Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Penvenutv Sellint.

er prahlte auch dießmal nicht, um mir Schaden zu thun,sondern es war eine Wirkung seines leeren und ungeschicktenGehirns, weil es auch scheinen sollte, als bekümmere er sich umtalentrciche Leute, die der König in seinen Dienst wünschte; erwollte darin dem Cardinal Ferrara gleichen. Wenn er nurnachher so klug gewesen wäre, und mir den Borsall gemeldethätte, so würde ich doch, um so einen dummen Strohmannnicht stecken zu lassen, aus Patriotismus irgend eine Ent-schuldigung gefunden, und seiner thörichten Prahlerei einiger-maaßen nachgeholfen haben. Sobald ich den Brief des hoch-würdigsten Cardinal Ferrara erhielt, antwortete ich sogleich,mir sey vom Cardinal Gaddi nichts in der Welt bekannt,und wenn er mich auch hätte bereden wollen, so würde ichmich ohne Borwissen Seiner Hochwürden Gnaden nicht ausItalien bewegt haben, besonders da ich in Rom mehr Arbeitals jemals finde; indessen würde ich mich auf ein Wort Seinerallerchristlichsten Majestät, das mir durch so einen Herrn zu-käme, sogleich auf den Wegmachen, und alles andere bei Seitewerfen.

In dieser Zeit dachte mein Geselle von Perugia, der Ver-räther, eine Bosheit aus, die ihm auch sehr gut gelang; denner erregte den Geiz des Papstes Paul Farnese, oder vielmehrseines natürlichen Sohnes, den man damals Herzog von Castronannte. Nun ließ mein gedachter Geselle einem der Secretäredes Herrn Peter Ludwig merken, daß er, da er mehrereJahre bei mir gearbeitet habe, wohl wisse, und sich verbürgenkönne, daß ich ein Vermögen von 80600 Ducaten besitze,davon der größte Theil in Juwelen bestehe, die eigentlich derKirche angehörten. Denn ich habe sie damals, bei der Ver-heerung Roms, im Castell St. Angelo bei Seite gebracht. Siesollten mich nur einmal schnell und ohne Geräusch wegfangenlassen.

Ich hatte einmal eines Morgens sehr früh über drei Stun-den an abgedachtem Brautschmucke gearbeitet, und indeß manmeine Werkstatt eröffnete und kehrte, warf ich meine Jacke über,um mir ein wenig Bewegung zu machen. Ich ging durch dieStrada Julia, und wandte mich an der Ecke nach Chiavicaum, da begegnete mir Crispin, der Bargell, mit seiner ganzenHäscherei, und sagte: Du bist ein Gefangener des Papstes!Darauf antwortete ich: Crispin, du irrst dich in der Person!Nein, versetzte er, du bist der brave Benvenuto: ich kenne dichrecht gut; ich habe dich nach Castell St. Angelo zu führen,wohin treffliche Männer und Herren deines Gleichen zu gehenpflegen.

Da nun hierauf viele seiner Leute sich auf mich Waisen, undmir mit Gewalt einen Dolch von der Seite und einige Ringevorn Finger reißen wollten, sagte er zu ihnen: Keiner unter-stehe sich, ihn anzurühren! Genug, daß ihr eure Schuldigkeitthut und ihn nicht entwischen laßt. Dann trat er zu mir, undverlangte mit höflichen Worten meine Waffen. Als ich sie ihmgab, fiel mir ein, daß ich an derselben Stelle den Pompeo er-mordet hatte. Daraus führten sie mich in's Castell, und schloffenmich in eines der Zimmer oben auf dem Thurm. Das war daserstemal, daß ich das Gefängniß schmeckte, und war eben sieben-unddreißig Jahre alt.

Zehntes Capitel.

H-rr Peter Ludwig, des Papste» natürlicher Sohn, in Hoffnung,gedachten Schatz zu erhalten, überredet seinen Vater, mit der äußer-sten Strenge gegen den Autor zu verfahren. Sr wird von demGouverneur und andern obrigkeitlichen Personen verbört, TrefflicheRede zur Vertheidigung seiner Unschuld. Peter Ludwig thut allerMögliche, ihn zu verderben, indessen der König von Frankreich sichfür ihn verwendet. Freundliches Betragen des Castellcommandantengegen ihn. Geschichte des Mönchs Pallavicini. Der Autor machtAnstalten zur Flucht. Der Papst, ungehalten über da» Fürwort desKönigs von Frankreich, beschließt, den Autor in lebenslänglichem Ge-fängniß zu halten.

Herr Peter Ludwig, ein Sohn des Papstes, bedachte diegroße Summe, wegen welcher ich angeklagt war, und bat so-gleich bei seinem Vater für mich um Gnade, unter der Bedin-gung , daß ich ihm ein Geschenk davon machte. Der Papst ge-währte ihm seine Bitte, und versprach zugleich, daß er ihmbehülflich seyn wolle, das Geld zu erlangen. So hielten siemich acht Tage im Gefängniß, nach Verlaus derselben sie mich,um der Sache einige Gestalt zu geben, zum Verhör holen ließen.Man brachte mich in einen der Säle des Castells: der Ort warsehr ehrbar, und als Examinatoren fand ich daselbst den Gou-verneur von Rom, Herrn Venedict Conversini von Pistoja,der nachher Bischof von Jesi wurde, sodann den Fiscal, dessenNamen ich vergessen habe, und den Criminalrichter, HerrnBenedict da Cagli. Diese drei fingen an, mich zu befragen,erst mit freundlichen Worten, dann mit heftigen und fürchter-lichen Ausdrücken; denn ich hatte zu ihnen gesagt: MeineHerren, schon über eine Stunde fragt ihr mich über Fabeln undleere Dinge; ihr sprecht hin und wieder, ohne daß ich weiß,was das heißen soll. Ich bitte euch, sagt, was ihr von mirverlangt? und laßt mich aus euerm Munde gründliche Wortehören, und nicht eitel Fabeln und Geschwätze.

Hierauf konnte der Gouverneur, der von Pistoja war, seinegrimmige Natur nicht mehr verbergen, und versetzte: Dusprichst sehr sicher, ja allzu kühn; dafür soll dein Stolz so kleinwie ein Hündchen werden, wenn du meine gründlichen Wortehören wirst, die weder Geschwätz noch Mährchen sind, wie dusagst, sondern eine Folge von Gründen, die du Mühe genughaben wirst, gründlich zu widerlegen. Und zwar wissen wirganz gewiß, daß du zur Zeit der unglücklichen Verheerung vonRom gegenwärtig in dem Castell St. Angelo warst, und mansich deiner als eines Artilleristen bediente. Da du nun eigent-lich Goldschmied und Juwelier bist, und Papst Clemens dichvorher gekannt hatte, auch kein anderer von dieser Professionin der Nähe war, ließ er dich insgeheim rufen, vertraute dirdergestalt, daß er die Juwelen seiner Kronen, Bischofsmützenund Ringe durch dich ausbrechen und in die Falten seinerKleider nähen ließ. Bei dieser Gelegenheit hast du für 80000Scudi heimlich entwendet. Dieses hat uns einer deiner Gesellengesagt, gegen den du dich dessen im Vertrauen gerühmt hast.Nun erklären wir dir freimüthig, schaffe die Juwelen und ihrenWerth herbei, so magst du alsdann frei wieder hingehen.

Als ich diese Worte hörte, konnte ich mich des lautenLachens nicht enthalten, und erst, nachdem ich mich eine Weileausgeschüttet, sagte ich: Gott sey gedankt, daß ich das erstemal,da es ihm gefallen hat, mich gefänglich einziehen zu lassen, soglücklich bin, nicht etwa wegen einer geringen Sache verhaftetzu werden, wie es öfters jungen Leuten zu begegnen Pflegt.