Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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AuSwSrtige Literatur und Volkspoesie.

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Iphigenie: es ist die wahrhaft neuere Tragödie, ein Gemäldeder Lebensscenen, das mit der Wahrheit des erster» das einfachGrandiose der zweiten verbindet. In diesem Werke, geschriebenin der Kraft der Jahre und der Fülle des Talents, hat ervielleicht mehr als irgendwo das Ideal des menschlichen Lebensdargestellt, wie ihm solches aufzufassen gefallen hat. Egmont,glücklich, heiter, verliebt ohne entschiedene Leidenschaft, derSüßigkeit des Daseyns edel genießend, mit Lebenslust demTode entgegengehend: dieß ist Egmont, der Held des Dichters.

Nun giebt es aber ein Werk unseres Dichters, nicht nurkeinem sonst vorhandenen vergleichbar, sondern auch abgesondertvon seinen eigenen zu betrachten. Es ist der Faust, die selt-same tiefe Schöpfung, das wunderliche Drama, in welchemdie Wesen jedes Ranges vortreten: vom Gott des Himmelsbis zu den Geistern der Finsterniß, von dem Menschen bis zumThiere und tiefer bis zu jenen ungestalteten Geschöpfen, welche,wie Shakspeares Caliban, nur der Einbildungskraft des Dich-ters ihr scheußliches Daseyn verdanken konnten. Ueber diesessonderbare Werk wäre gar sehr viel zu sagen; man findet derReihe nach Musterstücke jeder Schreibart, von dem derbstenPossenspiel bis zur erhabensten lyrischen Dichtung; man findetdie Schilderungen aller menschlichen Gefühle, von den wider-wärtigsten bis zu den zärtlichsten, von den düstersten bis zuden allersüßesten. Indem ich mich aber von dem historischenStandpunkt, auf welchen ich mich beschränke, nicht entfernendarf, und nur die Person des Dichters in seinen Werken suchenmag, so begnüge ich mich den Faust als den vollkommenstenAusdruck anzusehen, welchen der Dichter von sich selbst gegebenhat. Ja, dieser Faust, den er in seiner Jugend erfaßte, imreifen Alter vollbrachte, dessen Vorstellung er mit sich durchalle die Aufregungen seines Lebens trug, wie Camoens seinGedicht durch die Wogen mit sich führte, dieser Faust enthältihn ganz. Die Leidenschaft des Wissens und die Marter desZweifels, hatten sie nicht seine jungen Jahre geängstigt? Wo-her kam ihm der Gedanke, sich in ein übernatürliches Reich zuflüchten, an unsichtbare Mächte sich zu berufen, die ihn eineZeit lang in die Träume der Jlluminaten stürzten und dieihn sogar eine Religion erfinden machten? Diese Ironie desMephistopheles, der mit der Schwäche und den Begierden desMenschen ein so frevles Spiel treibt, ist dieß nicht die verach-tende, spottende Seite des Dichtergeistes, ein Hang zum Ver-drießlichseyn, der sich bis in die frühesten Jahre seines Lebensaufspüren läßt, ein herber Sauerteig, für immer in eine starkeSeele durch frühzeitigen Ucberdruß geworfen? Die Persondes Faust besonders, des Mannes, dessen brennendes, uner-müdetes Herz weder des Glücks ermangeln noch solches genießenkann, der sich unbedingt hingiebt und sich mit Mißtrauen be-obachtet, der den Enthusiasmus der Leidenschaft und die Muth-lvsigkeit der Verzweiflung verbindet, ist dieß nicht eine beredteOffenbarung des geheimsten und erregtesten Theiles der Seeledes Dichters? Und nun, das Bild seines innern Lebens zuvollenden, hat er die allerliebste Figur Margaretens hinzu-gesellt, ein erhöhtes Andenken eines jungen Mädchens, vonder er mit vierzehn Jahren geliebt zu seyn glaubte, deren Bildihn immer umschwebt und jeder seiner Heldinnen einige Zügemitgetheilt hat. Dieß himmlische Hingeben eines naiven,frommen und zärtlichen Herzens contrastirt bewundernswürdigmit der sinnlichen und düstern Aufspannung des Liebhabers,Goethe, Werke. V.

den in der Mitte seiner Liebesträume die Phantome seinerEinbildungskraft und der Ueberdruß seiner Gedanken verfolgen,mit diesen Leiden einer Seele, die zerknirscht, aber nicht aus-gelöscht wird, die gepeinigt ist von dem unbezwinglichen Be-dürfniß des Glücks und dem bittern Gefühl, wie schwer es seyzu empfangen und zu verleihen.

Da der Dichter niemals etwas schrieb, ohne daß man ge-wissermaaßen den Anlaß dazu in irgend einem Capitel seinesLebens finden könnte, so treffen wir überall auf Spuren derEinwirkung gleichzeitiger Begebenheiten, oder auch Erinne-rungen derselben. Zu Palermo ergreift ihn das geheimnißvolleSchicksal des Cagliostro, und seine Einbildungskraft, von leb-hafter Neugierde getrieben, kann diesen wunderbaren Mannnicht loslassen, bis er ihn dramatisch gestaltet, um sich selbstgleichsam ein Schauspiel zu geben. So entstand der Groß-Cophta, welchem das berüchtigte Abentheuer des Halsbandeszu Grunde liegt. Beim Lesen dieser übrigens sehr unterhal-tenden Komödie erinnert man sich, daß der Dichter einige Zeitzu ähnlichem Wahn hinneigte, wie der ist, den er entwickelt;wir sehen einen enttäuschten Adepten, der die gläubige Exal-tation der Schüler, so wie die geschickte Marktschreierei desMeisters darstellt, und zwar wie ein Mann, der die eine ge-theilt und die andere nahe gesehen hat. Män muß geglaubthaben, um so treffend über das zu spotten, woran man nichtmehr glaubt.

In den kleinen Komödien bei Gelegenheit der FranzösischenRevolution wird man keine übersichtliche Würdigung diesesgroßen Ereignisses erwarten, vielmehr nur einen Beleg, wiesich die augenblicklichen Einflüsse desselben in des Dichters Ge-sichtskreis lächerlich und widerwärtig darstellten. Diesen Ein-druck hat er auf eine sehr heitere Weise im Bürgergeneralfestgehalten.

Jery und Bätely, anmuthige Skizze einer Alpenland-schaft, ist als eine Erinnerung einer Schweizerwanderunganzusehen. Nun aber betrachten wir den Triumph derEmpfindsamkeit, ein Possenspiel in AristophanischerManier, als einen Ausfall des Dichters gegen eine Dichtart,die er selbst in Gang gebracht hatte. Dieses Stück ist eins vondenen, welche zu der, nach meiner Denkweise wenigstens, sehrübertriebenen Meinung der Frau von Stasi Anlaß gegeben.Dieser trefflichen Frau, welche sonst über unsern Dichter einigebewundernswürdig geistreiche Seiten geschrieben hat, und dieihn zuerst in Frankreich durch einige freie Uebcrsetzungen vollLeben und Bewegung bekannt machte, Frau von Stasi siehtin ihm einen Zauberer, dem es Vergnügen macht, seine eigenenGaukeleien zu zerstören, genug einen mystificirenden Dichter,der irgend einmal ein System festsetzt, und nachdem er esgeltend gemacht, auf einmal aufgiebt/um die Bewunderungdes Publicums irre zu machen und die Gefälligkeit desselbenauf die Probe zu stellen. Ich aber glaube nicht, daß mit einemso leichtsinnig hinterhältigen Gedanken solche Werke wären her-vorzubringen gewesen. Dergleichen Grillen können höchstensGeistesspiele und Skizzen des Talents veranlassen, mehr oderweniger auffallend; aber ich würde sehr verwundert seyn, wennaus einer solchen Quelle etwas stark Erfaßtes oder tief Gefühlteshervorginge. Solche Eulenspiegeleien geziemen dem Genie nicht.Im Gegentheil glaube ich gezeigt zu haben, daß der Dichter inallem, was er hervorbrachte, seiner innern Regung gefolgt sey,

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