nicht leiden,daß er bei ihm bliebe, und sie sollten es nur nicht darauf an-kommen lassen, daß ich ihn einmal dort erblickte. Alles dasüberbrachte Don Diego, und Franz spottete nur darüber.
Den andern Morgen sah ich Ascanio, der an der Seiteseines Meisters einige Lappalien arbeitete; er grüßte mich, da