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AuSwärtig« Liteiatur und Dolksporsie.
festen Burg des Ritters; er träumte sich das alte Deutschlandmit seinen eisernen Männern und rohen, freisinnigen, aben-theuerlichen Sitten. Der Anblick Gothischer Gebäude, beson-ders des Doms zu Straßburg, belebte nun völlig für ihn jenesZeitalter, das er vermißte. Die Geschichte, welche der Herrvon Berlichingen mit eigener Hand schrieb, bot ihm das Muster,das er suchte, und gewährte ihm den Grund seiner Dichtung.Und so entstand in seinem Kopse das Werk, das Deutschlandmit Entzücken aufnahm, und für ein Familienbild erkannte.
„Götz von Berlichingen ist ein Gemälde, oder viel-mehr eine weitgreifende Skizze des sechzehnten Jahrhunderts:denn der Dichter, welcher erst die Absicht hatte, es auszubildenund in Verse zu bringen, entschied sich, solches in dem Zustand,wie wir es besitzen, herauszugeben. Aber jeder Zug ist sorichtig und fest, alles ist mit so großer Sicherheit und Kühnheitangedeutet, daß man glaubt, einen der Entwürfe des MichelAngela zu sehen, wo einige Meißelhiebe dem Künstler zu-reichten, um seinen ganzen Gedanken auszudrücken. Denn wergenau hinsehen will, findet, daß im Götz kein Wort sey, dasnicht treffe; alles geht auf die Hauptwirkung los, alles trägtdazu bei, die große Gestalt des hinsterbenden Mittelallers zuzeigen. Denn man kann sagen, das Mittelalter sey eigentlichder Held dieses wunderlichen Dramas; man sieht es leben undhandeln, und dafür intereffirt man sich. Das Mittelalterathmet ganz und gar in diesem Götz mit der eisernenHand: hier ist die Kraft, die Rechtlichkeit, die Unabhängigkeitdieser Epoche; sie spricht durch den Mund dieses Individuums,vertheidigt sich durch seinen Arm, unterliegt und stirbt mit ihm."
Nachdem der Recensent den Clavigo beseitigt, und mitmöglichster Artigkeit das Schlimmste von Stelln gesagt hat,gelangt er zu der Epoche, wo der Dichter, in die Welt, in'sGeschäft eintretend, eine Zeit lang von aller Produktion ab-gehalten, in einem gewissen mittlern Uebergangszustand ver-weilt, im geselligen Umgang die düstere Rauheit seiner Jugendverliert, und sich unbewußt zu einer zweiten Darstellungsweisevorbereitet, welche der wohlwollende Referent mit eben so vielAusführlichkeit als Geneigtheit behandelt.
„Eine Reise nach Italien konnte kein gleichgültiges Ereig-nis; in dem Leben des Dichters bleiben. Aus einer Atmosphäre,die schwer und trüb gewiffermaaßen auf ihm lastete, wie sieeinen kleinen deutschen Cirkel umwölken mag, unter den glück-lichen Himmel von Rom, Neapel, Palermo versetzt, empfander die ganze poetische Energie seiner ersten Jahre. Den Stür-men entronnen, die seine Seele verwirrten, entwichen demKreis, der sie zu verengen strebte, fühlte er sich zum erstenmalim Besitz aller seiner Kräfte, und hatte seitdem an Ausdehnungund Heiterkeit nichts mehr zu gewinnen. Von dem Augenblickan ist er nicht bloß entwerfend, und wollte man auch seineConceptionen nicht alle in gleichem Grade glücklich nennen, sowird doch die Ausführung, wonach man vielleicht in der Poesiewie in der Malerei den Künstler am sichersten mißt, stets fürvollkommen zu halten seyn.
„Nach dem Bekenntniß aller Deutschen findet sich diesesVerdienst im höchsten Grade in zwei Stücken, welche sich un-mittelbar aus diese Epoche seiner Laufbahn beziehen, in Lassonämlich und Jphigenien. Diese beiden Stücke sind dasResultat einer Vereinigung des Gefühls der äußern Schönheit,wie man sie in der mittägigen Natur und den Denkmalen der
Alterthums findet, von einer Seite, und von der andern desZartesten und Allerfeinsten, was in dem Geiste des deutschenDichters sich entwickeln mochte. So wird im Lasso ein geist-reicher Dialog angewendet, in Schattirungen, wie Plato undEuripides Pflegen eine Reihe von Ideen und Gefühlen auszu-drücken, die vielleicht unserm Dichter allein angehören. DieCharaktere der Personen, ihre ideelle Beziehung, der Typus,den eine jede darstellt, man fühlt, daß er dieß nicht allein inder Geschichte von Ferrara gefunden hat; man erkennt die Er-innerungen, die er von Hause mitbrachte, um sie in den poe-tischen Zeiten des Mittelalters und unter dem sanften Himmelvon Italien zu verschönern. Mir scheint die Rolle des Lassogänzlich bestimmt zu einer bewundernswürdigen Nachbildungder Verwirrungen einer Einbildungskraft, die, sich selbst znmRaube gegeben, an einem Worte sich entflammt, entmuthigt,verzweifelt, an einer Erinnerung festhält, sich für einen Traumentzückt, eine Begebenheit aus jeder Aufregung macht, eineMarter aus jeder Unruhe; genug, welche leidet, genießt, lebtin einer fremden, unwirklichen Welt, die aber auch ihre Stürmehat, ihre Freuden und Traurigkeiten. Eben so zeigt sich JeanJacques in seinen Reverien, und so hatte der Dichter sich langegefunden, und mir scheint, er selbst spricht aus dem Mundedes Lasso, und durch diese harmonische Poesie hört man denWerther durch.
„Jphigenie ist die Schwester des Lasso; diese beidenhaben eine Familienähnlichkeit, die sich leicht erklärt, wennman weiß, daß sie beide zu gleicher Zeit geschrieben sind; undzwar unter dem Einfluß des Italiänischen Himmels. Da eraber in Jphigenien, statt der Stürme eines kleinen Hofes,die majestätischen Erinnerungen der Familie des Tantalus zuschildern hatte und, anstatt der Qualen des Wahnsinns derEinbildungskraft, das Schicksal und die Furien, hat er sich zueiner größern poetischen Höhe erhoben. In diesem Werk, welchesdie Deutschen und der Autor selbst für das vollendetste seinerdramatischen Compositionen halten, verhüllen sich ohne Wider-rede die Gefühle einer völlig Christlichen Zartheit und einerganz modernen Fortbildung unter Formen, dem Alterthumentnommen; aber es wäre unmöglich, diese verschiedenen Ele-mente harmonischer zu verbinden. Es sind nicht nur die äußernFormen der Griechischen Tragödie, mit Kunst-nachgeahmt; derGeist der antiken Bildkunst, in durchaus gleichem Leben, be-seelt und begleitet mit ruhiger Schönheit die Vorstellungen desDichters. Diese Conceptionen gehören ihm und nicht demSophokles, das bekenne ich; aber ich könnte ihn nicht ernsthaftdarüber tadeln, daß er sich treu geblieben. Und was habendenn Fenelon und Racine gethan? Wohl ist der Charakter desAlterthums ihren Werken genugsam eingedrückt; aber hat auchder eine dort die Eifersucht der Phädra gefunden, der anderedie evangelische Moral, welche durch den ganzen Telemachdurchgeht? Unser Dichter nun hat wie sie gehandelt: es warkeineswegs in seiner Art, sich völlig in der Nachahmung einesModells zu vergessen; er hat von der antiken Muse sich ein-dringliche Accente zugeeignet, aber um den Grundsinn seinerGesänge ihm einzuflößen, waren zwei lebendige Musen unent-behrlich: seine Seele und seine Zeit.
„Egmont scheint mir der Gipfel der theatralischenLaufbahn unseres Dichters; es ist nicht mehr das historischeDrama wie Götz, es ist nicht mehr die antike Tragödie wie