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AuSwärtigr Literatur und Volkspoesie.
wie in allem, was er malte, er das nachbildete, was er gesehenoder empfunden hatte. Mit sehr verschiedenen Fähigkeiten be-gabt, mußte er in einem langen Leben durch die entgegen-gesetztesten Zustände hindurchgehen und sie natürlich in sehrvon einander unterschiedenen Werken ausdrücken.
„Auch will ich, wenn man es verlangt, wohl zugeben, daß,indem er den Triumph der Empfindsamkeit nach dem Werther,die Jphigenie nach dem Götz schrieb, er wohl lächeln konnte,wenn er an diese Verletzung ausschließlicher Theorien dachte,an die Bestürzung, in welche er jene Menschen werfen würde,die in Deutschland gewöhnlicher sind als anderwärts, und immereine Theorie fertig haben, um sie an ein Meisterwerk anzu-heften. Aber ich wiederhole, ein solches Vergnügen kann wohlseine Werke begleitet, aber nicht veranlaßt haben; die Quellewar in ihm, die Verschiedenheit gehörte den Umständen undder Zeit.
„Um nun die dramatische Laufbahn unseres Dichters zubeschließen, haben wir von Eugenieu, der natürlichenTochter, zu redeu, wovon die erste Abtheilung allein erschie-nen ist. Hier gehören die Personen keinem Land an, keinerZeit, sie heißen König, Herzog, Tochter, Hofmeisterin. DieSprache übertrifft alles, was der Dichter Vollkommenes indieser Art geleistet hat. Aber es scheint, wenn man die natür-liche Tochter lieft, daß der Dichter kein Bedürfniß mehrempfinde, sich mitzutheilen, und im Gefühl, daß er alles gesagthabe, nunmehr aufgiebt, seine Gefühle zu malen, uni sich inErdachtem zu ergehen. Man möchte sagen, daß er, müde, dasmenschliche Leben ferner zu betrachten, nun in einer imaginärenWelt leben möchte, wo keine Wirklichkeit ihn beschränkte und dieer nach Belieben znrecht rücken könnte.
„Also zurückschallend finden wir, daß der Dichter seine dra-matische Laufbahn mit Nachahmung des Wirklichen im GLtzvon Berlichingen anfängt, durch eine falsche Dichtart, ohne sichviel aufzuhalten, durchgeht — wir meinen das bürgerlicheDrama, wo das Herkömmliche ohne Hochsinn dargestellt wird; ^nun erhebt er sich in Jphigenien und Sginont zu einer Tra- ^gödie, welche, ideeller als seine ersten Versuche, noch auf der !Erde fußt, die er endlich aus deu Augen verliert und sich in !das Reich der Phantasien begiebt. Es ist wunderbar, dieser ?Einbildungskraft zuzusehen, die sich erst so lebhaft mit dem !Schauspiel der Welt abgiebt, sodann sich nach und nach davonentfernt. Es scheint, daß die Freude an der Kunst mit der ^Zeit selbst über das Gefühl dichterischer Nachahmung gesiegt !habe, daß der Dichter zuletzt sich mehr in der Vollkommenheit ^der Form gefiel als in dem Reichthum einer lebendigen Dar- !stellung. Und, genau besehen, ist die Form im Götz noch nichtentwickelt, sie herrscht schon in Jphigenien, und in der natür-lichen Tochter ist sie alles.
„Dieß ist die Geschichte des Theaters unseres Dichters, und ^stndirte man seinen Geist in andern Dichtarten, die er versucht ^hat, würde man leicht auf den verschiedenen Linien die Punktefinden, welche denen, die wir auf der unsern angedeutet haben,entsprechen; man würde Werther GLtz gegenüber, Hermannund Dorothea zur Seite von Jphigenien finden, und die Wahl-verwandtschaften würden sehr gut als Gegenstück zur natürlichenTochter gelten.
„Stimmt man uns bei, betrachtet man Goethes literarischenLebensgang als Reflex seines innern sittlichen Lebens, so wird
man einsehen, daß zu dessen Verständniß nicht eine Uebersetzungeinzelner Stücke erforderlich gewesen, sondern das Ganze seinertheatralischen Arbeiten; man wird fühlen, welches Licht dadurchüber diesen Theil seiner Bemühungen und seiner übrigen Werkefallen müsse. Dieß ist der Zweck, den Herr Stapfer auf einemerkwürdige Weise erreicht; er hat in einer geistreichen undausführlichen Notiz mit Fülle und Wahl die vorzüglichstenEreignisse des Lebens unseres Dichters gesammelt und zusam-mengereiht, in Fragmenten aus seinen Memoiren und in einerAnzahl Uebersetznngen seiner kleinen Gedichte; diese Mittelerhellen und vervollständigen sich Wechselsweise. Ihm ist manin dieser Sammlung die Uebersetzung des Götz, Egmont undFaust schuldig, drei Stücke des Dichters, welche am schwerstenin unsere Sprache zu übertragen sind; Herr Stapser hat sichjedoch talentvoll in diesem Falle bewiesen: denn indem erzwischen die Nothwendigkeit, etwas fremd zu scheinen, und dieGefahr, inexact zu seyn, sich gestellt fand, so hat er muthigdas erste vorgezogen; aber dieser Fehler, wenn es einer ist,sichert uns die Genauigkeit, welche alle die beruhigen muß, dievor allen Dingen vorn Uebersetzer fordern, die Physiognomieund Charakter des Autors überliefert zu sehen. Die übrigenTheile der Uebersetzung sind nach denselben Principien durch-geführt, und der Platz in unsern Bibliotheken ist diesem Werkeangewiesen zwischen dem Shakspeare des Herrn Guizot unddem Schiller des Herrn Barante."
Mtiee sur In Vie ei les Ouvraxes äe 6oetke
par
1826 .
Die dem ersten Theile jener Uebersetzung meiner drama-tischen Werke vorgesetzte Notiz, meine Lebensereignisse undschriftstellerische Laufbahn betreffend, durfte ich bei dieser Ge-legenheit auch nicht außer Acht lassen. Hier gab es mancherleizu denken und zu bedenken, und zwar im allgemeinsten, überMenschenwesen und Geschick. Das Gewebe unseres Lebensund Wirkens bildet sich aus gar verschiedenen Fäden, indemsich Nothwendiges und Zufälliges, Willkürliches und Nein-gewolltes, jedes von der verschiedensten Art und oft nicht zuunterscheiden, durch einander schränkt.
Die eigenthümliche Weise, wie der einzelne sein vergangenesLeben betrachtet, kann daher niemand mit ihm theilen; wie unsder Augenblick sonst nicht genügte, so genügen uns nun dieJahre nicht, und da der Abschluß am Ende mit unsern Wün-schen meistens nicht übereinstimmt, so scheint uns der ganzeInhalt der Rechnung von keinem sonderlichen Werth, wie denngerade dadurch die weisesten Menschen verleitet wurden auszu-sp.echen, daß alles eitel sey.
Der Biograph an seiner Stelle ist, als Dritter, gegen deuMann, dem er seine Aufmerksamkeit widmete, entschieden imVortheil: er hält sich an das Resultat, wie es im ganzen er-scheint, geht von da zurück auf das folgerechte und folgeloseHandeln, forscht nach den angewandten Mitteln, dem benutztenVermögen, den verborgenen Kräften, und wenn ihm auchmanches Besondere unentdeckt bleibt, so leitet ihn doch einreiner Blick auf das Allgemeine.