Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Beiwrimto (kellini.

nicht weiter meiner annehmen: ich sey ein wilder und gesähr- 'licher Mensch; er habe mich einziehen lassen wegen verschiedenerTodtschläge und anderer solcher Teufeleien. Der König ant-wortete auf's neue, auch in seinem Reiche Pflege man der bestenGerechtigkeit. Seine Majestät wisse die wackern Leute zu be-lohnen und zu begünstigen, und eben so die Uebelthäter zu be-strafen. Seine Heiligkeit habe den Benvcnuto gehen lassen,ohne nach dessen Arbeiten weiter zu fragen. Als er. der König,diesen Mann in seinem Reiche gesehen, habe er ihn mit Ver-gnügen in seine Dienste genommen, und verlange ihn nun alsden Seinigen zurück. '

Dieser Schritt des Königs brachte mir großen Verdruß und 'Schaden, so ehrenvoll mir auch der Antheil war. den er anmir nahm; denn der Papst war in rasende Verlegenheit gera-then, ich möchte nun, wenn ich hinginge, die verruchte Nichts-würdigkeit erzählen, die sie an mir begangen hatten; deßwegensann er nach. wie er mich. ohne seine Ehre zu verletzen, ausder Welt schaffen könnte.

Der Castellan des Castells St. Angelo war einer vonunsern Florentinern. mit Namen Herr Georg Ugolini. Dieserbrave Mann behandelte mich auf das gefälligste von der Welt.und weil er das große Unrecht kannte, das mir geschah, ließ ermich auf mein Wort frei umhergehen. Ich hatte ihm, um dieseErlaubniß zu erhalten. Bürgschaft leisten wollen. allein er ver-setzte. er könne sie nicht annehmen; denn der Papst sey übermeine Sache gar zu sehr entrüstet; aus mein Wort hingegenwolle er trauen; denn er höre von jeden:. was ich für ein zu-verlässiger Mann sey. Da gab ich ihm mein Wort. und erverschaffte mir zugleich die Bequemlichkeit, daß ich kleine Arbei-ten machen konnte. Nun bedachte ich, daß dieser Verdruß res ^Papstes, sowohl wegen meiner Unschuld als wegen der Gunst ^des Königs, doch vorübergehen müsse, und erhielt meine Werk- !statt offen. Ascanio, mein Gesell, kam und brachte mir Arbeit. !Vor Verdruß über das Unrecht. das mir geschah, konnte ich !zwar wenig thun. doch machte ich aus der Noth eine Tugend >und ertrug, so heiter als ich konnte, mein widriges Geschick. !indem ich mir zugleich alle Wachen und Soldaten des Castells !zu Freunden gemacht hatte. !

Manchmal speis'te der Papst im Castell, und unter derZeit waren die Thore nicht bewacht, sondern standen einem zjeden frei. wie an einem gewöhnlichen Palast. Man fand als- ^dann nöthig. die Gefängnisse mit mehr Sorgfalt zu verschließen; ^aber ich ward immer gleich gehalten, und konnte auch zu solchen ^Zeiten frei herumgehen. Oefters riethen mir einige Soldaten. >ich solle mich davon machen; sie wollten mir durch die Finger 'sehen, weil ihnen das große Unrecht bekannt sey, das mir ge- ^schehe. Daraus antwortete ich nur. ich habe dem Castellan !mein Wort gegeben, der ein so braver Mann sey, und der mir !so viel Gefälligkeit erzeigt habe.

Untermndern war ein tapferer und geistreicher Soldat, derzu mir sagte: Wisse, mein Benvenuto, daß ein Gefangener !nicht verbunden ist, und sich auch nicht verbinden kann. sein ^Wort zu halten oder irgend eine andere Bedingung zu erfüllen.Thue, was ich dir sage! fliehe vor diesem Schurken von .... ,und vor dem Bastard, seinem Sohn, die dir aus alle Weise ^nach dem Leben stehen. Aber ich. der ich lieber sterben wollte, ^als daß ich dem würdigen Castellan mein Wort gebrochenhätte, ertrug diesen ungeheuern Verdruß, so gut ich konnte, in

Gesellschaft eines Geistlichen aus dem Hause Pallavicini, der eingroßer Prediger war. Man hatte ihn, als eilten Lutheraner,eingezogen; er war ein sehr guter Gesellschafter, aber als Mönchder ruchloseste Kerl von der Welt, der zu allen Arten vonLastern geneigt war. Seine schonen Gaben bewunderte ich,und seine häßlichen Laster mußte ich auf's höchste verabscheuen.Auch unterließ ich nicht, ihn darüber ganz freimüthig zu tadelnund zu schelten, dagegen wiederholte er mir immer, ich sey alsGefangener nicht verbunden, dem Castellan mein Wort zuhalten. Darauf antwortete ich. als Mönch sage er wohl dieWahrheit, nicht als Mensch; denn wer Mensch und nicht Mönchwäre. müßte sein Wort unter allen Uniständen halten, in dieer gerathen könnte, und so wollte ich auch mein einfaches undtugendsames Wort nicht brechen. Da er hieraus sah. daß ermich durch seine feinen und künstlichen Argumente, so geschickter sie auch vorbrachte, nicht bewegen konnte, gedachte er michauf einem andern Wege zu versuchen. Er schwieg viele Tageganz von dieser Sache, las mir indessen die Predigten desBruder Hicronymus Savonarola. und machte so eine vortreff-liche Auslegung dazu. die mir viel schöner vorkam als diePredigten selbst, und mich ganz bezauberte. Ich hätte alles inder Welt für den Mann gethan, nur nicht, wie schon gesagt,mein Wort gebrochen. Da er nun sah, daß ich vor seinenTalenten eine solche Ehrfurcht hatte, fing er an, mit guterArt mich zu fragen, auf welche Weise ich mich denn hätteflüchten wollen, wenn mir die Lust dazu gekommen wäre? undwie ich, wenn man mich enger eingeschlossen hätte. das Ge-fängniß hätte eröffnen wollen? Diese Gelegenheit wollte ichnicht vorbei lassen, um diesem klugen Manne zu zeigen, daßich auch Geschicklichkeit und Feinheit besitze; ich sagte ihm, daßich jedes Schloß, selbst das schwerste, gewiß eröffnen wolle,und besonders die von diesem Gefängnisse sollten mich nichtmehr Bkühe gekostet haben, als ein Stückchen frischen Käse zuverzehren. Der Mönch, der mein Geheimniß zu erfahrenwünschte, verspottete mich und sagte: Die Menschen, die sicheinmal in den Ruf gesetzt haben, daß sie geistreich und geschicktsind. rühmen sich gar vieler Dinge: wollte man sie immer beimWort halten, so würde manches zurückbleiben, und sie würdeneinen guten Theil ihres Credits verlieren. So möchte es auchwohl euch gehen: ihr sagt so unwahrscheinliche Dinge, undwenn man die Ausführung verlangte, würdet ihr wohl schwer-lich mit Ehre bestehen.

Das verdroß mich von dem Teufelsmönche, und ich ant-wortete, daß ich immer viel weniger verspräche, als ich aus-zuführen verstünde; das. was ich wegen der Schlüssel behauptethätte, sey eine geringe Sache; mit wenig Worten solle er voll-kommen einsehen. daß alles wahr sey. Daraus zeigte ich ihmunbesonnener Weise mit großer Leichtigkeit alles, was ich be-hauptet hatte. Der Mönch, ob es gleich schien, als wenn ersich um die Sache nichts bekümmere, lernte niir, als ein fähigerMann. alles in der Geschwindigkeit ab.

Nun ließ mich. wie ich schon oben erwähnt habe. derwackere Castellan des Tags frei herumgehen; auch ward ich desNachts nicht wie die übrigen eingeschlossen. Ich konnte dabeiin Gold, Silber und Wachs arbeiten, was ich wollte; und sohatte ich auch einige Wochen mich mit einem Becken für denCardinal Ferrara beschäftigt; zuletzt verlor ich über meineneingeschränkten Zustand alle Lust. und arbeitete nur, um mich