Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Auswärtige Literatur und Lolkspoesie.

Nun kann aber der Vertrag eines Sachwalters vor denRichtern, eines Redners vor landständischer Versammlung nochso gründlich und auslangend seyn, es thut sich doch ein Wider-sacher mit gewichtigen Gründen gar bald hervor, die aufmerken-den, erwägenden Zuhörer sind selbst getheilt, und irgend einebedeutende Sache wird oft mit der mindesten Majorität ent-schieden.

In solchem obgleich stillen Widerstreite befinden wir unsgelegentlich gegen ausländische und inländische Kritiker, denenwir Sachkenntniß keineswegs absprechen, oft ihre Prämissenzugestehen und dennoch andere Folgerungen daraus ziehen.

Den Engländer aber besonders entschuldigen wir, wenn ersich hart und ungerecht gegen das Ausland erweist: denn werShakspeare unter seinen Vorfahren sieht, darf sich wohl vomAhnenstölze hinreißen lassen.

Vor allen Dingen sey aber nun die Originalstelle hier ein-geschaltet, damit jedermann beurtheilen könne, gegen was nuruns auflehnen.

(juartsrlv ksvisw. Nr. XI.VII. v so. 1820. p. 86.

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Was uns besonders bewog, das Original hier einzurücken,war, daß wir vorerst die Gedankenfolge jenes kritischen Ver-trags ungestört dem Leser zur Beurtheilung vorlegen wollten,indem wir zu Gunsten unserer Polemik die Ucbersetzung zu zer-slücken und umzuwenden räthlich finden.

Der Verfasser des Grafen Carmagnola erklärt in seinerVorrede den angenommenen Theatereinheiten kühn den Krieg;wir aber, privilegirte Freidenker, wofür wir uns, undzwar auf Shakspeares Beispiel und Johnsons Gründe gestützt,selbst erklären, wir werden durch diesen Ncubekehrten für unserenordischen Begriffe von dramatischer Freiheit wenig Bestätigunggewinnen."

Hierauf erwiedern wir. Ein Engländer, der über zwei-hundert Jahre auf seiner Bühne die gränzenlosesten Freiheitengewohnt ist, was erwartet er für Bestätigung von einem aus-wärtigen Dichter, der in ganz andern Regionen, in ganz andern:Sinne seinen Weg geht?

Jedoch fürchten wir, daß die Jtaliäner, ehe sie auf ihre

alten herkömmlichen Gesetze Verzicht thun, eine bedeutendereUebertretung derselben verlangen werden."

Keineswegs! wir loben dagegen den Autor, der vor einemstrengen und, wie man am heftigen Widerstreite sieht, theil-weise unbiegsamen Publicnm handelt, wenn er als guter Kopf,Talent, Genie, durch sanftes Ausweichen versucht, eine löblicheFreiheit zu erlangen. Hierbei kann der Autor seine eigeneNation nicht einmal zu Rathe ziehen, geschweige eine fremde;eben so wenig darf er fragen, was Entfernte, Andersgebildetefür Vortheil aus seiner Arbeit gewinnen mögen?

Nun aber wird sich ausweisen, indem wir jenen kritischenVertrag fernerhin zerlegen und umstellen, daß der nicht sonder-lich gewogene Kritiker zu Ehren unseres Dichters dennoch günstigeZeugnisse abzulegen genöthigt ist.

Der Dichter verdient das Lob einer der Gelegenheit an-gemessenen Beredsamkeit."

Kann man vom Dramatiker mehr fordern und ihm mehrzugeben? Was könnte denn Beredsamkeit seyn, wenn sie nichtgelegentlich wäre? Das Englische Rednertalent wird deßhalbvon der Welt bewundert, weil so viel erfahrene, unterrichteteMänner bei jeder eintretenden Gelegenheit gerade das Rechte,Gehörige, Schickliche, im Parteisinn Wirksame anzusprechenverstehen. Dieses Bekenntniß also des Kritikers, nur in Eilehingeworfen, nehmen wir dienlich auf und geben ihm die eigent-liche Bedeutung.

Die Scheidescene des unglücklichen Grafen und seinerFamilie ist wahrhaft herzergreifend."

Also wahrhaft männliche Redekunst und herzergreifende,gefühlvolle Behandlung, beides zu rechter Zeit, am PassendenOrt, wird zugestanden. Wir verlangen nicht mehr, und derAutor wird es dankbar anerkennen. Wie muß uns nun aberfolgendes erfreuen!

Unterlassen können wir nicht, unsere Leser mit dem edelstenlyrischen Stücke, welches die neuere Italiänische Dichtkunst her-vorgebracht, bekannt zu machen; es folgt als Chor dem zweitenActe des Dramas. Eine Uebersetzung ist beigefügt."

Also auch das höchste lyrische Verdienst, zu dem rhetorischenund elegischen gesellt, wird dem Dichter zugestanden! Und dochhatte der Kritiker beliebt, seinen Vertrag mit den hartenWorten anzufangen:

Carmagnola fehlt es an Poesie."

Diese so dürrhin ausgesprochene Ungerechtigkeit wird durchjene Nachsätze keineswegs bewährt und begründet, sie sagenvielmehr gerade das Gegentheil. Wie es uns denn auch scheint,daß sich der Kritiker zuletzt keineswegs gut aus der Sache ziehe,wenn er sagt:

Und wir bekennen unsere Hoffnung, daß der Autor unskünftig durch glänzende Oden lieber befriedigen als durchschwache Tragödien verletzen werde.

Ehe wir weiter gehen, erlauben wir uns folgende Betrach-tung. Es giebt eine zerstörende Kritik und eine prodnctive.Jene ist sehr leicht; denn man darf sich nur irgend einenMaaßstab, irgend ein Musterbild, so bornirt sie auch seyen, inGedanken aufstellen, sodann aber kühnlich versichern, vorlie-gendes Kunstwerk passe nicht dazu, tauge deßwegen nichts,die Sache sey abgethan, und man dürfe ohne weiteres seine