Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Volkspoesie.

zu warnen, so wären beide angenblicks unwiederbringlichverloren.

Ein Monolog des Marco in dieser Verlegenheit ist von derreinsten, gefühlvoll und glücklich abgesponnenen Selbstqnal.

Der Graf im Zelte. Wechselreden zwischen ihm undGonzago schildern seine Lage. Voll Vertrauen auf sich undseine Unentbehrlichkeit, ahnt er nichts von dem Mordanschlag,lehnt des Freundes Bedenklichkeiten ab, und folgt einer schrift-lichen Einladung nach Venedig.

Fünfter Act.

Der Graf vor dem Dogen und den Zehnen. Man befragtihn zum Schein über die Friedensbedingungen, die der Herzogvorschlägt, bald aber zeigt sich die Unzufriedenheit, der Ver-dacht des Senats. Die Maske fällt, und der Graf wirdgefangen genommen.

Haus des Grafen. Gemahlin und Tochter ihn erwartend.Gonzaga bringt ihnen die Trauernachricht.

Im Gefängniß finden wir den Grafen, zu ihm Gemahlinund Tochter und Gonzaga. Nach kurzem Abschied wird er zumTode geführt.

Ueber eine Verfahrungsart, die Scenen auf diese Weisean einander zu reihen, können die Stimmen getheilt seyn; unsgefällt sie als eine eigene Weise gar wohl. Der Dichter kannhier in bündiger Kürze fortschreiten, Mann folgt auf Mann,Bild auf Bild, Ereigniß auf Ereigniß, ohne Vorbereitungund Verschränkung. Der einzelne wie die Masse exponirt sichbeim Auftreten gleich auf der Stelle, handelt und wirkt sofort, bis der Faden abgelaufen ist.

Unser Dichter hat auf diesem Weg, ohne weder in Be-handlung noch Ausführung lakonisch zu seyn, sich sehr kurzgefaßt. Seinem schönen Talent ist eine natürlich freie, bequemeAnsicht der sittlichen Welt gegeben, die sich dem Leser undZuschauer sogleich mittheilt. So ist auch seine Sprache frei,edel, voll und reich, nicht sententiös, aber durch große, edle,aus dem Zustand Herfließende Gedanken erhebend und er-freuend ; das Ganze hinterläßt einen wahrhaft weltgeschicht-lichen Eindruck.

Sind wir nun aber in wohlmeinender Entfaltung desStücks soweit gegangen, wird man wohl die Entwicklung derCharaktere gleichfalls erwarten. Da sieht man denn gleich beider summarischen Aufzählung der Personen, daß der Verfassermit einem krittelnden Publicum zu thun hat, über das er sichnach und nach ganz erheben muß; denn gewiß nicht auseigenem Gefühl und Ueberzeugung hat er seine Personen inhistorische und ideelle getheilt. Da wir unsere unbedingte Zu-friedenheit mit seiner Arbeit ausgesprochen, so erlaube er uns,hier ihn zu bitten, daß er jenen Unterschied niemals wiedergelten lasse. Für den Dichter ist keine Person historisch; esbeliebt ihm, seine sittliche Welt darzustellen, und er erweis't zudiesem Zweck gewissen Personen aus der Geschichte die Ehre,ihren Namen seinen Geschöpfen zu leihen. Herrn Manzonidürfen wir zum Ruhm nachsagen, daß seine Figuren alle ausEinem Guß sind, eine so ideell wie die andere. Siegehörenalle zu einem gewissen Politisch sittlichen Kreise; sie haben zwar

keine individuellen Züge, aber, was wir bewundern müssen,ein jeder, ob er gleich einen bestimmten Begriff ausdrückt,hat doch so ein gründliches, eigenes, von allen übrigen ver-schiedenes Leben, daß, wenn auf dem Theater die Schau-spieler an Gestalt, Geist und Stimme zu diesen dichterischenGebilden passend gefunden werden, man sie durchaus fürIndividuen halten wird und muß.

Und nun zudem einzelnen. Vom Grafen selbst, den manschon genug kennt, bleibt wenig zu sagen. Die alte Forderungdes Theoristen, daß ein tragischer Held nicht vollkommen, nichtfehlerfrei seyn muffe, findet sich auch hier befriedigt. Vomrohen, kräftigen Natur- und Hirtenstande, gewaltsam kämpfend,herausgewachsen, gehorcht Carmagnola seinem ungebändigten,unbedingten Willen; keine Spur von sittlicher Bildung ist zubemerken, auch die nicht einmal, deren der Mensch zu eigenemVortheil bedarf. An Kriegslisten mag's ihm nicht fehlen; wenner aber auch politische Zwecke hat, die man nicht gerade deutlichsteht, so weiß er nicht dieselben durch scheinbare Nachgiebigkeitzu erreichen und zu sichern; und wir müssen auch hier denDichter höchlich loben, der den als Feldherrn unvergleichlichenMann in politischen Bezügen untergehen läßt, so wie derkühnste Schiffer, der, Compaß und Sonde verachtend, sogarim Sturm die Segel nicht einziehen wollte, nothwendig schei-tern müßte.

Wie nun ein solcher Mann sich in Rüstung und Gewandknapp erweis't, so hat ihm der Dichter auch eine nahe, sich festanschließende Umgebung verliehen.

Gonzaga, ruhig, rein, unmittelbar an der Seite desHelden zu kämpfen gewohnt, geradsinnig, des Freundes Heilbedenkeud, herandrohende Gefahren bemerkend. Vortrefflich istes, wenn in der dritten Scene des vierten Actes Carmagnola,der sich als Heldenmann rüstig fühlt, sich auch klüger dünkt alsder verständige Freund. Und so begleitet ihn Gonzaga auf demerst gefährlichen, dann tödtlichen Schritt, und übernimmt zu-letzt die Sorge für Gemahlin und Tochter. Zwei dem Grafenuntergebene Condottieri, Orsini und Tolentino, erklärenlakonisch ihre Thatkraft; mit wenigen Worten ist alles abgethan.

Wenn wir uns nun zum feindlichen Heere wenden, sofinden wir gerade das Gegentheil. Malatesti, ein unzuläng-licher Obergeneral, erst zweifelhaft, zuletzt von der heftigenPartei, von Sforza und Fortebraccio, hingerissen,welche die Ungeduld der Soldaten als Argument zum Kampfelebhaft vorbringen. Pergola, ein alter erfahrener Kriegs-mann, undTorello, von mittlerm Alter, aber einsichtig,werden überstimmt. Der Zwist belebt sich bis zu Beleidigungen;eine heldenmüthige Versöhnung geht vor dem Kampfe voraus.Nachher unter den Gefangenen finden wir keinen Anführer;nur der in der Menge entdeckte Sohn des Pergola giebt demGrafen Gelegenheit, im edelsten Sinne seine Hochachtung füreinen alten Kriegshelden auszusprechen.

Nun werden wir in den Venezianischen Senat eingeführt.Der Doge präsidirt. Er stellt das oberste, reine, unzcrtheilteStaatsprincip vor, das Zünglein in der Wage, das sich selbstund die Schalen beobachtet; ein Halbgott, bedächtig ohne Sor-gen, vorsichtig ohne Mißtrauen; wenn gehandelt werden soll,geneigt zu wohlwollendem Entschluß. Marino, das der Weltunentbehrliche, scharfe, selbstische Princip, welches hier un-tadelig erscheint, da es nicht zu persönlichem Interesse, sondern