Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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LIi-Lwsrtlq« Literatur und VoMpoesi«.

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nachgebracht haben. Nnn sind wir äußerst neugierig, was denndieser chrenwerthe Kritiker Herrn Manzoni als Fehler an-rechnen will, da er ihm als Tugend zugestanden, daß er sichvon dem alten Wesen, welchem leider Alfieri, zu seinem eigenengroßen Schaden, zugethan blieb, völlig losgemacht.

Wir dürfen auch über Alfieri reden: denn wir haben unsgenugsam an ihm hernmgequält; unsere Freunde haben ihn treuübersetzt, wir thaten das Möglichste, ihn auf unser Theater znbringen; aber der Widerspruch eine? großen Charakters beimächtigem Streben, eine gewisse Trockenheit der Einbildungs-kraft bei tiefem, leidenschaftlichem Sinn, der Lakonismus inAnlage sowohl als Ausführung, das alles läßt den Zuschauernicht froh werden.

Keineswegs denken wir hierdurch seine unsterblichen Ver-dienste zu schmälern, aber verwandelt er nicht z. B. mehrereseiner Stücke dadurch in vollkommene Wüsteneien, daß er sieauf so wenig Personen zurückführt? Die Alten hatten den Chorzur Seite, da sie öffentlich lebten, die Neuern ließen sich imInnern Vertraute gefallen; und wer lebt denn so allein, daßein geistreicher Dichter aus nothwendiger und wahrscheinlicherUmgebung nicht einen Mitredenden hervorbilden sollte, um dieHelden sowohl als die Zuhörer von den schrecklichen Monologenzu entbinden?

Hierin ist Manzoni gewiß musterhaft, wie jeder gleich ein-sehen wird, der unserer Entwicklung gefolgt ist; wie vielTheaterscenen haben wir denn, die sich der ersten des zweitenActes, im Zelte Malatesti's, vergleichen könnten?

Wäre es noch gegenwärtig mein Geschäft, der Ausbildungeines Theaters vorzustehen, so sollte Graf Carmagnola bei unswohl aufgenommen seyn, und wenn auch nicht als Liebling derMenge oft wiederholt, doch immer auf dem Repertorium alsein würdiges Männerstück in Ehren bleiben. Ja ich getrautemir zwei bis drei deutsche neuere Theaterstücke, welche sich jetztnur einen mäßigen Besuch erbitten müssen, ungesäumt an-zudeuten, welchen die Autoren durch eine Behandlung nachManzonis Vorgang einen sichern und dauernden Beifall er-werben könnten.

Unser Italiänischer Kritiker, indem er von Stücken spricht,die der Spur Alfieri's nachfolgen, sagt zwar, sie seyen ungefährvon gleichem Werthe, wir müßten aber seine große Einsichtund Consequenz nicht kennen, wenn wir nicht vermuthen sollten,daß er sie nach einer gewissen Rangordnung gestellt, die ge-ringern voran, die bessern hintennach genannt habe.

Hierzu bewegt uns das Vorurtheil für unsern Liebling,Herrn Manzoni, welcher zuletzt genannt wird; deßhalb wirdenn seinen Vorgänger, Herrn Ruffa, auch für bedeutendhalten, so daß wir, wenn seine Stücke uns zu Gesichte kommen,nach unserer deutschen Weise mit Billigkeit darüber sprechenwerden. Denn wir müßten sehr irren, wenn nicht manchesdarin zu finden seyn möchte, was man bei Alfieri vergebenssucht, und was uns Deutschen gar wohl zusagen dürfte.

Was dieser Dichter von sich selbst bekennt, wird uns folgen-dermaaßen mitgetheilt.

Diese Tragödien zu schreiben, trieb mich eine unwider-stehliche Gewalt. Unter Calabresen bin ich geboren, einem Volkezum Theil noch halb Waldmenschcn, muthvoll bis zur Wildheit,in Vorsätzen hartnäckig, in Leidenschaften unbegränzt. Und so

sah ich von Kindheit auf nur Beispiele von heroischen Hand-lungen und außerordentlichen Verbrechen, gegenseitiges An-prallen heftigen Wollen«, Blut, Mord, glühenden Haß, schreck-liche Rache, Brudermord, Vater- und Selbstmord, Mißthatenaller Art; und im Gegentheil Beispiele festen und kühnen, beimAnblick des härtesten Todes sich erhöhenden Muthes, Treueohne Gleichen, edlen Uneigennutz und unglaubliche Beständig-keit, redliche Freundschaft, großmüthige Züge von Feind zuFeind. Dergleichen alles traf meine jugendliche Phantasie.Unsere Ausgewanderten waren das allgemeine Gespräch, undwir hatten in unserer Kleinheit, nach Gleichniß Griechischerheroischer Zeiten, unsere Sinisse, Scironen und Procrusten,wie im Gegensatz auch unsere Alciden und Theseen. Der Volks-glaube an Zanberscbwestern und magisches Bethun, an Geisterder Ermordeten, die man sogar mit einem besondern Namengpiräi bezeichnete das alles umhüllte mit einem so wunder-samen und poetischen Duft jede Erzählung und Ueberlieferung,daß selbst die Ungläubigsten daran sich erfreuten. Ich aber alsKnabe ergetzte mich besonders, auf dergleichen Dinge zn horchen,sie mir anzueignen und sie wieder zu erzählen, und Kindermeines Alters hörten mir gern zu. Freilich war meinemelancholische Anlage hierbei immer mitwirkend; denn mirerschien und erscheint kein Gegenstand, so heiter er auch sey,ohne sich mit dem Düstern zu überziehen, das in meinemInnern herrschend ist.

Welchen Blick läßt uns ein solcher Dichter in jenes vonuns himmelweit entfernte Volk thun, wo gerade jetzt alle diesefürchterlichen Elemente am bewegtesten durch einander gehen!Wer zuerst Gelegenheit hat, Rufsa's Werke näher kennen zulernen, der gebe unsern lieben Landsleuten davon auslangendeKenntniß.

Graf Carmagnola

noch einmal.

isri.

Wir kommen gern zu unserm Frcund zurück, und hoffenmit Begünstigung unserer Leser; denn man kann bei einemGedicht eben so viel sagen als bei zehnen, und noch dazu inbesserer Folge. Wie gut und heilsam unsere erste Recensionanf den Autor gewirkt, hat er uns selbst eröffnet, und esgereicht zu großer Freude, mit einem so licbwerlhen Mannein nähere Verbindung getreten zu seyn; an seinen Aeußerungenerkennen wir deutlich, daß er im Fortschreiten ist. Mögen sotreue Bemühungen von seiner Nation und andern freundlichanerkannt werden!

Im vorgehenden Aufsatz haben wir ihn schon gegen seinenLandsmann vertheidigt; nun sehen wir uns in dem Falle, ihnauch gegen einen Ausländer in Schutz zu nehmen.

Die Englischen Kritiker, wie wir sie aus ihren vielfachenZeitschriften kennen, sind aller Achtung werth; höchst erfreulichist ihre Kenntniß auch fremder Literaturen; Ernst und Aus-führlichkeit, womit sie zu Werke gehen, erregen unsere Be-wunderung, und wir gestehen gern, daß viel von ihnen zulernen sey. Sodann macht es einen guten Eindruck, daß siesich selbst und ihr Publicum respectiren, welches freilich aufWort und Schrift höchst aufmerksam, schwer zu befriedigen, zuWiderspruch und Gegensatz immer aufgelegt seyn mag.