Auswärtige Literatur und VolkSpoefie.
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fruchtbare Mannichfaltigkeit kann freilich faule Imaginationenerschrecken, ausschließenden Lehrweisen ein Aergerniß geben;aber diese Mannichfaltigkeit des Talents ist ein Zauber fürGeister, die sich genug erhoben, um es zu begreifen, kräftiggenug sind, ihm zu folgen.
„Es giebt Menschen, deren stark ausgesprochener Charakteruns anfangs in Erstaunen setzt, ja abstößt; hat man sich aberihrer Art und Weise befreundet, so schließt man ihnen sich an,gerade um der Eigenschaften willen, die uns erst entfernten.So sind die Werke unseres Dichters; sie gewinnen, wenn mansie kennt, und um sie zu kennen, muß man sich die Mühegeben, sie zu studiren; denn oft verbirgt die Seltsamkeit derForm den tiefen Sinn der Idee. Genug, alle andern Dichterhaben einen einförniigen Gang, leicht zu erkennen und zu be-folgen: aber er ist immer so unterschieden von den andern undvon sich selbst; man erräth oft so wenig, wo er hinaus will,er verrückt dergestalt den gewöhnlichen Gang der Kritik, jasogar der Bewunderung, daß man, um ihn ganz zu genießen,eben so wenig literarische Vorurtheile haben muß als er selbst;und vielleicht fände man eben so schwer einen Leser, der davonvöllig frei wäre als einen Poeten, der, wie er, sie alle unterdie Füße getreten hätte.
„Man darf sich also nicht verwundern, daß er noch nichtpopulär in Frankreich ist, wo man die Mühe fürchtet und dasStudium, wo jeder sich beeilt, über das zu spotten, was ernicht begreift, aus Furcht, ein anderer möge vor ihm darüberspotten, in einem Publicum, wo man nur bewundert, wennman nicht mehr ausweichen kann. Aber endlich fällt es unsdoch einmal gelegentlich ein, daß es leichter ist, ein Werk zuverbannen, weil es nicht für uns gemacht war, als einzusehen,warum es andere schön finden. Man begreift, daß vielleichtmehr Geist nöthig ist, um den Werth einer fremden Literaturzu schätzen, als zu bemerken, daß sie fremd ist, und das fürFehler zu halten, was sie von der unsrigeu unterscheidet. Mansieht ein, daß man sich selbst verkürzt, wenn man neue Genüsseder Einbildungskraft verschmäht, um des traurigen Vergnügensder Mittelmäßigkeit willen, der Unfähigkeit, zu genießen, derEitelkeit, nicht zu verstehen, des Stolzes, nicht genießen zuwollen.
„Als Goethe seine Laufbahn antrat, war die Literatur inDeutschland in einem Zustande, wie ungefähr jetzt in Frank-reich. Man war müde dessen, was man hatte, und wußtenicht, was an dessen Stelle zu setzen wäre; man ahmte Wechsels-weise die Franzosen, die Engländer, die Alten nach; manmachte Theorien auf Theorien, in Erwartung von Meister-stücken. Die Verfasser dieser Lehrgebäude rühmten die künftigenResultate ihrer Sätze, und bestritten die Hoffnungen entgegen-stehender Doctrinen, mit einer Lebhaftigkeit, welche an denZorn der beiden Brüder in Tausend und Einer Nachterinnert, die sich eines Tags im Gespräch über ihre Kinderverfeindeten, die noch geboren werden sollten.
„Goethe, welchen dieser Streit der Meinungen einenAugenblick von der Poesie abgewendet hatte, ward bald durcheinen herrischen Beruf wieder zurückgeführt; und sogleich be-schloß er, den Stoff seiner Prodnctionen in sich selbst zu suchen,in dem, was ihm Gefühl oder Nachdenken darreichte; er wolltenichts malen, als was er gesehen oder gefühlt hatte, und sofing für ihn die Gewöhnung an, woran er sein ganzes Leben
hielt, als Bild oder Drama dasjenige zu realisiren, was ihnerfreut, geschmerzt, beschäftigt hatte. Und so gedachte er seinerArt, die äußern Gegenstände zu betrachten, eine Bestimmtheitzu geben, und seine innerlichen Bewegungen zu beschwichtigen.Dieses bezeugt er uns selbst, und sein ganzes literarisches Lebenist in jenen merkwürdigen Zeilen zusammengefaßt. Lies't manihn, so muß man von dem Gedanken ausgehen, daß ein jedesseiner Werke aus einen gewissen Zustand seiner Seele oderseines Geistes Bezug habe; man muß darin die Geschichte derGefühle suchen, wie der Ereignisse, die sein Daseyn ausfüllten.Also betrachtet, geben sie ein doppeltes Interesse, und das-jenige, was man für den Dichter empfindet, ist nicht das ge-ringste. Und wirklich, was sollte man interessanter finden,als einen Menschen zu sehen, begabt mit reiner Empfindungs-fähigkeit, einer mächtigen Einbildungskraft, einem tiefen Nach-denken, der sich mit voller Freiheit dieser hohen Eigenschaftenbedient, unabhängig von allen Formen, durch das Uebergewichtseines Geistes die eine nach der andern brauchend, um ihnenden Stempel seiner Seele aufzuprägen! Welch ein Schauspiel,einen kühnen Geist zu sehen, nur auf sich selbst gestützt, nurseinen eigenen Eingebungen gehorchend! Giebt es wohl etwasBelehrenderes, als sein Bestreben, seine Fortschritte, seineVerirrungen? Aus diesem Gesichtspunkt verdient unser Dichterbetrachtet zu werden, und so werden wir ihn in diesen Blätternbeschauen, bedauernd, daß ihr Zweck unsere Studien über ihnnur aus seine Theaterstücke beschränkt hat, und daß die Gränzeneines Journals uns nöthigen, sein Leben nur oberflächlich zuskizziren."
Hier betrachtet nun der wohlwollende Recensent das körper-liche und sittliche Mißgeschick und die daraus entstandene Hy-pochondrie eines jungen Mannes, die sich hart und niedrig inden Mitschuldigcn, edler und freier imWerther, tieferaber, bedeutender und weitausgreifender im Faust manifestirt.
„Die Unbilden, welche der ersten Liebe des Dichters folgten,hatten ihn in düstere Niedergeschlagenheit geworfen, welche nochdurch eine epidemische Melancholie vermehrt ward, damalsunter der deutschen Jugend durch Verbreitung Shakspearesveranlaßt. Eine schwere Krankheit trat noch zu dieser verdrieß-lichen Sinnesart hinzu, woraus sie vielleicht entstanden war.Der Jüngling verbrachte mehrere Jahre in solchen Leiden, wiedie ersten Fehlrechnungen des Lebens, die Schwankungen einerSeele, die sich selbst sucht, gar oft einer glühenden Einbildungs-kraft zu fühlen geben, ehe sie für ihre Thätigkeit den Zweckgefunden hat, der ihr gemäß ist. Bald aufgeregt, bald ent-muthigt, vom Mysticismus sich zum Zweifel wendend, wandel-bar in seinen Studien, seine Neigungen selbst zerstörend, gereiztdurch die Gesellschaft, erdrückt durch die Einsamkeit, wederEnergie fühlend, zu leben, noch zu sterben; so war er in eineschwarze Traurigkeit gefallen, einen schmerzlichen Zustand, ausdem er sich erst durch die Darstellung des Werther befreite,und der ihm den ersten Gedanken an Faust eingab.
„Aber indessen das wirkliche Leben, wie es die gegenwärtigeSocietät bestimmt und geordnet hat, ihn durch sein ganzesGewicht erdrückte, freute sich seine Einbildungskraft, in jeneZeiten freier Thätigkeit zu flüchten, wo der Zweck des Da-seyns klar vorlag, das Leben stark und einfach. Es schien demmelancholischen entmuthigten Jüngling, daß er bequemer unterdem Harnisch des Kriegsmannes gelebt hätte, besser in der